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Hemdglonkerumzüge

Die Definition eines "Glonkers" ist nicht gerade schmeichelhaft: "einer, der rumhängt und nix taugt" oder "ein Mensch, der es mit der Pünktlichkeit nicht so genau nimmt, weil er viel zu bequem ist. Er ist ein nichtsnutziger Trottel, der sich zu keiner ernsthaften Arbeit aufraffen kann". Als Fasnetsfigur erfreut sich der "Glonker", der im Nachthemd auf die Straße geht, jedoch allseits großer Beliebtheit, "verkehrte Welt"!

Es ist dunkel. Weiß gekleidete Gestalten strömen in Scharen, je nach Ort am frühen Abend oder Morgen, zum zentralen Sammelpunkt, von wo sich der Zug der "Hemdglonker" bald in Bewegung setzen wird. Die "Hemdglonker", "Hemedglonker" oder "Hemdglunki" sollen ihren Ursprung in einer von älteren Konstanzer Schülern einem Lehrer im Nachthemd dargebrachten "Katzenmusik" haben. Katzenmusik1) ist nicht nur das Katzengeschrei in lauen Sommernächten, sondern das Wort wird schon seit dem 18. Jahrhundert für jede misstönende Musik verwendet. Damals war Katzenmusik ein wenig harmonisches Ständchen, das Studenten jemandem brachten, um ihn zu verhöhnen.

Manche Konstanzer meinen, der Zug der über ihre Lehrer spottenden Schüler gehe auf den "Kinderbischof" des 15. Jahrhunderts zurück. Andere mutmaßen, die Jesuiten hätten mit der Eröffnung ihres Gymnasiums 1604 einen solchen Schülerbrauch zugelassen. Konkrete Quellen finden sich aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts: 1879 wird von einem Hemdglonkerumzug erzählt, 1887 berichtet die "Konstanzer Zeitung" von einem "von Knaben gebildeten Hemdglonkerumzug", der ein scheußliches Spektakel gewesen sei. Im Jahr 1904 fabuliert man bereits von der 300-jährigen Tradition des Zuges, der nun eine gewisse Größe angenommen hatte. Wie dem auch sei: unverzichtbar sind in Konstanz die Transparente. Diese bieten der Schülerschar Gelegenheit, ihren Lehrern einmal eine närrische Rüge zu erteilen, allerdings immer unter dem Motto "Allen zur Freud - niemand zum Leid". Damit alles schön zu sehen ist, werden die auf Transparentpapier gemalten und geschriebenen Themen von innen beleuchtet. Auf ein Gestell aus Dachlatten ist das Papier aufgezogen. Zwei oder vier Schüler tragen das zeltförmige Transparent. Die erleuchteten schwankenden "Hauszelte" tragen im besonderen Maße zum optischen Reiz des nächtlichen Umgangs bei.

Im Gegensatz zu Konstanz, wo der Hemdglonkerumzug traditionell von den Schülern durchgeführt wird und Nicht-Schüler lieber als Zuschauer gesehen werden1), ist der Hemdglonkerumzug anderorts ein Ereignis für die ganze Familie: Zuschauer gibt es hier kaum, entweder man macht mit oder man bleibt daheim. "Hemdglonkern", das ist dann Fasnet für jedermann und ? Neudeutsch ? jederfrau, samt Kind und Kegel. Mehr oder weniger einheitlich ist auch das Häs, die Kostümierung, weißes Nachthemd und weiße Zipfel- oder Schlafmütze sind angesagt. Weiß ist auch oft das Gesicht getüncht, manchmal aber zeugt diese Gesichtsfarbe auch vom Zustand des fasnetsgeschädigten Glonkers. Dazu diverse Lärminstrumente, Topfdeckel, Büchsen, Rätschen, Trillerpfeifen ...zum "Tschättere", wie man lokal sagt, mancherorts auch Fackeln, Laternen und Saublotern, und allen Glonkern voran die Narren- oder Glonkermusik.

