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Schwer auf Draht
Fastnächtlicher Mummenschanz unter der Drahtmaske

von Jürgen Stoll

Bemerkenswert häufig findet sich in einschlägigen närrischen Foren die Frage nach dem Woher, dem Ursprung der in einigen wenigen fastnachtstreibenden Zünften in Deutschland, Österreich und der Schweiz beim fastnächtlichen Mummenschanz verwendeten Draht(gaze)masken. Dass der Blick in die jeweilige Chronik, in die Historie dieser Zünfte reichlich unbefriedigend ausfällt, hat einer der Fragesteller bei seinem Eintrag resigniert bemerkt. Die Telfer Fastnachtshistorie beschränkt sich insbesondere auf den Werdegang der fantastisch anzusehenden Schleicherhüte, allerdings ohne auf die verwendete Drahtmaske einzugehen. In Siebnen in der Schweiz begnügt man sich allenfalls mit der Schilderung der Funktion, dem eigentlichen Wesen einer Fastnachtsmaske. Endingen am Kaiserstuhl sowie Weingarten bei Ravensburg haben sich auf die alte Tradition des Tragens einer Drahtlarve zurückbesonnen, allerdings ebenfalls in Unkenntnis des Ursprunges der Drahtlarve. Lediglich bei den Urzeln aus Agnetheln in Siebenbürgen lassen sich wenige Rückschlüsse auf die Herkunft der pelzumrandeten Drahtmaske ziehen. So gehörten doch die Kürschner zu den Zünften, die den Brauch stiften.



Um hier etwas Licht in die noch unerforschte Historie der Drahtmaske zu bringen, macht es Sinn, sich dem Thema aus Richtung des verwendeten Materials zu nähern. Im 1914 erschienenen Lexikon „Technik der Vorzeit“ von Franz M. Feldhaus finden sich unter „Drahtgeflecht“ und „Drahtmaske“ hochinteressante Eintragungen. So werden Fackelträger im 1526 fertiggestellten Holzschnittzyklus „Triumphzug Kaiser Maximilians I.“ erwähnt, welche Masken aus Drahtgeflecht vor dem Gesicht zum Schutz gegen die Funken tragen. Im digitalen Zeitalter lässt sich das in der Universitätsbibliothek Graz befindliche Exemplar des Holzschnittzyklus per Internet einsehen.
Feldhaus stellt eine Verbindung her zum Prinzip der Drahtkörbe an Sicherheitslampen in Bergwerken. Diese Hypothese findet Bestätigung in einem kolorierten Holzschnitt im Turnierbuch Freydal: „Des Kaisers Maximilian I. Turniere und Mummereien“ (Wien, Holzhausen, 1880–1882). Dieser zeigt Bergleute in einer Mummerei Maximilians I. in weißen Bergmannskitteln mit gleichfarbigen Kappen (Gugeln), übergebundenem gelbem Hinterleder und schwarz-weiß gestreiften Beinlingen. Das Gesicht wird hinter einer Drahtmaske verdeckt. Der Bergbau war im Reiche Maximilians I. ein bedeutendes und einträgliches Gewerbe. Weitere Quellen zum Gebrauch von Drahtmasken finden sich in den autobiografischen Veröffentlichungen über das Leben Maximilians I. im „Theuerdank“ (1517) und dem unvollendet gebliebenen „Weißkunig“ (um 1513).

Hochinteressant ein weiterer Holzschnitt, abgedruckt in „Fastnacht, Fasching, Karneval“ von Dietz-Rüdiger Moser, einer Reproduktion aus der „Geschichte des Grotesk-Komischen“ von 1914. Dargestellt wird der „Beanus“ (französisch bec jaune = Gelbschnabel im Sinne von Anfänger) bei einem Aufnahmezeremoniell der Universität. Liegend auf einer Bank wird er mit scharfem Beil behauen, behobelt und beschliffen. Er selbst sowie zwei Helfer tragen eine Narrengugel, die beiden Helfer sind maskiert mit einer Drahtmaske.

Dem Katalog von Eilers und Mey in Manebach aus den 20er-Jahren, lässt sich das reichhaltige Angebot von Drahtmasken explizit für
den Großhandel entnehmen. Repro: Jürgen Stoll


In den Jahren 1835 und 1836 lässt sich auch etwas über die Herstellung der Masken und ihrer Hersteller feststellen. Im Bericht der „Allerhöchst angeordneten königlich-bayerischen Ministerial-Kommission“ von der Industrieausstellung in München sowie im „Bericht über den Zustand der bayerischen Gewerbeindustrie“ erhält der Sieb- und Trommelmacher Andreas Wirth aus Würzburg eine „ehrenvolle Erwähnung“. „Die Drahtmasken haben den Vorzug vor den Wachsmasken, daß man in der derselben ausdünsten kann, und daß sie sehr dauerhaft sind.“ Wirth vertrieb seine maschinell gefertigten Masken an den Rhein, nach Hessen, Württemberg, Baden und in die „Vereinsstaaten“.

