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Der Freiburger Ethnologe Werner Mezger über den Folkloreboom
und die merkwürdigen Vorschriften der Traditionswächter
Bräuche faszinieren moderne Menschen


Von wegen altbacken! Traditionspflege steht bei der Jugend hoch im Kurs, und das gilt nicht nur für Fastnacht. Der Forscher und omnipräsente Fernsehkommentator Werner Mezger (60) sieht darin eine Reaktion auf unsere rastlose, unübersichtliche Welt. Doch er mahnt, nicht allzu starr an Hergebrachtem festzuhalten.

Stolz präsentiert sich der Villinger Narro mit seinem gestärkten Kragen, dem Holzschwert,
den schweren Rollen und dem schmucken Foulard. Foto: Peter Haller


Täuscht der Eindruck, dass Bräuche in sind?
Der Eindruck täuscht nicht. Feste und Bräuche stehen derzeit so hoch im Kurs wie noch nie. Überliefertes wird gepflegt, Neues erfunden: Bräuche, keineswegs nur fastnächtliche, faszinieren den modernen Menschen ungemein und haben eine dementsprechend expansive Dynamik entwickelt.

Woran liegt das?
Es hat mit den Veränderungen in der Zeitwahrnehmung und im Raumempfinden der Menschen zu tun und auch mit den Umbrüchen in der Gesellschaft.

Fleischlichkeit im eindeutig zweideutigen Sinne sind
Wesensinhalt des Villinger Butzesels.Foto: Ralf Siegele

Das klingt kompliziert.
An Beispielen wird’s einfacher. Beginnen wir mit dem Zeitempfinden: Zeit scheint etwas zu sein, was man früher noch hatte, was uns heute aber fehlt. Nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv beschleunigt sich alles. Insbesondere hat die Zeit für uns ihre Rhythmen verloren, die Zyklen, die es früher noch gab. Das „Alle Jahre wieder“, wie es im Weihnachtslied besungen wird, ist ja ein Wert an sich. Und genau das leisten Feste und Bräuche: Sie kehren Jahr für Jahr wieder und geben unserem Dasein einen Rest an Zyklizität zurück. Man lebt auf Feste zu, wenn sie bevorstehen, und zehrt davon, wenn sie vorbei sind. Diese Gliederung des Daseins sucht der Mensch.

Ähnlich verloren fühlen
sich viele ja auch im Raum ...

Ja, die Welt ist kleiner geworden, und unter dem Druck der Globalisierung kommt es zu einer gewissen kulturellen Einebnung. Zunehmend mehr Orte sehen gleich aus, manche Forscher nennen das sogar McDonaldisierung der Welt. Es gibt dazu aber auch eine Gegenbewegung: Globalisierung wird beantwortet durch die Re-Inszenierung lokaler Besonderheiten. Konkret: Je mehr Phänomene sich international gleichen, desto stärker wächst das
Bewusstsein für das, was es nur zu Hause gibt. Die Wissenschaft bezeichnet dieses Ineinandergreifen von Globalisierung und Lokalisierung bereits als „Glokalisierung.“

Und welche gesellschaftlichen Veränderungen machen
Sie für die Renaissance der Bräuche verantwortlich?

Unsere Gesellschaft ist unübersichtlicher geworden. Durch Mobilität und Migration kennt selbst im kleinsten Dorf nicht mehr jeder jeden. Es gibt zunehmend mehr Menschen fremder Herkunft unter uns, die einen anderen kulturellen Baukasten mitbringen als wir. Menschen, die schon da, aber noch längst nicht angekommen sind. Das weckt bei den Einheimischen den Wunsch nach Identität. Feste und Bräuche bedienen dieses Bedürfnis.

Wirkt die Pflege von Bräuchen also integrativ?
So einfach ist das nicht. Denn was die einen integriert, kann andere ausgrenzen. Es ist kein Zufall, dass sich gerade am Rande von Festen, die für die Mitwirkenden ein besonderes Gemeinschaftserlebnis sind, mitunter die Aggressionen derer entladen, die sich nicht zugehörig fühlen. Dem Feiern einer Gruppe fremd gegenüberzustehen frustriert. Erfreulicherweise gibt es aber auch sehr gute Ansätze, die neuen Mitbürger in lokale Traditionen einzubeziehen. Vor allem Kindergärten leisten hier großartige Arbeit. Mittlerweile gehen freilich auch die Brauchträger selber bewusst auf Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund zu. Darin liegt eine große Chance für gelingende Integration.

Was ist denn überhaupt ein Brauch?
Eine rituell genormte, regelmäßig wiederkehrende gemeinschaftliche Handlung, die durch Tradition gefestigt ist und einen Bedeutungsgehalt hat.

. . . Bedeutungsgehalt?
Solange er praktiziert wird, hat jeder Brauch einen Sinn, der sich freilich im Lauf der Zeit wandeln kann. Der Bedeutungsgehalt muss übrigens nicht unbedingt kollektiv sein, er kann sich für jeden Teilnehmer individuell darstellen.