Hemdglonkerumzug in Überlingen beispielsweise, das ist wie ein Rausch. Sobald man sich dem Hänselebrunnen nähert, wird man aufgesogen vom tausendköpfigen lärmenden Heer der Glonker, und setzt dann der Narrenmarsch ein, so wird man hinweggerissen in einer der unzähligen Glonkerketten, die sich Hand in Hand wie Lemminge die Stadt hinabstürzen. In diesem Sog verliert man jedes Gefühl für Raum und Zeit und erwacht erst wieder, wenn man erschöpft auf der Hofstatt angelangt ist, wo beim abschließenden Stelldichein die Hemdglonker nochmals alle Kräfte mobilisieren, um mit Jucken und Tanzen und Lärmen den Umzug seinem furiosen Ende entgegen zu treiben.

Hemdglonkern auf dem Dorf, wie z.B. im Überlinger Stadtteil Lippertsreute, ist dagegen ganz anders, nicht so laut, nicht soHemdglonker in Lippertsreute wild, und doch auf seine Art faszinierend schön. Am Vorabend des "Schmotzigen Dunschtig" bildet er hier den passenden Auftakt zu den "tollen Tagen", während er in Überlingen am Abend des Fasnetsmentig bereits das nahe Ende der Fasnet in Erinnerung ruft. Mit der Glonkermusik voran, läuft hier der Umzug im Schein der Fackeln mehrere "Tankstellen" an. Bei den örtlichen Gaststätten, aber auch bei Privathäusern wird mehrmals Halt gemacht, um sich für den Weiterweg zu stärken: für die Erwachsenen gibt's Schnaps, für die Kinder Süßigkeiten und Brezele. Die Musik läßt sich nicht lumpen, und spielt für die großzügigen Spender ein Stück nach dem andern auf, wozu die Glonker schunkeln und mit einem kräftigen "Narri-Narro" oder "Hoorig, hoorig, hoorig isch die Katz" die Spender hochleben lassen. Beim zweiten Gasthaus angekommen, mündet der Umzug dann unmittelbar in den anschließenden Hemdglonkerball, wo bei geselligem Beisammensein und närrischem Klamauk die Stunden wie im Fluge vergehen.

Quellen: www.skol.de , "Narrengesellschaft Niederburg" und www.blaetzlebue.de

1) Beispiel: Am 13. März 1848 bricht in Wien die Revolution aus. Dem Polizeistaat Metternichs wird der Kampf angesagt. Mit häßlichen, lärmenden Katzenmusiken sucht die aufgebrachte Menge in diesem Jahr mehrmals unliebsame Personen des öffentlichen Lebens heim und stellt sie so an den Pranger.
2) ...Doch in den vergangenen Jahren lief der traditionelle Schülerumzug deutlich aus seiner althergebrachten Form: Immer mehr Nicht-Schüler wollen mitlaufen, drängen in die Reihen der Schüler, bringen das getragen-würdevolle Gewoge der weißen Narren durcheinander, ja sprengen den ganzen Zug. Das ärgert die Veranstalter, die Konstanzer Schulen und die Narrengesellschaft Niederburg, denn ein klassisches Merkmal der Konstanzer Straßenfasnacht droht auseinander zu fallen. "Der echte Hemdglonker trägt ein weißes Hemd (ideal auch Nachthemd) und eine weiße Zipfelmütze oder ein weißes Häubchen."Wichtige Utensilien für Hemdglonker sind natürlich Lärminstrumente, wie beispielsweise alte Topfdeckel, ferner "Saublotere". Was die Veranstalter hingegen keinesfalls sehen wollen sind Rasierschaum- und Creme-Schmierereien, da dies nicht von närrischem Humor zeugt, sondern nur Ärger und Verdruss verursacht. Auch Wasserspritzpistolen und jegliche Art von Knallkörpern sind absolut verpönt. (Südkurier, 26.2.03)
Konstanz 2003: 4000 Teilnehmer und 10000 Zuschauer

© 2002 NarrenSpiegel, zuletzt aktualisiert 2/2004

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