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’s heilig Blechle
Faszination Fasnachtsplakette

Text & Fotos: Frank Schmohl

Irgendwo im Dreiländereck: Das Thermometer zeigt 31 Grad an. Mitten im Sommer brütet doch tatsächlich jemand über einem weißen Blatt Papier und macht sich Gedanken über das Sujet einer Fasnachtsplakette, die irgendwo im Kanton Baselland in der Schweiz erscheinen wird, 30 Kilometer entfernt. Verrückte Vorstellung? Nö. So oder ähnlich spielt sich dieses Szenario Jahr für Jahr ab. Was aber treibt einen dazu, bei solch herrlichem Wetter Plaketten zu gestalten, wenn für andere die fünfte Jahreszeit (noch) so weit entfernt ist wie die Erde vom Mond? Ein Erklärungsversuch.


Vom Entwurf bis zum fertigen Produkt in verschiedenen Metallausführungen


Zum Tanz mit den Madamas


Speziell in der Schweiz werden Wettbewerbe zur Gestaltung von Fasnachtsplaketten öffentlich ausgeschrieben (Basel, Liestal, Solothurn usw.). Oder man lädt eine kleine Schar von Zeichnern direkt dazu ein (Allschwil usw.). Auf der badischen Seite des Rheins findet man solche Wettbewerbe kaum. Hier wird die Gestaltung oft als fixe Auftragsarbeit vergeben. Mancherorts wird das Sujet gleich mit der Einladung geliefert oder bei der Ausschreibung genannt. In anderen Fällen ist das Motto offen – hier muss sich der Gestalter mit den örtlichen Begebenheiten auseinandersetzen und versuchen, ein Thema zu finden, das ein halbes Jahr später noch immer aktuell sein wird. Dies ist schwieriger, aber umso reizvoller. Oft werden Vorgaben gemacht wie das Wort „Fasnacht“, die Jahreszahl, das Ortswappen oder Gebäude, die einzuarbeiten sind. In der Regel wird eine Reliefzeichnung in Din A 4 und in Originalgröße gefordert. Die Darstellung der verschiedenen Ausführungen (Kupfer, Silber, Gold etc.) helfen bei der Auswahl. Oft sammelt ein sogenannter Plakettenchef die Entwürfe und legt sie anonym einem Gremium vor. Dieses Gremium hat nun die Qual der Wahl: So liegen dem Basler Fasnachtscomité jedes Jahr zwischen 70 und 100 Entwürfe vor! Ist die Auswahl getroffen und die Identität des Künstlers festgestellt, gibt es auch etwas zu gewinnen: z. B. den kompletten Plakettensatz und/oder Preisgelder in teils recht reizvoller Höhe …

Aha! Daher weht der Wind! Es geht ums Geld! Nein, nicht wirklich. Wobei: natürlich würde keiner der Gestalter dazu nein sagen … Preisgelder sind allerdings nicht die Regel. Für einen Vollblutfasnächtler gibt es wohl keine größere Ehre, als dass „seine“ Plakette an der Fasnacht getragen wird.

Man wird regelrecht süchtig: Hat man einmal einen Treffer gelandet, so kommt man ohne Weiteres auf 15 bis 20 Entwürfe pro Jahr. Zudem entwickelt man eine Art Paranoia und hofft, dass ein erfolgreicher Entwurf nicht in den Folgejahren kopiert wird bzw. dass man selber nicht (wenn auch unbewusst) eine bereits bestehende Plakette kopiert. Das hat in der Vergangenheit schon manch hohe Welle geschlagen: zuletzt in Basel, als man der 2011er „Puzzle-Plakette“ den Vorwurf des Plagiates machte. Das hört natürlich kein Künstler und keine Fasnachtsgesellschaft gerne, kommt aber durchaus vor. Fasnacht ist eben eine ernste Sache …

Lebenswichtig
für die Gesellschaften …


Alle angefragten Gesellschaften betonen, wie überlebenswichtig das Plakettengeschäft für sie ist: Es bildet die Haupteinnahmequelle, mit der die Kosten für die fasnächtliche Infrastruktur (Verkehrs- und Sanitätsdienste, Absperrungen, Versicherungen etc.) gedeckt werden. Ein Wegbrechen ließe sich weder kurz- noch mittelfristig überbrücken. Man müsste die Mitgliedsbeiträge drastisch erhöhen und Sponsoren akquirieren. Sponsoring wird allerdings mehrheitlich abgelehnt – aus Furcht die „fasnächtliche Freiheit“ zu verlieren. Getreu dem Motto: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ Die Plakette garantiert somit eine gewisse Unabhängigkeit.

