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Mummenschanz in den Pyrenäen
Karneval im Baskenland

von Günter Schenk

Die Damen tragen schwarze Bärte und Hosen, die Herren rote Lippen und Röcke. Für ihren jährlichen Rollentausch haben sich die Teens und Twens in Schale geworfen. Die närrischen Helden von Vera de Bidasoa, einem kleinen Dorf im spanischen Nordosten, eine knappe Autostunde vor den Toren der baskischen Metropole San Sebastian. Zur Feier des Tages tragen selbst die weiblichen Burschen schwarze Baskenmützen, die hier noch immer wichtigstes Zeichen regionaler Identität sind.


Lanz: Umzug der Narren mit Miel Otxin und Ziripot, dem ausgestopften Dickwanst


Der Rollentausch am frühen Sonntagmorgen ist Auftakt der tollen Tage. Ein Stück verkehrter Welt, die auch am Golf von Biskaya und seinem Hinterland an den Tagen vor Aschermittwoch zum Tragen kommt. In vielen Städten und Dörfern hier wurden Traditionen und närrische Bräuche neu belebt, die lange Zeit verboten waren oder schlicht in Vergessenheit geraten. Im Baskenland, das mehr als eine Generation lang von Francos Falangisten härter als andere spanische Autonomieregionen unterdrückt wurde, ist die Fastnachtsfeier zum neuen heimatlichen Bekenntnis geworden.

Auch in Donostia, wie die Basken ihre Metropole San Sebastian heißen. Im alten Seebad erfreut sich der Karneval neuer Popularität, auch wenn seine besten Zeiten inzwischen mehr als ein gutes Jahrhundert zurückliegen. Damals hatte das örtliche Casino das bis dahin von Künstlern, Studenten und Freundeskreisen getragene Fest mit kräftigen Geldspritzen aufgemotzt. Mit mehr als ein Dutzend großer Festwagen gehörte der Karneval von San Sebastian Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu den größten Europas, fanden sich bis zu 30000 Fremde über die Fastnachtstage als Besucher am Golf von Biskaya ein. Mehr als in Nizza, Frankreichs närrischer Metropole, wie die Zeitungen damals registrierten. Mangelnde Finanzierung, Bürgerkrieg und Franco-Regierung aber ließen den Karneval schließlich vergessen, dem engagierte Bürger erst 1978 wieder Leben einhauchten.


Bera: Verkehrte Narrenwelt – als Hirten grüßen die Damen, als Ammen die Herren. Fotos: Günter Schenk


Auch in Vera de Bidasoa (baskisch: Bera) zündete damals der närrische Funke, folgte man dem Beispiel der nahen Großstadt. Seitdem ziehen dort am Fastnachtssonntag als Hirten verkleidete Frauen und Mädchen mit ihren als Ammen kostümierten männlichen Gegenstücken singend und tanzend durch die Straßen. Rey Momo heißt ihr Anführer, ein Narrenkönig mit goldenem Rauschebart, mehr Bacchus als Monarch. Ein billiges Plastikkrönchen sitzt auf seinem Schädel und
auch die beiden Honoratioren an seiner Seite – Bürgermeister, Richter oder Pfarrer sollten sie eigentlich verkörpern – gleichen heute eher Saufkumpanen als närrischen Nobilitäten.

„Inudek y Artzaiak“, wie das Spiel um Ammen und Hirten auf Baskisch heißt, ist ein Stück Anarchie, die Umkehrung gesellschaftlicher Strukturen und Rollen. So kommen die Burschen in Röcken und Kittelschürzen, mit weißen Häubchen auf dem Kopf und langen Zöpfen, die jungen Damen in blauen Hosen und dunklen Westen. In Zweierreihen ziehen sie kreuz und quer durch das Dorf, von einem Haus zum anderen. In ihren Armen wiegen die männlichen Ammen kleine und große Puppen, die zur Freude aller hin und wieder in die Luft fliegen, um unter vielerlei Verrenkungen wieder eingefangen zu werden. Auf ausgesuchten Plätzen schließlich wird getanzt, was das Zeug hält, kommt die Truppe immer mehr ins Schwitzen.


Lesaka: Zaku-Zar heißen hier die närrischen Helden


Beelzebub persönlich führt die Narrenschar in Vera de Bidasoa, ein Teufel mit roter Perücke und hölzernem Dreizack. Dirigent verkehrter Welten und Herrscher auf Zeit, dessen Regentschaft mit dem Aschermittwoch endet. Übermütig und ausgelassen aber tobt er jetzt durch die Straßen, anders als das Dutzend schwarz gekleideter und abseits stehender Frauen, die mit Rosenkranz und Gebetbuch dem närrischen Treiben sichtbar trotzen. Auch ein falscher Priester, der für den Rollentausch seiner Schäflein kein Verständnis hat, ist mit von der Partie.

