Geschichte Bräuche Orte Figuren Hintergrund Glossar Termine Herstellung Gedanken Zeitschrift Forum Links

Baio: Maskenspiel mit Tradition
Im westitalienischen Valle Varaita wird nur alle paar Jahre Fastnacht gefeiert

Text & Fotos: Günter Schenk

Nur alle paar Jahre gehen die Bewohner im westitalienischen Valle Varaita in die Fastnacht. Baio oder Beo heißt das mehrtägige Fest dort, das 2012 gleich an mehreren Orten über die Bühne geht. Wie das Grosselfinger Narrengericht, die großen Tiroler Volksfastnachten oder das närrische Treiben in den Bergdörfern des Aostatales ist auch der Baio ein einzigartiges Maskenspiel, in dem sich historische und närrische Elemente miteinander verbinden.

Kokarden und Schärpen zieren die Kostüme der närrischen Heerführer, die bei jedem Treff friedlich ihre Waffen kreuzen.


Hoch zu Ross kommen die uniformierten Kavalleristen. Bunte Kokarden und Schärpen schmücken die närrischen Kämpfer, die kostbaren Kopfputz tragen, ganz so wie die Tuxer, Scheller und Roller in den großen Tiroler Volksfastnachten. Dazwischen mischen sich Harlekine, grotesk kostümierte Spaßmacher, an deren Hüten leere Schneckenhäuser kleben oder baumeln und deren närrische Wurzeln breite Fuchsschwänze signalisieren. Fast ganz in weiß gekleidete Narren mit spitzen Hüten, wie sie ähnlich auch im Schwäbisch-Alemannischen anzutreffen sind, sorgen als Marketender für die Verpflegung des närrischen Haufens. Und hin und wieder zerlegen bärtige Mannsbilder mit großen Beilen ganze Baumstämme, die den Weg der Fastnachtstruppen blockieren.

Alle Männer des Dorfes müssen mitspielen – auch die, die längst nicht mehr im Tal leben.


Ein Tambourmajor führt die Truppe.

Baio di Sampeyre heißt das nur alle fünf Jahre stattfindende Spektakel. Es ist ein eindrucksvolles Maskenspiel, das die Be­wohner vierer Talgemeinden um den Hauptort Sampeyre in der westitalienischen Provinz Cuneo vereint. Ein originäres Stück Volkskultur, das Dialekt und alte Tänze ebenso bestimmen wie kostbare Kostümierungen. Ein seit Jahrhunderten bewährter Spielplan verknüpft die Lust am Leben mit der Geschichte eines Volkes, dessen närrisches Treiben vor allem auch die Suche nach kultureller Identität ist.

Denn schon der Name des dreitägigen Maskenspieles, dessen Wurzeln ins 19. Jahrhundert reichen, verweist auf die okzitanische Sprache, die im Valle Varaita noch von jedem zweiten Einwohner gesprochen wird. Es ist ein altes Südfranzösisch, das man immer wieder auszurotten versucht hatte, zuletzt als die Faschisten Italien regierten. Seit 1999 aber ist das Okzitanische offiziell als Sprache anerkannt, unterstützt der italienische Staat die kulturelle Selbstständigkeit, die sich unter anderem in einer eigenen Zeitung und einem Radiosender zeigt. Und staatlich gefördert werden inzwischen auch Musik und Tänze der Taleinwohner.

Hausgemachtes dient zur Stärkung der Kämpfer.


Der Höhepunkt okzitanischen Kulturlebens aber ist der Baio, der alle paar Jahre Arme und Reiche vereint, vom Arzt bis zum Bauern. Viele, die in den Großstädten Italiens oder Frankreichs Arbeit gefunden und das Tal in den letzten Jahren verlassen haben, kommen zum großen Fest zurück in die Heimat. Nur so können heute auch alle der vielen Dutzend Rollen besetzt werden, die traditionell Männern vorbehalten sind, auch wenn man es längst nicht mehr überall so genau nimmt. Talaufwärts Richtung Frankreich, wo man im kleinen Bergdorf Bellino alle drei Jahre einen ähnlichen Maskenumzug feiert, kann man die Rollen schon lange nicht mehr nur mit Männern besetzen. Beim Beo de Blins sind so auch Mädchen und Frauen mit von der Partie.

Darf ich bitten? Auf Sampeyres Marktplatz laden
die Narren zum Tanz.
Villar, Calchesio, Capoluogo und Rore heißen die vier Talgemeinden, die das Maskenspiel an den zwei Sonntagen vor Fastnacht und am Schwerdonnerstag veranstalten. Schon Monate vorher werden die Kostüme gefertigt, Hunderte von Arbeitsstunden in die Verarbeitung von Seide, Wolle und Samt gesteckt. Viele Kostüme sind im Familienbesitz, werden von einer zur nächsten Generation vererbt. Auftakt des Rollenspieles ist traditionell der 6. Januar, wenn die Alum, die närrischen Heerführer, in den vier Gemeinden Sampeyres vor das Haus des Aba ziehen. Sein okzitanischer Name erinnert an die mittelalterlichen Narrenäbte und ihre Kombattanten, an die „abbadie dei folli“, die einst feucht-fröhlich durch die Lande zogen. Der Aba ist sozusagen der Oberbefehlshaber im närrischen Spiel, der Kommandant der Truppen. Er bewahrt auch die Fahne jedes Häufleins auf und wenn er die am Dreikönigstag nach draußen hängt, weiß jeder im Tal, was die Stunde geschlagen hat.

