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Narrentypen, Masken und Häser
Peter Haller

Teufel Bad Saulgau
Die ältesten, schon im späten Mittelalter urkundlich belegten Fasnachtsgestalten sind der "Teufel", die Verkörperung des Bösen schlechthin, und sein Abkömmling, der dämonenhafte "Wilder Mann", meist eine Art Waldmensch. Beide treten auch heute noch während der Fasnacht in unterschiedlicher Form in Erscheinung. Die nach mittelalterlicher Vorstellung ebenfalls dem Teufel nahestehenden Figuren der unheimlichen "Wilden Frau" und des häßlichen "Alten Weibes", aus denen sich, allerdings wohl erst nach Ende der Hexenprozesse, die "Hexe" entwickelt haben dürfte, werden auch schon zu jener Zeit erwähnt. Dabei war es damals offensichtlich durchaus üblich, daß gerade Teufelskleider auch aus dem Kirchenfundus für geistliche Spiele und Prozessionen zu Fasnachtszwecken ausgeliehen wurden oder auch umgekehrt. Teure Verkleidungen konnten sich die wenigsten leisten, so daß oft fast alles, was Wäschetruhe und Kleiderschrank hergaben, sowie Naturalien Verwendung fanden.

Masken wurden zunächst aus Fell, Leder, Lumpen, Stroh oder auch Ton hergestellt, oder man schminkte sich einfach mit Mehl oder Ruß, während Holzlarven, die wegen der guten Verarbeitbarkeit meist aus Lindenholz gefertigt werden, wohl erst in der Barockzeit aufkamen. Allerdings gehen die wenigsten der in der schwäbisch-alemannischen Fasnacht heutiger Ausformung so dominanten und sich inflationär vermehrenden Holzmasken auf Vorlagen aus früheren Jahrhunderten zurück (wie z.B. in Rottweil und Villingen), sondern sind in der Mehrzahl Neuschöpfungen des 20. Jahrhunderts, oft sogar erst aus jüngster Zeit. Diesen sogleich das Etikett "traditionell" oder "urtümlich" anzuheften, ist deshalb mehr als fragwürdig. Aber auch überlieferte Narrenfiguren haben im Zuge der Ästhetisierung im 20. Jahrhundert häufig eine Um- oder Neugestaltung erfahren. Neben den Holzmasken gibt es heute eine vergleichsweise geringe Zahl von Stoffmasken und noch weniger Pappmachémasken.

Mit der Entstehung der Offenburger Hexe und der Gengenbacher Hexe in den 1930er Jahren wurde die Hexengestalt, nun mit Holzmaske und deutlich beeinflußt durch die Märchenhexe, zu neuem Leben erweckt. Heute haben gerade Hexengruppen enormen Zulauf, da die Hexe als Maske dem Träger den größten Freiraum, jede Menge "Narrenfreiheit" und somit die beste Gelegenheit bietet, einmal richtig "die Sau rauszulassen". Und für viele Zuschauer sind Hexen schlichtweg "das Salz in der Suppe" jedes Umzugs. Ihre massenhafte Vermehrung droht allerdings, "die Suppe zu versalzen". Daß die Hexengestalt in der Fasnacht von Zeit zu Zeit Anfeindungen ausgesetzt ist und als frauenfeindlich hingestellt wird, hat ihrer Beliebtheit gerade auch bei jüngeren Frauen nicht im geringsten geschadet. Unbefangen tun sie es den männlichen "Hexen" gleich und reizen die spielerischen, possenhaften oder aber auch akrobatischen Darstellungsmöglichkeiten dieser Figur mitunter bis an ihre Grenzen aus: Schnürsenkel werden verknotet, Hüte entführt, Zuschauer mit dem Besen "bedroht" oder in unzweideutiger Weise angegangen ... ein Schelm, wer Arges dabei denkt!

Fuchsgfriß ElzachNeben den eingangs genannten Masken wurden auch "Tiermasken" bereits im Mittelalter getragen. Sie dienten als Allegorien  zur Darstellung der 7 Hauptsünden. So verkörperten z.B. der "Bär" die Unkeuschheit, den Zorn oder den Teufel selbst, der "Hahn" die Streitlust und die Geilheit, der "Fuchs" die Habsucht, Falschheit, Verschlagenheit und auch den Teufel, der "Esel" die Dummheit, Trägheit und Lüsternheit oder auch wiederum den Teufel selbst. Heute denkt natürlich kaum mehr ein Träger solcher Masken an deren ursprüngliche Bedeutung. Eine heute seltene Sonderform in dieser Kategorie sind der "Strohbär" in Wilflingen (Alb), bei dem das Stroh direkt auf die Kleidung gebunden wird und auch das Gesicht bedeckt, bzw. der "Urstrohmann" in Leipferdingen (Hegau) sowie der "Hoorige Bär" in Singen, die einen Arbeitsanzug mit aufgenähtem Stroh tragen, letzterer dazu eine Holzmaske. Hierbei handelt es sich jeweils um eine Mischung aus "Wildem Mann" und Bär.

