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Fasent am Oberrhein
Der Narrenbaum in Seelbach

von Karin Gessler

Fröhliches Lachen weist mir am frühen Morgen den Weg in den Klostergarten gleich hinter dem Seelbacher Rathaus. Es ist der Samstag vor der eigentlichen Fasent und die Kinder schmücken schon eifrig den Narrenbaum mit Saublodern und bunten Bändern.


In der Nacht hat es geschneit, über der Stadt hängen noch dunkle Wolken und es ist empfindlich kalt. Doch wer ein rechter Narr werden will, lässt sich davon nicht abschrecken. Pünktlich um 10 Uhr ist das Werk der Kinder vollendet. Mittlerweile hat sich auch eine ansehnliche Narrenschar eingefunden, bereit, den Baum zum Kirchplatz zu begleiten. Hauptfigur und Namensgeber der Seelbacher Narrenzunft ist die Eule. Ich frage, ob ich einmal über das Häs streichen darf. Es fühlt sich wunderbar weich an. Die Eulenmutter, die Chefin der Eulenzunft, erzählt, dass vor allem in alten Häsern echte Eulenfedern verarbeitet wurden, die aus Falknereien und Vogelwarten stammten. Die großen Schwungfedern auf den Umhängen sind heute meist gefärbte Putenfedern, für Bluse, Hose und Haube werden Marabufedern verwendet. Die Herstellung des Eulenhäses ist sehr aufwändig und erfordert viel Geduld. Den Untergrund bilden ein braunes Leinenhemd und eine braune Leinenhose. Die Federn werden zu-nächst einzeln auf Stoffstreifen und mit diesen dann auf Hemd, Hose und Umhang genäht. Die schönen Holzmasken stammen aus der Werkstatt des Elzacher Maskenschnitzers Franz Lang. Den historischen Hintergrund der Seelbacher Eulen bildet eine alte Sage. Im Mittelalter galt die Eule als Symbol für Kummer, Leid und Elend, ihr Ruf, so glaubte man, verkünde den nahen Tod. Diesen Aberglauben nutzten die Herren von Geroldseck, die auf der nahen Burg-ruine Hohengeroldseck saßen, um sich vor Wegelagerern und Dieben zu schützen. Sie setzten kurzerhand Eulen auf die Burgmauer, die mit ihrem nächtlichen Geschrei unliebsame Besucher verscheuchten.

Mit langen Stangen, den sogenannten Scheren, wird der Narrenbaum emporgehoben. Foto: Karin Gessler
Zu den Eulen gesellen sich die Schägnesthexen mit ihrem blau-roten Häs, das der Arbeitstracht der Seel-bacher Bäuerinnen nachempfunden ist. Auch dieser Narrenfigur liegt eine Sage zugrunde. Die Hexen aus dem Schrägenest, einem Waldstück, sollen einst nächtens das Vieh in den Ställen losgebunden und umhergetrieben haben, bis es am Morgen voll Schaum und Wasser war. Sie stahlen zudem den Kühen die Milch und flochten den Pferden Zöpfe in die Mähne. Kam jedoch jemand in den Stall, war augenblicklich Ruhe.
Doch zurück in die Gegenwart. Die Lumpenkapelle beginnt zu spielen, die Zimmerleute nehmen ihre Plätze ein, umfassen den sorgfältig entrindeten Stamm und heben ihn auf ihre Schultern. Dann setzt sich der Zug in Bewegung: vorneweg der Schellebot, der mit seiner Glocke Aufmerksamkeit erweckt und den Weg frei macht, dann die Zimmerleute mit dem Narrenbaum, die Lumpenkapelle, die Herren vom Zunftrat in ihren schicken blauen Fräcken, die Hästräger und schließlich das Narrenvolk. Vom Klosterhof geht es links die enge Marktstraße bergan. Es ist gar nicht so leicht, den langen Baum heil um die enge Kurve zu bringen.

Auf dem Kirchplatz liegen bereits die Scheren in unterschiedlicher Größe bereit – lange Holzstangen, die an einem Ende mit einem Band verbunden sind. Der Baum wird auf das erste, kleinste Stangenpaar gehoben. Doch er biegt sich ziemlich stark durch, so geht es nicht, befinden die Zimmerleute. Das Stangenpaar wird von der Baumkrone weggezogen, der Baum weiter unten gestützt. Nun liegt er stabil. Narren und Volk haben sich derweil zu den Klängen der Lumpenkapelle im Rund aufgestellt. Dann darf geraten werden: Wie lang ist der Baum? Wer der richtigen Lösung am nächsten kommt, gewinnt zwei Freikarten für den Zunftabend. Der Bürgermeister verschätzt sich, eine Frau hat das bessere Augenmaß. Der Baum messe stolze 20,8 Meter verkündet der Sprecher, 21 Meter, meint der Zimmermann neben mir: „Wir Zimmerleute runden immer auf, so rechnet es sich besser”, lacht er. Inzwischen befestigt der Zunftmeister am liegenden Baum die beiden Zunftfahnen.

Nun wird es ernst. Eine zweite Schere wird vorbereitet, einer der Zimmerleute führt das Kommando, die anderen nehmen ihre Plätze links und rechts des Baumes ein. Doch kurz bevor es losgehen soll, rutschen die beiden Stangen weg, der Baum rumst auf den Boden. Kein Malheur, es dauert nicht lange, die Männer heben ihn an und schon sind die Stangen wieder platziert. Ein zweites Paar wird unter den Baum gestemmt, auf das Kommando „Hau ruck“ und unter anspornendem Zurufen der närrischen Gesellschaft werden die Stangen näher zum Baumende geschoben, der Baum hebt sich ein Stück. Am anderen Ende halten zwei Männer den Stamm in der richtigen Position am Loch im Boden, in das er rutschen soll. Für zusätzliche Stabilität und Sicherheit sorgen gespannte, am Stamm befestigte Seile, mit denen der Baum in Position gehalten wird. So geht es Stück um Stück weiter, immer längere Stangen finden Verwendung, immer weiter werden die Scheren zurückgesetzt, bis der Baum schließlich aufrecht steht. Begeistertes Klatschen bricht los, „’s goht dagege!“. Der geschmückte Narrenbaum verkündet als weithin sichtbares Zeichen, dass die Seelbacher Fasent ihrem Höhepunkt zustrebt und die Narren das Zepter übernommen haben.