Die Abgabe der Plaketten innerhalb der Zünfte ist verschieden: Während manche feste Verteilerschlüssel und Mindestabnahmemengen kennen, verteilen andere nach Bedarf an ihre angeschlossenen Gruppen. Tatsächlich partizipieren diese sowohl direkt als auch indirekt an den Verkäufen: Sind die Infrastrukturkosten gedeckt, wird der verbleibende Überschuss verteilt. Mancherorts sind daran Bedingungen geknüpft: Wurde an allen Veranstaltungen teilgenommen? Wie originell wurde das eigene Sujet umgesetzt? Hierfür gibt es Subventionen. In Basel wacht hierüber das Comité mit Argusaugen. Die tatsächliche Verteilung ist eines der bestgehüteten Geheimnisse Basels: Man spricht nicht darüber …


… und den Hersteller

Ein Zusammenbruch des Plakettengeschäftes würde auch den Hersteller schwer treffen: Daniel Müller, Geschäftsführer der Rene Müller AG in Basel, erklärt, dass die Einnahmen aus der Herstellung circa zwei Drittel des Jahresumsatzes betragen. Ohne diese müsste man „80 Prozent der Belegschaft entlassen“. Und obwohl das Unternehmen auch auf Zinnwaren, Pokale, Schlüsselanhänger und Ähnliches spezialisiert ist. Aber alleine für die Herstellung von Plaketten werden jährlich um die 15 Tonnen (!) Kupferblech verarbeitet. Die Dienstleistung des Herstellers beginnt denn auch früh: So fungiert er mancherorts als technischer Berater bereits bei der Auswahl. Bevor die Plakette in Produktion geht, muss vom Graveur ein Gipsmodell erstellt werden. Das ist filigrane Handarbeit (oder eher: eine Kunst) und nimmt 10 bis 12 Stunden in Anspruch. Nach der Abnahme durch den Auftraggeber wird als nächstes eine Kunstoff-Matrize erstellt, welche die Grundlage für die Prägung bildet. Sind Prägewerkzeug und -stempel angefertigt, beginnt die eigentliche Produktion: Bis zu zehn Arbeitsschritte durchläuft die Plakette, vom Prägen, Ausstanzen über das Patinieren und Abbürsten bis hin zur Lackierung. Der Anteil an Handarbeit ist hoch: „Es gibt keinen Computer, in den man vorne das Metall hineinwirft und hinten die fertige Plakette herauskommt“, so Daniel Müller. So muss der „Blaggeddemüller“ für drei Monate zusätzliches Personal einstellen.


Der lang ersehnte Augenblick ist da

Ist die Plakette dann ausgeliefert, wird sie der Öffentlichkeit vorgestellt. Beachtlich hierbei ist, welch große Bedeutung ihr gerade in der Schweiz zuteil wird:
Dort wird sie auf feierlichen Vernissagen gebührend präsentiert. In Basel ziert sie tags darauf gar die Titelseite der Basler Zeitung und sorgt alljährlich für tagelange Diskussionen über ihren künstlerischen Wert. Das ist der Moment auf den der Zeichner gewartet hat: Endlich ist sie da! Wie wird sie wohl von den Fasnächtlern aufgenommen? Selbstredend, dass ein deutscher Plakettenkünstler in der Schweiz für ordentlich Gesprächsstoff sorgt …


Plakette von 1940
Die jungen Mädchen allerdings sind mit dem Beginn der Veranstaltung fast ausnahmslos auf der Flucht. Aber sie haben keine Chance – traditionell. Um ihre Rein-heit zu demonstrieren, tragen sie Trachten mit viel Weiß und mit zahlreichen bunten Bändern verziert. Die Trangas ziehen, umringt von etlichen Schaulustigen und mit einer großen Gruppe von Musikern, von Haus zu Haus und sammeln die Mädchen ein – die Madamas. Begleitet werden die Trangas auch von weiteren Figuren des Karnevals, so von den Domadoros mit ihren Onsos. Die Madamas versammeln sich schließlich auf dem Dorfplatz, wo sie aufgeregt hin und her lauf

Jäger und Sammler

Plaketten sind begehrte Sammelobjekte. So erzielt die erste Basler Plakette von 1911 („d Noodle“) Spitzenpreise von über 3000 Franken – obwohl sie nicht einmal die seltenste ist: Diese Bezeichnung bleibt der Goldversion von 1940 („dr Stahlhelm“) vorbehalten.

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