Plätzler WeingartenIn allen südwestdeutschen Fasnachtslandschaften finden sich bestimmte Formen der sogenannten "Fleckle-", "Blätzle-","Spättlekleid" oder "Zottelgewänder", vermutlich eine der ältesten Verkleidungsarten überhaupt. Hierbei handelt es sich meist um Leinengewänder, auf die runde, rosetten- oder rautenförmige Stoffflicken so aufgenäht sind, daß das Untergewand deutlich sichtbar bleibt, oder die mit rechteckigen, dachziegel- bzw. rautenförmigen "Fleckle" - heute meist in regelmäßigen Reihen in vorgegebener, früher überwiegend in willkürlicher Farbfolge - so dicht besetzt sind, daß der Grundstoff kaum noch oder gar nicht mehr zu sehen ist. Dazu wird meist eine ebenfalls flickenbesetzte Haube, vereinzelt mit symbolträchtigem Hahnenkamm (s.o.), teils als Vollhaube mit Sehschlitzen und unterschiedlicher Ausgestaltung der übrigen Gesichtspartie oder aber als Teilhaube mit Holzmaske, vom "Hansel" in Waldshut am Hochrhein mit einer fein bemalten Drahtlarve getragen. Weitere althergebrachte Narrengestalten dieses Typs sind das Haigerlocher "Bischöfle", der "Narr" aus Fridingen a.d. Donau, der "Überlinger Hänsele", der Markdorfer "Hänseler", der Weingartener "Plätzler" und der Laufenburger "Narrone". Die Geister scheiden sich darüber, ob das "befleckte" Häs nun wirklich als Gegenstück zum noch nicht durch die Flecken der Sünde verunzierten Taufkleid, zur "Unbeflecktheit" anzusehen ist, zumal nicht alles und jedes in der Fasnacht einen tieferen Sinn haben muß, sondern durchaus auch nur irgendeiner Idee oder Laune entsprungen bzw. reine Spielerei sein kann. So nahm man früher wohl einen abgetragenen Anzug, sein Sonntagshäs oder ein Häs aus Sackrupfen, nähte wahllos bunte Stoffetzen drauf, und fertig war das Fasnachtshäs. Bei Bedarf konnten diese nach der Fasnacht dann wieder abgetrennt werden.

Die Bezeichnung "Hänsele", "Hänseler" bzw. "Hansel(e)" geht auf die Figur des "Hanswurst" zurück, den Tölpel und Spaßmacher, der mit dem "Harlekin" der italienischen "Commedia dell'arte" (Stegreifkomödie, um 1550 entstanden) sowie dem "Bajazzo" (süddt. "Bajaß") verwandt ist und von dem auch das Wort "hänseln" abgeleitet wurde. "Hansel" bzw. "Hänslin" waren aber auch seit der frühen Neuzeit im Volksmund gängige Bezeichnungen für den Leibhaftigen. Dies verdeutlicht einmal mehr die enge Verwandtschaft, ja zeitweilige Gleichsetzung von Narr und Teufel, läßt sich doch nach theologischem Verständnis jeder Maskenträger für eine befristete Zeit mit dem Teufel ein. Der Narr spielt, was er fürchtet, nämlich dem Teufel anheimzufallen.