Auch Feldhaus dokumentiert 1914 diverse Hersteller von Drahtmasken. „J.J. Allard in Paris ließ sich auf Grund seines Patentes für Drahtgeflechte die Herstellung von Drahtmasken für den Karneval am 4. März 1824 für Frankreich patentieren. Für Österreich nahm am 21. Mai 1825 J.G. Philipp ein Privileg auf Drahtgeflechte und Drahtmasken nach der in Frankreich üblichen Art.“

Links: Fackelträger mit Drahtmaske, aus dem „Triumphzug Kaiser Maximilians I.“, 1526
Rechts: Holzschnitt aus dem Turnierbuch Fredal. Repro: Jürgen Stoll

Links: Fackelträger mit Drahtmaske, aus dem „Triumphzug Kaiser Maximilians I.“, 1526
Rechts: Holzschnitt aus dem Turnierbuch Fredal. Repro: Jürgen Stoll


Im Jahre 1839 berichtet Fanny Hensel, ebenfalls hochbegabte Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy, von ihren Erlebnissen beim römischen Karneval und dem dort wohl berüchtigten Hagel von Konfetti: „Die meisten Damen halten sich zu diesem Zweck Drahtmasken vor das Gesicht, da ich aber die Lorgnette brauche, kann ich dies Mittel nicht anwenden, sondern schütze mich durch den Schleier.“

Etwa ab 1880 fertigten in den südthüringischen Orten Manebach, Ohrdruf und Sonneberg mehrere Manufakturen mit einem Heer von Heimarbeitern neben Pappartikeln auch Drahtmasken für die Narren in aller Welt. Insbesondere die Firma Kochnitz aus Sonneberg spezialisierte sich auf Drahtmasken für den Export in die südamerikanischen Karnevalshochburgen. Klimatisch bedingt boten diese Masken zahlreiche Vorteile gegenüber den ebenfalls zu Hunderttausenden hergestellten Papierlarven der Thüringer. Einem Katalog der Firma Eilers und Mey in Manebach aus den 20er-Jahren lässt sich das reichhaltige Angebot von Drahtmasken explizit für den Großhandel entnehmen. Neben Masken, die junge Damen, Herren und Kinder zeigen, finden sich auch die „Zigeunerin“ oder „Neger“ und „Negerin“. Ein Dutzend junger Herren mit beweglichem Kinn kosteten 15 Reichsmark.

Das Tragen von Drahtmasken lässt sich heute noch in einigen Zünften des deutschsprachigen Brauchgebietes in Österreich, der Schweiz und in einigen Narrenstädten der schwäbisch-alemannischen Fastnacht im deutschen Südwesten anschaulich verfolgen. Bemerkenswert bei den bereits genannten Schleichern aus Telfs sowie bei den Röllelibutzen in Altstätten ist die Aufwertung der relativ einfach gestalteten Drahtlarve durch prächtige Kopfbedeckungen. So tragen die Schleicher den kompletten Querschnitt bäuerlichen Lebens und Brauchtums, einen Mikrokosmos der Volkskunst auf dem Kopf. Die über einen Meter hohen und bis zu zwölf Kilogramm schweren Hüte sind der Stolz eines jeden Schleichers. Die Röllelibutzen in Altstätten im sanktgallischen Rheintal veredeln ihre Larve mit einem prächtigen Kopfputz aus Glasperlen, Strass, Blumen und Federn, stark erinnernd an die Schönperchten der Tiroler Fastnacht. Siebnen und Reichenburg in der March können ebenfalls eine drahtverlarvte Narrenfigur nachweisen. Das Fossli Begleiter des eher bekannten Rölli, trägt eine solche Maske; sein Häs erinnert sehr stark an den Bändelenarro aus Zell am Harmersbach.

Fleischlichkeit im eindeutig zweideutigen Sinne sind
Wesensinhalt des Villinger Butzesels.Foto: Ralf Siegele
Die Schnitzwiiber aus Radolfzell am Bodensee sind die Hauptfigur der Radolfzeller Fasnet. Die von Männern dargestellte, früher in bürgerliche Frauentracht gewandete Narrenfigur, stellt mit ihrer Drahtlarve eine Ausnahme dar, in der ansonsten von Stoffmasken dominierten Bodenseeregion. Udo Biller, Malermeister und Drahtmaskenbauer aus Radolfzell, beschrieb 2008 ausführlich in einem Artikel des „Südkuriers“ den Werdegang, aber auch die Herstellung einer Drahtmaske für das Schnitzwiib. Interessant ist insbesondere die Tatsache, dass in den 60er-Jahren die Drahtlarve der Mode entsprechend einer Holzmaske, u. a. gefertigt von Manfred Merz aus Villingen, weichen musste. Tragekomfort und Anschaffungskosten waren wohl wenig später der Grund dafür, dass sich die Holzmaske nicht durchsetzte. Eine lange Haltbarkeit attestiert Malermeister Biller übrigens seinen Erzeugnissen, sofern sie nicht Opfer einer Saubloder würden oder sich jemand draufsetzt.

Narro und Hansele aus Waldshut am Hochrhein tragen ebenfalls Drahtmasken. Wiederauferstehung feierte die Drahtmaske in Altdorf-Weingarten als Urblätzler sowie in Endingen am Kaiserstuhl als Altjokili, wie vor 1934. Neuentdeckt hat die Narrenzunft Feuerbach dieses Material als Maske für ihren Narrensamen. Rundumsicht und bequemes Tragen waren ausschlaggebend für diese Wahl. Hergestellt werden die Masken in Eigenarbeit.

Von links: Weingartner Plätzler, Schnitzwiiber aus Radolfzell. Fotos: Ralf Siegele


Den größten Bedarf an Drahtmasken befriedigt zwischenzeitlich Verena Steiger aus Steinen in der Schweiz. Die gebürtige Innerschweizerin ist Maskenmacherin aus Passion und fertigt neben Pappmaschee- und gewachsten Textilgazelarven eben auch Drahtlarven, insbesondere für die Schweiz, aber auch für die deutschen Fastnachtshochburgen (s. Narri-Narro Ausgabe 2008).




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