Die Lumpenkapelle, die während des Aufstellens buchstäblich den Atem anhielt, spielt nun wieder zünftig auf. 2005 wurde sie gegründet und gehört somit zu den jüngsten Gruppen der Narrenzunft – ebenso wie die Karbatschenschneller die jetzt ihren Auftritt haben. Schon am Dreikönigstag zeigten sie ihr Können und schnellten lautstark die Fasent ein, das heißt, sie vermeldeten mit lautem Peitschenknallen den Beginn der närrischen Zeit. Das Schnellen ist eine besondere Kunst. Der Schneller schwingt die Karbatsche kreisförmig über dem Kopf und dreht dabei den Körper mit, um dann mit viel Schwung die Karbatsche in die entgegengesetzte Richtung zu ziehen. Dieses Zurückziehen wird in die andere Richtung wiederholt und der Bewegungsablauf beginnt von Neuem. Dabei durchbricht der am Ende der Peitsche eingeflochtene Bändel jedes Mal die Schallmauer, was den typischen Peitschenknall erzeugt.

Auf ein kräftiges „Hau- ruck“ hin nehmen die Zimmerleute den Baum auf ihre Schultern. Foto: Karin Gessler

Mit dem Schnellen endet die Zeremonie des Baumaufstellens. Gegenüber, vor dem Rathaus, findet unter mächtigen Bäumen der Bauernmarkt statt. Verkauft wird vor allem Obst und Gemüse. Auch die Narrenzunft hat einen Stand. Es werden Würs-te gegrillt, zwei Hexenmädchen backen Waffeln und es gibt etwas zu trinken. Hier stärken sich Zimmerleute und Narren mit einem kühlen Bier. Einige besonders Fleißige zieht es zu den letzten Vorbereitungen ins Bürgerhaus hinüber. Am Abend pünktlich um 20 Uhr 11 steigt der Zunftabend mit den Seelbacher Fasentsspielen. Morgen, am Sonntag, öffnet dann das Narrendorf im Klostergarten und am Nachmittag zieht der große Narrenumzug durchs Dorf. Hemdglunkerumzug und Hemd­-glunkerball am Schmutzigen Dunnerschdig, Gizigsingen und Wieberkaffeeklatsch am Fasentssomschdig; Narrenbrunch am Fasentssunndig; Pflugumzug und die heiß erwartete Kinderfasent am Fasentszischdig – das sind die High­lights der Fasent. Doch dann wird es furchtbar traurig, denn am Dienstag um 19 Uhr wird die Fasent verbrannt, und statt der gebratenen Würste werden – voller Wehmut – Rollmöpse verzehrt.
Doch bevor es so weit ist, bekomme ich von Zunftmeister Hanjo Bolanz noch einen kleinen Vortrag über die verschiedenen Seelbacher Narrenfiguren.

Sorgsam wird der mit Saublodern geschmückte Dolden gehalten. Foto: Karin Gessler

Vor allem die Geschichte des Geheimrats Dr. Schmidt ist ausgesprochen spannend, sie bot die Vorlage für einige Eigenheiten der Seelbacher Fasent. Geheimrat Dr. jur. Philipp Carl Edler von Schmidt zu Dautenstein war eine schillernde, zwielichtige Figur. Er stand bei den Fürsten von der Leyen in Diensten, die auf Schloss Dautenstein am Ortsrand von Seelbach residierten, fiel jedoch wegen der Veruntreuung von Geldern in Ungnade. Das Hofgericht zu Rastatt verurteilte ihn schließlich zur Rückzahlung an den Fürsten. In Seelbach soll von Schmidt eine Sparkasse gegründet haben, nach seinem Tod war allerdings von den Geldern, die die Bauern fleißig eingezahlt hatten, nichts mehr da. Der Schuldige war wohl auch diesmal der Geheimrat, der von den aufgebrachten Seelbachern verflucht wurde, auf dass er im Grab keine Ruhe fände. Nachdem aber einige behaupteten, den Doktor in der Nacht tatsächlich herumirren gesehen zu haben, bekam man es mit der Angst. Um der befürchteten Rache Schmidts zu entgehen, fing man seinen Geist in eine Flasche ein und vergrub sie im Luxenloch, einem Waldstück bei Seelbach. Die Narren nahmen die Geschichte zum Anlass, die Figur des Geheimrat Dr. Schmidt zu kreieren, den sie alljährlich am Schmutzigen Donnerstag aus einer überdimensionalen Flasche befreien. Für die Dauer der Fasent bekommt er vom Bürgermeister den Schlüssel für die Gemeindekasse überreicht, am Fasentsdienstag ereilt ihn jedoch wieder sein Schicksal, er wird vom Narrengericht zum dreimaligen Tod verurteilt, durch die Narren aufgehängt und verbrannt. Zuvor wird sein Leichnam noch im schaurigen Besenumzug durchs Dorf getragen. Seinen Geist aber steckt man vorsichtshalber wieder in die Flasche und vergräbt diese im Luxenloch. Sicher ist sicher ...

Die Seelbacher Eule, Hauptfigur der Fasent. Foto: Karin Gessler


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