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Masopust in Böhmen
Studnice: Die "Stute" leitet den Umzug.

Tschechische Fastnachtstraditionen ohne Gebrauchsspuren

Text: Matthias Kühn
Fotos: Ralf Siegele


Die böhmische Spielart der Fasnet unterscheidet sich in mancher Weise stark von der schwäbisch-alemannischen Variante – und doch finden sich verblüffende Gemeinsamkeiten mit den südwestdeutschen Traditionen. „Masopust“, von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt, wird vor allem in einigen tschechischen Dörfern immer noch sehr archaisch gefeiert.
Die wohl schönsten Beispiele unverstellter Tradition liefern drei ostböhmische Dörfer: In Vortová, Studnice und Hamry ist der Ablauf nahezu identisch.


Der "Strakaty" mit seiner "Frau":
Hinter allen Masken stecken Männer.


Wer zur Fastnachtszeit nach Ostböhmen reist, kann schnell das Gefühl bekommen, sich verfahren zu haben – und mitten im Schwarzwald gelandet zu sein. Denn die Fasnetsumzüge, die hier stattfinden, erinnern auf den ersten Blick stark an die schwäbisch-alemannische Fasnet. Gut 150 Kilometer östlich von Prag finden sich nämlich Tiermasken ebenso wie Strohfiguren.

Es sind vor allem winzige Straßendörfer mit kaum 200 Einwohnern, in denen „Masopust“, wie die Fasnet hier heißt, einem vorkommt wie ein Überbleibsel längst vergangener Tage. Dann kommt man sich eher wie in einem alten Film vor. Denn in diesen Dörfern trifft man gelegentlich sogar noch auf ein Pferdefuhrwerk, das nicht aus romantischen Gründen aus der Garage geholt wurde.

Niemand kann der Gruppe den EInlass verwehren.

Am Fasnetssamstag beweisen vor allem drei Dörfer rund um das Städtchen Hlinsko für einen einzigen Tag, dass sie als traditionelle Hochburgen kaum einen Vergleich zu scheuen brauchen mit Hausach, Villingen oder Elzach. Die Gegend ist alles andere als dicht besiedelt, selbst das Zentrum Hlinsko weist gerade mal 10 000 Einwohner auf. Die nächste größere Stadt ist rund 60 Kilometer entfernt: Der Verwaltungssitz Pardubice, wo immerhin rund 90 000 Menschen leben, ist bekannt für das härteste Galopprennen Europas.

Um Pferde geht es auch bei der Fasnet in den Dörfern Vortová, Studnice oder Hamry.
Allerdings nicht um Reitpferde – sondern um ihr Fleisch.


Schnaps für die Fastnachter – ganz entkommt keiner dem Rußen.



Außerhalb der Region nimmt kaum jemand die Tradition des „Masopust“ wahr, es gibt praktisch keinen Tourismus hier. Für die kleinen Orte selbst ist das ein Segen, denn schon wenige Hundert Schaulustige würden die gesamte Veranstaltung auf den Kopf stellen. Und klar ist auch: Nur ohne allzu großes öffentliches Interesse konnten sich die Bräuche über Generationen unverändert halten. Touristen fahren nach Prag – dort können sie nichts kaputtmachen, denn in der Hauptstadt wird „Bohemian Carnival“ gefeiert, fast frei von Tradition; es ist, wie der Name schon sagt, eine Abart des Karnevals. Und da geht es nun mal eher um Party und Verkleiden. Darauf haben sich längst auch Hotels und Restaurants in Prag eingelassen und bieten einer Zielgruppe von internationalen Feierwütigen geschmückte Räumlichkeiten an, in denen handelsübliche Popmusik in voller Lautstärke scheppert. Herzlich willkommen also beim „Bohemian Carnival“!


Den ganzen Tag sind die Feiernden in der Kälte unterwegs.

In den drei Dörfern läuft „Masopust“ natürlich völlig anders als der böhmische „Carnival“. Hier wirbt kein Tourismusverband, hier gibt es keine Restaurants, im Höchstfall
eine karg eingerichtete Kneipe – und hier bleiben die Einheimischen mehr oder weniger unter sich. Nur aus den umliegenden Dörfern und aus Städten wie Hlinsko und Pardubice kommen ein paar Zuschauer, hin und wieder sind Brauchtumsforscher staunend und frierend vor Ort. Wer auch immer kommt, wird reichlich belohnt für die Anreise am frühen Samstagmorgen.