Villinger NarroMit dem "Hansel(e)" (örtlich auch "Narro" genannt) kommen wir auch schon zur nächsten Narrenfigur. Diese Bezeichnung findet man insbesondere auf der Baar und im Schwarzwald, auf der Baar vor allem für den sogenannten "Weißnarr", der auch in der Rottweiler und Villinger Fasnet stark vertreten ist. Das Gewand oder "Kleidle" (wie es in Rottweil liebevoll heißt) des Weißnarren ist ein weißer, zweigeteilter Leinenanzug mit Larvenhaube, die vorwiegend mit Tier-, Personen- und Blumenmotiven bemalt sind1). Mit der allegorischen Darstellung der Hauptsünden in Form von Tierbildern offenbar(t)en die Träger ihre Laster. Aber auch die prachtvollen Gewänder selbst und Zierat wie Halskrausen, Schmuck am Haarkranz usw. verweisen auf die Laster der Putzsucht (= übertriebenes Wertlegen auf das Äußere, auf schmucke Kleidung) und der Eitelkeit, womit wohl auch der Adel und die Patrizier karikiert und verspottet werden sollten2). Das auch heute noch häufig auf den Gewändern zu findende Motiv des Türken läßt sich so erklären, dass der Türke - wie auch der Narr - zu früherer Zeit den ungläubigen Heiden symbolisierte. Daneben werden heute vorzugsweise heimatliche, familiäre und ortsbezogene Motive wie Trachtenfiguren, lokale Originale etc. vom Häsmaler gewünscht. Zu den meist mit Ölfarbe bemalten, teils künstlerisch wertvollen Gewändern wird in der Regel eine sogenannte "Glattlarve" aus Holz mit freundlichem, oft auch etwas naivem, manchmal fast geschlechtslos wirkendem Gesichtsausdruck getragen, die, wie auch das Gewand, auf die Barockzeit zurückgeht, sofern es sich nicht um Neuschöpfungen aus jüngerer Zeit handelt. Im an der Larve angebrachten Roßhaarkränzchen erkennen Kostümforscher den Rest einer barocken Allonge-Perücke. Die Zeichen an den Schläfen der Glattlarve zeigen an, wer die Maske "gefasst", d.h. bemalt hat. Jeder Fassmaler hat sein eigenes Zeichen. Nach Mezger sind die schönen Masken keine positiven Gegenbilder zu den dämonischen Gesichtslarven, sondern symbolisieren "die Täuschung und Verführung der Menschen durch äußerlich schöne Sendboten der Hölle". Zum Weißnarr gehört unverzichtbar das sogenannte "Gschell", das sind mehrere, meist auf Brust und Rücken über Kreuz getragene Schellenriemen. Daher wird er oft auch als "Gschellnarr"bzw. "Schellnarr" bezeichnet. In Hüfingen, Donaueschingen und Immendingen wird der Hansel(e) vom unmaskierten "Gretle" in Baaremer Tracht begleitet.

Gätterlet TettnangIm Schwarzwald findet man die Bezeichnung "Hansel" bzw. "Narro" für so unterschiedliche Figuren wie den Furtwanger "Spättlehanseli", den Wolfacher "Nußschalenhansel" und den "Bändelenarro" aus Zell am Harmersbach, zwei besondere Varianten des Spättlekleids, sowie den Wolfacher "Schellenhansel", der bereits dem nächsten Narrentyp zuzuordnen ist, den sogenannten "Schalks" oder "Hofnarrenfiguren", die heute eher selten in der Fasnacht anzutreffen sind, mit unterschiedlich geformten Eselsohrenkappen, in Zipfeln auslaufendem Obergewand, das ebenso wie die Hose oder Beinlinge (eine Art "Leggins") bisweilen farblich zweigeteilt ist ("Mi-parti" = "geteilte Tracht", häufig in Gelb und Rot, die als Narren- bzw. Schandfarben3) galten), teils auch mit Schnabelschuhen als uralten Narrenattributen. Der Schalksnarr mimte schon vor Jahrhunderten den Spaßmacher bei Hofe, verkörperte aber auch den anderen, nämlich weisen Narren, der es häufig als einziger wagen durfte, die Wahrheit zu sagen ("Narren und Kinder sagen die Wahrheit"). Der hier abgebildete "Gätterlet" aus Tettnang wurde in den 1950er Jahren nach alten Beschreibungen wieder neu belebt.

Neben diesen überkommenen Narrengestalten, die lokal auch als "Butzen"(sich verbutzen = eine Larve tragen) bezeichnet werden und zu denen auch zahlreiche Sonderformen wie z.B. das "Fransenkleidle" oder der "Schantle" in Rottweil zu zählen sind, ist in den vergangenen 75 Jahren, vor allem aber in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl von Fasnachtsfiguren entstanden, die  von örtlichen Übernamen oder Spottnamen (z.B. Bonndorfer Pflumeschlucker), Sagengestalten (z.B. Markdorfer "Kaujohle") oder sonstigen lokalen Besonderheiten bzw. Erzeugnissen (z.B. Bad Dürrheimer "Salzhansel", Neuhäuser "Bierweck", Überlinger "(Wappen)Löwe") abgeleitet wurden oder aber einen historischen Hintergrund haben (z.B. "Kappedeschle" von Radolfzell). An die Stelle der Glattlarve ist seitdem häufig die oft grob geschnitzte Maske mit markanten bis grotesken Zügen getreten (Schreckmasken). Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Doch in der Flut neuer Masken und Gestalten gibt es leider auch so manche weniger geglückte Kreation, ja manchmal bleibt der gute Geschmack ganz einfach auf der Strecke.