Wie alt muss eine Gewohnheit sein, damit sie sich Brauch nennen darf?
Das bestimmen die Akteure selbst. Vielfach erklären sie schon nach sehr kurzer Zeit irgendwas zum Brauch. Um Junges gegen noch Jüngeres abzugrenzen, wird dann mit Konkurrenzbegriffen wie historisch und althistorisch gearbeitet. Neben wirklicher Überlieferung gibt es durchaus auch erfundene Traditionen, konstruierte Geschichte also. In Südosteuropa zum Beispiel sind nach dem Zerfall Jugoslawiens viele Folkloregruppen entstanden, deren Tradition mehr Imagination als Realität ist. Da geht es letztlich um politische Interessen und Identitätsstiftung.

Manche Brauchtum-Ajatollahs wachen eifersüchtig und intolerant über ihre Tradition.
Darf man Bräuche nicht verändern?

Bräuche sind immer statisch und dynamisch zugleich. Nur wenn beide Elemente ausgewogen sind, ist ein Brauch wirklich lebendig. Wenn die Beharrungselemente überhandnehmen, entsteht stillgelegte Vergangenheit. Der Brauch wird dann zum Pflegefall. Umgekehrt gilt: Wenn der Wandel überhandnimmt, löst sich der Brauch auf.

Wie erklären Sie die heutige Traditionsbegeisterung?
Sie ist eine Spätfolge des kulturellen Umbruchs der 68er-Zeit. Damals hielt man das Beharren auf Traditionen für Stillstand. Das neue Zauberwort hieß Fortschritt. Heute hat sich das genau umgekehrt: Wir begegnen dem Fortschritt mit Skepsis und besinnen uns wieder auf Traditionen.

. . . bis hin zur Versteinerung?
Das kann passieren. Bei vielen lokalen Brauchpflegern gibt es inzwischen ein eigentümliches Copyright-Denken. Nach dem Motto: Wir machen etwas, was uns allein gehört. Fremdanleihen oder Übernahmen gelten als Plagiate. Aber genau das widerspricht dem Wesen der Bräuche zutiefst. Die sind nämlich immer aus der Begegnung des Eigenen mit dem Fremden entstanden, wurden von hochmobilen Gesellschaftsschichten geformt – von Handwerksgesellen zum Beispiel, die weit herumkamen, Ideen aufgeschnappt und Anregungen aus der Fremde mitgebracht haben. Nur dadurch ist Folklore so bunt geworden.

Haben Sie ein Beispiel?
Hätten wir den Kroaten nicht ihr Halstüchlein abgeguckt, gäbe es heute bei uns keine Krawatten, hätte man nicht getanzt wie die Polen, würde uns die Polka fehlen – es gibt Hunderte solcher Beispiele.

Das hören die Brauchtum-Ajatollahs aber nicht gern.
Ja, da kann man sich durchaus Kritik einhandeln. Es genügt zum Beispiel schon, bei einer Fernsehübertragung zu sagen, dass die Fastnacht ein Modellfall für die Bereicherung des Eigenen durch das Fremde sei, um unfreundliche Post zu kriegen. Andererseits aber haben strenge Brauchwahrer durchaus auch ihre Verdienste. Es waren nämlich genau diese Leute, die etwa im kirchlichen Bereich alte Bräuche gerettet haben, die wir heute wieder schätzen. So manche farbenprächtige Fronleichnamsprozession gäbe es heute nicht mehr, wenn nicht traditionsbewusste Laien entgegen den Ortsgeistlichen, die sie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil abschaffen wollten, gesagt hätten: Wir machen das trotzdem.

Wie sehen Sie moderne Bräuche, zum Beispiel Halloween?
Bei Halloween erleben wir gewissermaßen den Pubertätszustand einer Tradition. Überwiegend durch Massenmedien wie Film und Internet nach Europa gekommen, hat Halloween Elemente einer Reihe anderer Bräuche an sich gezogen: Es ist ein bisschen Erntedank, ein bisschen Karneval, ein bisschen St. Martin und ein bisschen Allerheiligen. Und dann kommt noch die Rückprojektion auf mythische Vorzeiten hinzu, in diesem Fall auf die Kelten. Aber das wäre ein Thema für sich.

Bräuche wurden von den Nazis instrumentalisiert. Besteht diese Gefahr noch heute?
Auch die NPD-Jugend zelebriert ja das Johannisfeuer.
Diese Gefahr sehe ich nicht. Leute, die heute am 24. Juni übers Sonnwendfeuer springen und sich dabei auf germanische Mythen berufen, haben eher etwas Tragikomisches. Sie wissen nicht, dass das Johannisfeuer erst künstlich mit dem Thema Sonnenwende in Verbindung gebracht worden ist. Schon ein Blick in den Kalender zeigt ja, dass der Johannistag drei Tage nach dem eigentlichen Sonnwendtermin am 21. Juni liegt. Der 24. Juni als Geburtsfest Johannes des Täufers ist vielmehr eine Achse im Kirchenjahr, nämlich der Komplementärtermin zu Heiligabend am 24. Dezember. Die Feuerbräuche am Johannistag verweisen schlicht auf das Kommen Christi als Licht der Welt – wie wir ja auch Weihnachten mit Lichtern feiern. Fehlanzeige also mit den Germanen.


Das Interview führte Arnold Rieger



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