Denn es geht in aller Frühe los mit dem Fastnachtsspiel. Schon kurz vor acht Uhr versammeln sich Maskierte im jeweiligen Dörfchen, um die Zeremonie zu beginnen. Am Anfang steht ein Ritual, das früher notwendig war und später irgend-wann ins Spiel einbezogen wurde: Die Feiernden müssen sich ihr Fest vom Dorfvorsteher genehmigen lassen. So zieht eine Schar verkleideter Menschen zum Amt des Bürgermeisters. Natürlich wird die Genehmigung erteilt – was zu früheren Zeiten nicht immer selbstverständlich war.


Strohmann und Schornsteinfeger in Vortová bei der Arbeit.



























Vergebliche Wehr gegen die übelriechende Paste.


In den drei zu dieser Zeit meist verschneiten Dörfern sind die Maskentypen, wie auch die Rituale fast identisch: Es sind vor allem zwei Typen, die auf den ersten Blick zu unterscheiden sind – die „Roten“ und die „Schwarzen“. Die schönste Maske gehört dem „Strakatý“, dem Bunten, wobei auch hier meistens das Rot dominiert. Begleitet wird der „Strakatý“ von seiner Frau. Seine Frau? Nein, hinter der weiblichen Verkleidung steckt traditionsgemäß ein Mann! Die beiden haben einen Hofstaat um sich versammelt, der sich an Figuren und Personengruppen aus der wechselhaften Geschichte der Region anlehnt: Das sind vier „Türken“ und meist eine Stute – mit handwerklich ausgefeilte Masken, hinter denen sich ausschließlich männliche Dorfbewohner verstecken.Dann kommen die schwarzen Masken, die auch Dunkles im Schilde führen – die Einheimischen, die in ihren Häusern warten, werden das bald zu spüren bekommen: Ein Schornsteinfeger ist dabei, ein Abdecker, ein paar Strohmänner – und „Juden“. Und weil „Masopust“ wie die Fasnet ohne Musik nicht denkbar ist, vervollständigt eine Blasmusikgruppe den kleinen Umzug.

Unterwegs zum nächsten Streich. Das Spiel erinnert mit
seinen FIguren sehr an das Grosselfinger Narrengericht.

In einem Straßendorf wie Vortová kann schon allein deshalb niemand übergangen werden, weil tatsächlich alle Häuser des Ortes direkt an der Durchfahrtsstraße stehen. Außerdem hat so gut wie jeder der Heimgesuchten einen Verwandten in der Besuchsgruppe. Die geht nun lautstark von Haus zu Haus, der schöne „Strakatý“ und seine Frau erbitten Einlass – der wird widerwillig gewährt, obwohl die Leute genau wissen, was auf sie zukommt. Denn nun erledigt jeder Maskierte seine eigene Aufgabe in einem festgelegten Ritual. Der Umzug wird von der Stute geleitet; am Ende des Zuges geht der Abdecker, der auf seine Aktion freilich noch etwas warten muss.


Rustikal, derb und ursprünglich sind die Masken
der böhmischen Variante der Fastnacht.

Die Kapelle spielt, aber nicht um sonst: Die Hausbewohner haben, ob sie wollen oder nicht, ihren Obolus zu entrichten. Je mehr Geld die Frau einsammeln darf, desto mehr wird gespielt und desto mehr tanzen die als „Türken“ verkleideten Bewohner des Dorfes vor dem Haus. Weit und breit ist also zu sehen, ob jemand knausert oder ob tatsächlich ein bisschen Geld den Besitzer wechselt. Das wirkt. Jetzt treten auch die Schwarzen in Aktion – und jetzt wird’s derb:

Der Schornsteinfeger fängt an, die Hausbewohner mit einer Paste aus Ruß, Creme und Öl zu beschmieren, die zusätzlich ziemlich übel parfümiert ist. Natürlich wehren sich die Leute gegen dieses unangenehme Ritual; also müssen die Strohmänner und sogar die Stuten eingreifen und hin und wieder jemanden festhalten.

Es geht äußerst rustikal zu, vor allem, wenn die Strohmänner die Hausbewohner recht grob in den Schnee werfen. Aber die vermeintlichen Opfer haben durchaus etwas davon: Gelingt es den Frauen, einen Strohhalm aus dem Häs zu ziehen, bedeutet das für das folgende Jahr Gesundheit – und viele Gänseküken.