IHudelmale Kissleggnsbesondere in den Narrenorten im Bodenseeraum kümmern sich die unmaskierten "Narreneltern", "Narrenmutter" und "Narrenvater", im historischen Kostüm um den Nachwuchs, den sogenannten "Narrensamen". Sie sind ferner die Vertreter der närrischen Belange und nehmen an allen wichtigen närrischen Ereignissen teil, wobei früher auch in der Tracht der "Narrenmutter" stets ein Mann steckte. Doch auch hier sind die Frauen in jüngster Zeit zunehmend auf dem Vormarsch. Narrenvater und Narrenmutter sollen Adam als "Vater aller Narren" und die sündige Eva als "Mutter aller Narrheit" und negatives Pendant zur Mutter Gottes verkörpern.

Angeführt werden die Fasnachtsumzüge teilweise von dem (!) ebenfalls unmaskierten "Narrenpolizei" (auch "Narrenbolizei", "Narrebolle") oder "Narrenbüttel", der mit seiner Schelle die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich und das, was da kommt, lenkt. In Rottweil geht als Besonderheit der "Narrenengel" voraus.

Nicht organisiert sind die lärmenden Heerscharen von "Hemdglonkern" (Glonker = alemann. f. Gammler, Faulenzer) in ihren weißen Nachthemden mit oft weiß geschminkten Gesichtern, die meist am Abend des "Schmotzigen Donnerstag" ihren großen Auftritt haben. Die Hemdglonker sollen ihren Ursprung in einer von älteren Konstanzer Schülern im Nachthemd dargebrachten "Katzenmusik" (schräge, laute Musik) haben, die sich dafür rächen wollten, daß ein Lehrer sich geweigert hatte, sie mit "Sie" anzusprechen, und sie als "Hemdglonker", sozusagen als "noch nicht ganz trocken hinter den Ohren", bezeichnet hatte. In Konstanz finden Hemdglonkerumzüge nachweislich seit weit über 100 Jahren statt. Auch heute noch führen in Konstanz Schüler zeltförmige, beleuchtete Transparente beim Hemdglonkerumzug mit sich, auf denen die "Missetaten", Sprüche etc. der Lehrer zur Schau getragen werden. Das Nachthemd soll aber auch die Ebene des Bettes, des Fleisches und somit die Hauptsünde der Unkeuschheit symbolisieren. Wie dem auch sei, der Hemdglonker paßt jedenfalls perfekt in das Bild von der "verkehrten Welt". 


1) Bereits für das 14. Jhdt. finden sich in Berichten über höfische Maskenspiele auch Belege für reich verzierte und bemalte Kleider. Auch Abbildungen des von 1449 bis 1539 dokumentierten Nürnberger Schembartlaufs zeigen Schembartläufer, die den Weißnarren unserer Tage verblüffend ähnlich sind - mit schönen Glattlarven und Kleidern mit aufgemalten oder aufgenähten Bildern und Ornamenten. (Herbert und Elke Schwedt: "Malerei auf Narrenkleidern", in "Narrenbote" Nr. 29, 2005)
2) Schon in den städtischen Kleiderordnungen gegen Ende des Mittelalters wird deutlich, wie mit Mode geprahlt wird, wie mit der Mode das Selbstverständnis, die eigene Wertschätzung zum Ausdruck gebracht werden, wie man mittels Mode ganz bewusst provoziert. (Ulrich Mehler in "Pax et gaudium " Nr. 14, 2004)
3) Prostituierte in Wien mussten früher ein gelbes Tüchlein an der Achsel tragen, in Zürich und Bern verdeutlichte ein rotes Käppeli ihre niedrige Standeszugehörigkeit. Der äußerst schlechte Ruf, den die Farbe Gelb im Mittelalter hatte, dürfte hauptsächlich von den unheilvollen Wirkungen herrühren, die dem Safran zugeschrieben wurden. Die ätherische, ölartige Substanz dieser im Volksmund Krokus genannten Pflanze wurde für Lach- und Wahnsinnsanfälle verantwortlich gemacht, die auftreten konnten, wenn man sie zu lange einatmete.

© 2000 NarrenSpiegel, zuletzt aktualisiert 3/2006

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