Am zweiten Sonntag vor Fastnacht sind die närrischen Truppen erstmals unterwegs, gehen die Kämpfer in den vier Talschaften in Stellung. Gemütlich zieht man um die Häuser, vorweg der Tambourmajor, dahinter die Sappeure mit ihren falschen Bärten und großen Beilen.

Infanteristen und andere Fußtruppen folgen, dazu ein paar Marketender. Eine Bürgerwehr, wie sie ähnlich auch die Garden verkörpern, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts den rheinischen Karneval bestimmen. Doch während man am Rhein gegen Mucker und Philister in den Kampf zog und das preußische Militär auf die Schippe nahm, will der Baio in den Alpen an die Vertreibung der Sarazenen erinnern. An Muselmänner, die Ende des ersten Jahrtausends vom Mittelmeer her in die südlichen Alpenhochtäler eindrangen. In Sampeyre treten die Sarazenen noch heute rußgeschwärzt in Erscheinung, mit einem Fez auf dem Kopf und großen Ohrringen. Sarazine heißt eine andere Maskengestalt, die den Zuschauern mit weißen Taschentüchern zuwinkt und so daran erinnert, wie tapfere Bürger mit dem Schwenken von Tüchern den heimischen Kriegern einst die Verstecke der Sarazenen verraten haben sollen.

Turchi: Der Mohr steht für die Sarazenen.
Nicht zu übersehen ist der närrische Kern des Baio. So treiben Harlekine während der Umzüge allerlei Schabernack. Und mit dem „Alten“ und seiner „Alten“ beschließen den Baio traditionell zwei Figuren, die in vielen alten Volksfastnachten noch heute mit von der Partie sind. Ein betagtes Narrenpaar mit einem Baby in der Wiege. Ein närrisches Duo, das an Tod und Vergänglichkeit mahnt, aber uch an Leben und Wiedergeburt. An den Kreislauf unserer Existenz, der sich aus Vergangenheit und Zukunft speist und den man seit Jahrhunderten zur Fastnacht gern in Erinnerung ruft.

Sonntags drauf sind die Narren im Valle Varaita wieder unterwegs. Jetzt sind auch die Fremden da. Franzosen vor allem, deren Vorfahren hier einst lebten. Die meisten sind wegen des Festes gekommen, aber auch um wieder einmal typisch okzitanisch zu essen. Sauerkraut mit gekochtem Fleisch und grüner Soße zum Beispiel, selbst gefertigte Nudeln oder Hausmacher Salami. Der zweite Festsonntag ist der große Tag im Tal, treffen sich doch alle vier Baios auf Sampeyres Marktplatz. Mit gekreuzten Schwertern begrüßen sich die närrischen Oberbefehlshaber, schwören sich so auf den gemeinsamen Kampf ein. Viele Hundert Kostümierter kommen so zusammen, lassen die alten Tänze des Tales neu aufleben – Gigue, Quadrille und Courante zum Beispiel, die im Valle Varaita seit Jahrhunderten gepflegt werden.

Ganz familiär geht es schließlich am Donnerstag vor Fastnacht zu. Noch einmal besuchen vier der drei Talschaften Sampeyres Marktplatz zum gemeinsamen Tanz, ehe in den Dörfern dem sogenannten Tezouri der Prozess gemacht wird. Es ist eine Art Narrengericht wie in Grosselfingen, mit einem öffentlichen Ankläger und einer Verteidigung. Nicht selten endet das Spiel mit dem symbolischen Tod des Tezouri, der wie der Nubbel im Kölner Karneval oder der Böögg in den Schweizer Fastnachten alles Schlechte mit ins Jenseits nimmt – ein Prozess gemeinschaftlicher Läuterung. Zuvor aber wird noch einmal die närrische Klaviatur angeschlagen, müssen die Fußtruppen flüchtige Angeklagte in umliegenden Kneipen arrestieren oder nach geklauten Fahnen suchen. Das alles fördert ein letztes Mal die Stimmung, die hochprozentige Traubenschnäpse befügeln. An der Fastnacht ist alles möglich. Im benachbarten Bellino feiert man gar ein Wunder, wenn ein an einer Kette mitgeführter Muselmann zum Schluss des Spektakels mit Wein getauft wird und plötzlich okzitanisch spricht.




Von A bis Z – Die Rollen im Baio

Arleccino: Der Harlekin trägt mit seinem Schabernack zur Belebung des Festes bei. Seine groteske und bunte Kostümierung steht ganz im Gegensatz zu den militärischen Uniformen der meisten Festteilnehmer. Kennzeichen des Harlekins ist sein Hut, an dem leere Schneckenhäuser hängen oder kleben.