Wieder fliegen die Puppen in die Luft, die umso häufiger am Boden landen, je mehr die jungen Ammen der süffige Wein beseelt, den ihnen spendable Mitmenschen offerieren. Das Ganze erinnert an Rituale des Prellens oder Preckens, an besonders alte Fastnachtsbräuche, in deren Rahmen man Puppen, aber auch Menschen mit einer Art Sprungtuch Richtung Himmel schleuderte und wieder auffing. An Bräuche, wie sie in der bayrischen („Jaggl-Schutzen“) und schwäbisch-alemannischen Fastnacht ebenso überlebt haben wie im rheinischen Jülich, wo man mit dem sogenannten Lazarus, einer menschengroßen Stoffpuppe, Jahr für Jahr auch die kleinen und großen Sünden der Narren Richtung Himmel schickt.
Auch in Spanien war der Brauch einst gang und gäbe, wie das zwölfte Kapitel des Schelmenromans „Don Quichotte“ verrät. Darin wird Sancho Pansa, nachdem er in einem Gasthaus die Zeche nicht bezahlt hatt, zur Strafe „wie ein Hund an Fastnacht“ auf einer Bettdecke geprellt. Schließlich war es nicht nur im Mittelalter vielerorts üblich, an den närrischen Tagen Tiere wie Katzen oder Hunde, in denen man damals Dämonen verkörpert sah, so lange in die Luft zu werfen, bis ihnen die Sinne schwanden. Sünde und Sünder sollten sich so, bildlich gesprochen, buchstäblich in Luft auflösen.


Lanz: Miel Otxin, Spaniens populärste närrische Schreckgestalt


Auch in Lesaca (baskisch: Lesaka), gut zehn Autominuten weiter, einem kleinen Dorf in den baskischen Bergen, wurde die Fastnacht erst vor einigen Jahrzehnten wieder neu belebt, nachdem in der Franco-Ära für derbe Volksbräuche kein Platz mehr war. Zaku-Zaharrak oder kurz: Zaku-Zar heißen hier die närrischen Helden. Mit Stroh ausgestopfte Dickwänste, die am Sonntagabend erstmals hölzern und ungelenk durch das Dorf stapfen – mit alten Strohhüten auf dem Kopf und weißen Tüchern vor den Gesichtern. Kleine Sehschlitze erleichtern ihnen die Orientierung, eine Öffnung um den Mund das Atmen. Begleitet werden sie von einer Handvoll bunter Flecklesnarren, die mit Tamburin und Akkordeon Stimmung machen. Manche tragen kleine Glöckchen am Narrenkleid, die auch im Baskenland bis heute den Narren ausweisen.

Wie im Schwarzwaldstädtchen Villingen die Wuescht, verkörpern auch in Lesaca die ausgestopften Dicken die Fastnacht. Sie stehen für Völlerei und andere Laster, die nicht nur dem Christenmenschen bis heute das Leben schwer machen. Und wie in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht führen auch sie getrocknete Tierblasen mit sich, die an kleinen Stöckchen baumeln und auf jeden niedersausen, der den Dicken zu nahe kommt. Sonntagabends sind das meist junge Mädchen und Burschen. Montags hauen sich die Fettsäcke gegenseitig die prallen Blasen um die Ohren, ehe sie schließlich in der Nacht zu Aschermittwoch für ihre Attacken büßen müssen. Stroh und Leinensäcke gehen in Flammen auf, die närrische Nichtigkeit findet ihr öffentliches Ende.


Donostia / San Sebastian: „El Entierro de la Sardina“ , „Die Verbrennung der Sardine“, markiert das Ende der Fastnacht.


Ähnlich geht es auch in Lanz zu, einem winzigen Dörfchen vor den Toren Pamplonas. Miel Otxin, eine rund drei Meter hohe und 45 Kilo schwere Strohpuppe, personifiziert hier das Fest. Ein Popanz mit hölzernem Innenleben. Eine närrische Schreckgestalt, die für den wohl berühmtesten Karneval im Baskenland steht. Für einen Mummenschanz ohne Beispiel, der am Rosenmontag ausbricht und mit der Verbrennung des Miel Otxin am Tag danach endet.

Schon mittags stehen die Fernsehteams vor einem mächtigen Steinhaus, das in Lanz das Jahr über als Bar, Kneipe und Ratssaal dient. Zu Fastnacht aber treffen sich die Narren hier. Sogar Wissenschaftler finden häufig den Weg hierher. Ethnologen vor allem, die das närrische Treiben zu entschlüsseln suchen, das immer wieder wie ein Vulkan explodiert. Im Schnellschritt sausen die Narren dann durch das Dörfchen, das heute kaum 500 Einwohner zählt.

Die aber sind an den Fastnachtstagen zu einem Großteil mit von der Partie, geben mit ihrem Spielwitz einem Rollenspiel Gestalt, das Mitte der 1960er-Jahre Spaniens populärster Karnevalsforscher, Julio Caro Baroja, mit einem Freund in einer Dokumentation festhielt. In einem Film, der dem traditionsreichsten baskischen Fastnachtsbrauch Freunde in aller Welt bescherte. Vieles hier in den Bergen nämlich erinnert an die Bilder Boschs und Breughels, die in ihren Gemälden das mittelalterliche Fastnachtstreiben in den Dörfern Europas protokollierten.