Die als Juden verkleideten Fastnachter bieten verschiedene Dienste an: Sie schnei-den Haare und sie rasieren. Und sie handeln, sie versuchen, den Hausbewohnern Sachen anzudrehen. Gerade für deutsche Besucher scheint das vorurteilsvolle Bild und die klischeebehaftete Verkleidung vom handelnden Juden reichlich bizarr – hier gehört es einfach zum Brauchtum, was immer man davon halten mag.



Auch der Abdecker nimmt in den Häusern eine Rolle ein: Er untersucht Mensch und Vieh gleichermaßen, hauptsächlich aber bietet er die Stute zum Verkauf an. Traditionell erfolglos; die will keiner haben. So zieht die Gesellschaft von Haus zu Haus, den ganzen Tag lang laufen dieselben Rituale ab. Es gibt natürlich nicht nur Geld für das schöne Paar und die Blasmusik – die Bewohner der Dörfer müssen ihre Besucher auch verköstigen. Zu essen gibt es traditionell geräuchertes Fleisch und extra für den Besuch gebackene Krapfen. Zu trinken werden meistens Bier, Most und Schnaps, also fast durchweg alkoholhaltige Getränke gereicht. Kein Wunder also, dass die Späße im Lauf des Tages derber werden und dass Kälte und Schnee den Agierenden immer weniger ausmachen.

Erst gegen 18 Uhr, wenn es längst dunkel ist, kommen endlich alle ins Warme. Da versammeln sich die Dorfbewohner in der Kneipe, und alle Männer und Frauen wer-den Zeugen einer eigentlich barbarischen Aktion: Die Stute soll nämlich geschlachtet werden. Jetzt steht erstmals der Abdecker im Vordergrund. Er verliest die zahlreichen Sünden, die sich die Stute übers Jahr geleistet hat. Und er kommt zu einem verheerenden Urteil, das natürlich jedes Jahr gleich lautet: Die arme Stute muss getötet werden.

Während die "Frau" das Geld einsammelt, tanzen
die "Türken" vor dem Haus.

Alle Maskierten nehmen daraufhin Hüte und Mützen ab, blicken traurig drein, die Blasmusik spielt ein passendes Lied dazu, sodass wirklich jeder von der Trauer um das verurteilte Tier erfasst wird. Dann wird der Stute mit einem Stab gegen den Kopf geschlagen.

Dieser Tod allerdings währt nicht lange. Ein Gläschen Schnaps erweckt die soeben geschlachtete Stute wieder zum Leben. Für die Maskierten heißt das: Mütze auf, Hut auf – und weitertanzen. Denn die Blasmusik schwenkt wieder zu heiteren Weisen um. Bei entsprechend fröhlicher Musik bleibt es für den Rest der Veranstaltung. Gefeiert wird bis in die frühen Morgenstunden. Bis in die Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts fand der Umzug am letzten Tag der Fastnacht statt, also am Dienstag. Da am Aschermittwoch aber auch in Tschechien alles vorbei ist, musste die Veranstaltung bereits um Mitternacht ein Ende finden – schon um der Tradition willen. Das gefiel den Leuten verständlicherweise irgendwann nicht mehr, also verlegte man kurzerhand den „Masopust“-Umzug auf den Samstag. Das Dörfchen Hamry bildet hier eine Ausnahme: Dort wird der Umzug manchmal schon zwei Wochen vor der eigentlichen „Masopust“ begangen. Und in Vortová gibt es einen ungewöhnlichen, geradezu skurrilen Unterschied bei der Kostümierung: Hier tragen die Aktiven Bilder von nackten Frauen auf den Hüten, ausgeschnitten aus Illustrierten. Zurückverfolgen lässt sich der Brauch übrigens bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Verändert haben sich die Rituale seither kaum, was auch dafür verantwortlich war, dass die UNESCO die „Masopust“-Umzüge in dieser Region um Hlinsko 2010 zum Weltkulturerbe erklärte. Die Gaben der Einheimischen sind moderner geworden. Während noch bis zum Zweiten Weltkrieg hauptsächlich Eier und Mehl gespendet wurden, gehören inzwischen neben Krapfen und Räucherfleisch durchaus auch mal Schokoriegel zur Verpflegung der lästigen Besucher.


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