Cantinieri: Eine Art Marketender, der immer etwas zum Trinken mit sich führt.
Oft in Weiß gekleidet mit hohem Spitzhut.

Cavalieri: Berittene Kavallerie, die allerdings nur in Sampeyre (schwarze
Uniform) und Calchesio (grüne Uniform) unterwegs ist.

Escarlinie: Infanteristen, die oft einen Schellenstab mit sich führen. Sie sind mit bunten Bändern und Efeu geschmückt. Auch an ihren Gewändern hängen oft kleine Glöckchen. Die Scheller gelten auch als Boten des Frühlings.

Espous: Elegant gekleidetes Brautpaar. Augenweide jedes Umzugs, das bei jedem Halt die Umstehenden zum Tanz auffordert.

Gli Alum: Militärische Befehlshaber, ihre Zahl ist auf acht in jedem Baio begrenzt. Zum Zeichen ihrer Macht tragen sie ein Schwert. In der Regel tragen sie eine schwarze Uniform mit bunten Schärpen und eine bunte, ebenfalls reich verzierte Kopfbedeckung sowie weiße Handschuhe. Innerhalb des Oktetts gibt es eine Hierarchie. So startet man gewöhnlich als Tenenti (Assistent des Fahnenträgers). Beim nächsten Baio übernimmt man die Rolle des Portabandiera, des Fahnenträgers. Wieder fünf Jahre später tritt man als Aba auf, als militärischer Oberbefehlshaber. Ein großes A auf der Uniform weist den Rang aus. Ein M schließlich schmückt den Aba Maggiore, den Oberbefehlshaber über alle vier Baios. Zu den Alum gehören schließlich noch der Segretari (Sekretär) und der Tezourie (Schatzmeister), die zum Festende im Mittelpunkt eines öffentlichen Prozesses stehen. Dabei liest der Sekretär aus einem Buch dem Schatzmeister, der das ganze Dorf verkörpert, die Leviten, indem er das Dorfleben Revue passieren lässt. Il Giudice ist der Richter, der allerdings nur im Ortsteil Villar erscheint, wo der Schatzmeister traditionell für seine Taten mit dem Tod büßen muss.

Greci: Sie symbolisieren die von den Sarazenen freigelassenen Gefangenen, tote Seelen aus dem Mittelalter sozusagen. Sie tragen verschiedenfarbige Hosen und dicke Socken. Ihr Markenzeichen sind außergewöhnlich große Pfeifen.

Il Vechio e la Vechia: Der Alte und die Alte sind bei jedem Umzug mit von der Partie. Dabei führt die Alte eine Puppe in einer Wiege mit. Die beiden Figuren symbolisieren Vergangenheit und Zukunft des Festes und gehen deshalb meist traditionell am Schluss des Umzuges.

Mori und Turchi: Mohren und Türken, die nur in Sampeyre unterwegs sind. Sie verkörpern beide die Sarazenen und tragen deshalb rußgeschwärzte Gesichter, die Türken zusätzlich einen Fez und große goldene Ohrringe. Gelegentlich führen sie einen Esel mit.

Sarazine: Traditionelle Rolle für die Jüngsten im närrischen Spiel. Die Figur erinnert an die Talbewohner, die einst durch das Schwenken von Tüchern die Verstecke der Sarazenen verraten haben sollen. Während des Umzuges winken sie mit weißen Taschentüchern.
Signorine: Verkörpern reiche Männer und Frauen und werden von jungen Männern dargestellt. Sie tragen vornehme Kleider oder Frack.

Sounadour: Musiker. Als Instrumente kommen vor allem Geige, Akkordeon und Klarinette zum Einsatz.

Tambourini: Trommler, die schon früh morgens mit ihrem Spiel zum Umzug laden.
Tambourin majour: Tambourmajor (nur in Calchesio und Villar). Er marschiert an der Spitze jedes Baio, trägt Frack, schwarze Hosen und einen großen Tambourstab.

Ussari: Fußtruppen, die mit Gewehren, Schwertern oder Hellebarden bewaffnet sind. Sie bilden die Leibgarde der Alum und tragen eine Art Mitra auf dem Kopf, die mit Rosetten geschmückt ist. Lange bunte Bänder wie bei vielen alpenländischen Maskenfiguren zieren ihren Rücken. Oft schmückt ein Spiegel auf der Vorderseite die Bischofsmütze.

Zappatori: Mit einem Beil ausgestattete Soldaten. Den Sappeuren obliegt die Aufgabe, den Weg freizuräumen, weshalb sie meist an der Spitze der Umzüge marschieren. In der Regel tragen sie einen falschen Bart. An verschiedenen Stellen zerkleinern sie mit ihrem Werkzeug im Rahmen des närrischen Spieles ganze Baumstämme.

Der Baio di Sampeyre findet alle fünf Jahre statt, die Beo de Blins in Bellino alle drei Jahre. Dieses Jahr fallen die beiden Veranstaltungen im Valle Varaita zusammen. So feiert Sampeyre seinen Baio am 5., 12. und 16. Februar, Bellino am 19. und 21. Februar.

www.vallevaraita.cn.it


nach oben

Impressum