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Lichtmeß in Spergau
Ein alter Heischebrauch in Sachsen-Anhalt

Text & Fotos: Hardy Gertz

Lichtmeß, dieses Wort zaubert um Maria Lichtmess ein Leuchten in die Augen wohl aller Spergauer. Aber das Lichtmeß-Spektakel, welches seit ewigen Zeiten stattfindet, schreibt sich hier mit „ß“, da sind die Spergauer eigen. Und genauso verhält es sich mit diesem alten Brauch, der die NS-Zeit und anschließend auch die DDR überlebt hat.

Die Pferde jagen den Pflug durch die Glut des Lichtmeßfeuers.


Spergau ist eine kleine Gemeinde nahe Halle an der Saale, also ein Gebiet weitab jeglichen närrischen Treibens im Südwesten Deutschlands. In einer närrischen Tradition sehen die Spergauer allerdings ihr Schaffen überhaupt nicht. „Mit Fasching hat dies hier nichts zu tun, wir sehen uns vielmehr in einer uralten Tradition unserer Väter und Vorväter“, betont der Älteste Küchenbursche, Jens Franke. Er hatte mit diesem Rang 2010 die oberste Stufe erklommen, das höchste Amt erreicht und damit gleichzeitig seinen Abschied aus der Lichtmeßgesellschaft eingeläutet. Denn höher geht es nicht mehr, lediglich auf einen Nebenposten als Bär, Pferd oder Milchkannenträger darf er künftig hoffen.

Der Läufer ist die bunteste Figur, die wichtigste aber ist der Küchenbursche. Sie steht in der Hierarchie ganz oben.
Manch einer hat seine Hochzeit verschoben, um diese Rolle spielen zu können.


Der Erbsbär ist „älteren Herren“ vorbehalten.
Das Kostüm kann nur im Liegen angezogen werden.
Nur die Ledigen dürfen

Der Karrierestart in die Spergauer Lichtmeß erfolgt bei den meisten Spergauer Jungen bereits im zarten Kindesalter, wenn schon mal die verschiedensten Figuren nachgeahmt werden, hauptsächlich Pritscher oder Schwarzmacher, ohne aber tatsächlich am Geschehen beteiligt zu sein. Mit frühestens 14 Jahren dürfen dann nur gebürtige Spergauer Jungen Mitglied der Lichtmeßgesellschaft werden und dies als Erwachsene nur so lange, bis sie heiraten; verheiratete Spergauer dürfen das Spektakel später lediglich vom Straßenrand aus betrachten. Von Jahr zu Jahr steigt man dann allmählich die Lichtmeßleiter Sprosse für Sprosse nach oben. Jede Sprosse ist ein neuer Rang. Angefangen als Eierfrau über Pritscher, Schwarzmacher, Zigeuner, Soldat, Wurststange, Karre, Sänger, Bärenführer, Guckekasten, Zweiter Handelsmann, Erster Handelsmann, Registrator und Läufer bis hin zum Küchenburschen ist es ein recht langer Weg. Spergauer wissen, dass es da auch mal die Verlegung von Hochzeitsterminen gab, nur um bis ins höchste Amt zu gelangen. Also haben Frauen doch irgendwie mitzureden bei der Lichtmeß in Spergau. So dürfen sechs unverheiratete, volljährige Frauen den Burschen als Küchenmädchen helfend zur Seite stehen.

Der Registrator fragt lautstark nach Ferdinand Sausebraus, Gustav Knickebein, Philip Käseflunsch oder Rosalie Stoßmichnicht,
die Masse antwortet stets im Chor: „Hier!“


Vorbereitungen zur Lichtmeß beginnen bereits Wochen vorher. Da sieht man etwa den Registrator in der freien Feldflur lautstark üben. Denn er ist es, der in aller Herrgottsfrüh des großen Tages die Vollständigkeit im Kasernenton überprüft. Und um die Stimme so richtig in Form zu bringen, brüllt er schon Tage zuvor außerhalb von Spergau jene Namen in die Winterlandschaft, die seit ewigen Zeiten gefragt sind. Auch ein ganz besonderer Lichtmeß-Schnaps muss von den Küchenburschen in ausreichender Menge „mit diesem und jenem sowie Kräutern und Gewürzen“ produziert werden, ganz nach dem Spergauer Reinheitsgebot. Das Rezept kennen nur die ältesten Küchenburschen, die es jeweils an ihren Nachfolger weitergeben. Dieser besondere Schnaps wird dann all jenen dankbar ausgeschenkt, die eine Gabe für die Lichtmeßgesellschaft parat halten, sei es in Naturalien oder in Münzform.

Der Lichtmeßschnaps ist obligatorisch.


Läufer = le fou = der Narr

Im Zentrum der Spergauer Lichtmeß steht der Läufer, von Auswärtigen auch gern Bändermann genannt. Er ist die Zentralfigur, er verkörpert den nahenden Frühling, er hat an Lichtmeß aber auch das strammste Programm zu absolvieren. Und dieses beginnt bereits mitten in der Nacht, so um 3 Uhr. Denn der Läufer muss über viele Stunden hinweg herausgeputzt werden. Hier kommen dann die Küchenmädchen ins Spiel, die mit geschickten Händen dem Läufer sein unverwechselbares Äußeres verleihen. Läufer zu werden ist in Spergau eine ganz besondere Ehre, da muss man auch ein wenig Glück haben.

Der Handelsmann bietet allerlei Krimskrams feil.
Start der Lichtmeßfeier ist um 6 Uhr, auch wenn bereits mitten in der Nacht lauthals die Zigeuner durch den Ort radauen, dass an Schlaf eigentlich nicht mehr zu denken ist. Im Gasthof Zur Linde treffen alle Akteure ein, um sich eine Stunde später zum Umzug zu formieren. Hier hat dann der Registrator seinen großen Auftritt und überprüft im Kasernenton die Vollständigkeit. Viele Namen liest er vor, etwa Philip Käseflunsch, und die mehrkehlige Antwort ist dann stets: „Hier!“ Weiter geht es zum Bäckerplatz, wo mit den Hufen scharrend die Pferde warten, um in einem spektakulären Akt den Pflug durch das dort entfachte Holzfeuer zu ziehen. Anschließend ziehen die verschiedensten Figuren von Haus zu Haus, um kräftig zu Heischen.

Allen voran natürlich der Läufer. Er wird ständig von einem Soldaten begleitet, der aufpasst, dass sein Schützling nicht allzu tief ins Glas schaut, welches ihm jedesmal angeboten wird. Immerhin hat der Läufer mehrere Dutzend Mal am Tag einen längeren Spruch aufzusagen, da gilt es, einen klaren Kopf zu bewahren. Neigt sich der Tag dem Ende zu sind alle Gaben eingesammelt und von Eierfrauen, Milchkanne und Wurststangenträger zur Lichtmeßküche gebracht, kulminiert am Abend das Geschehen beim Lichtmeßtanz in der Linde, wenn der Läufer schließlich mit dem ältesten Küchenmädchen den Schlussakt eröffnet.


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