Donostia / San Sebastian: Närrischer Trauerzug


Aus der ganzen Region sind Schulklassen gekommen. Viele Hundert Kinder sollen so erleben, was es heißt, vor der anstehenden Fastenzeit Fastnacht zu feiern. Auch in Lanz bestimmen zwei Figuren das Fest, die genauer betrachtet Fastnacht und Fastenzeit repräsentieren. Winter und Sommer, wenn man will auch Jugend und Alter, Hunger und Völlerei. Gegensätze jedenfalls, die das Leben ausmachen.

So verkörpert der Ziripot die Fastnacht. Ein mit Stroh ausgestopfter Fettwanst, der sich nur mit Mühe auf den Beinen halten kann. Txatxos heißen seine Gegenspieler, im wahrsten Wortsinn springlebendige junge Burschen, die Miel Otxin und Ziripot ständig umkreisen. Burschen in bunten Narrenkleidern mit spitzen Papierhüten auf dem Kopf, wie sie ähnlich auch die Faschingsrenner im Süden Österreichs und andere alpine Maskengestalten tragen. Weiße Schleier bedecken ihre Gesichter, Vorhangstoffe meist. Textile Masken, wie sie einst auch im Schwäbisch-Alemannischen weitverbreitet waren, ehe sie Holzlarven ablösten. Viele tragen Schellen oder kleine Glöckchen, hin und wieder auch einen Fuchsschwanz oder andere närrische Zeichen wie Besen, mit denen sie symbolisch alles Böse hinwegfegen.


In Lanz sind das inzwischen auch die Touristen, die von Jahr zu Jahr mehr werden und im bunten Mummenschanz nur noch ein Spektakel sehen, keine närrische Inszenierung jedenfalls mehr. So sind die ganz in dunkle Säcke gehüllten Männer, die den närrischen Zug in gebührendem Abstand anführen und einen feurigen Kessel mit sich schleppen, keine mystischen Gestalten aus der Unterwelt, sondern Schmiede. Hufschmiede um genau zu sein, die vor einem der Häuser mit ihren Hämmern ein Stück Eisen bearbeiten, symbolisch so das Fußkleid der Zaldikos schaffen.
Reiter auf Holzpferdchen sind das, die in Weingarten oder Rottweil närrische Verwandte haben, vor allem aber in Tirol, wo die Gruppen um die Fasnetrössle und Schmiede die großen Volksfastnachten mit ihrem Spiel beleben. Die Pferdchen übrigens, als Hobby-Horses kennt sie die Wissenschaft, erfreuen sich im Baskenland nicht nur zu Fastnacht großer Popularität, vielfach trifft man sie auch im Rahmen von Fronleichnamsprozessionen.

Wie immer endet der Zug der Narren auf dem Dorfplatz, wo die bunte Schar wie Indianer um ihren Totempfahl um den mächtigen Strohmann kreist, den närrischen Bösewicht. Flöten und Trommeln treiben die Runde immer wieder um. Melodien und Rhythmen, die mindestens im 18. Jahrhundert wurzeln. Dienstagabends schließlich geht es Miel Otxin an den Kragen, machen sie ihm den Prozess. Für alle Sünden muss er büßen, für kleine und große Laster, denen auch die Basken an den Karnevalstagen gern frönen. Zum Schluss stirbt er den Flammentod, nimmt das Dörfchen Abschied von den tollen Tagen.

Ganz anders sieht das Ende der Fastnacht in San Sebastian aus. Zur traditionellen „Verbrennung der Sardine“ („El Entierro de la Sardina“) wird im Fackelschein ein großer Pappfisch zu Grabe getragen. Ein typisch spanischer Brauch, den Francisco Goya, der große Maler, auf einem heute weltberühmten Bild für immer verewigt hat. Er hielt fest, wie die Madrilenen einst zum Ende der närrischen Zeit eine Strohpuppe mit einer kleinen Sardine im Mund verbrannten.

Um den Brauch ist viel gerätselt worden. Die meisten Interpreten gehen inzwischen davon aus, dass der Fisch als Christussymbol auf die anstehende Fastenzeit verweist. Andere meinen, genau betrachtet sei die Sardine eigentlich ein Stück Schweinefleisch, das man ursprünglich zum Karnevalsende zu Grabe getragen habe, startete mit dem Aschermittwoch doch die fleischlose Fastenzeit. Aus „Cerdina“, dem teuren Schweinefleisch, sei im Spanischen aber, als man den Sinn des Brauches nicht mehr verstanden habe, eine billige „Sardina“ geworden. Wie auch immer, die Trauergesellschaft jedenfalls ist seit Jahrhunderten die gleiche geblieben.
Auch in San Sebastian sind wehklagende Weiber zuhauf auf der Plaza de Bilbao zusammengekommen. Frauen ganz in Schwarz mit verschleierten Gesichtern und Kerzen in den Händen. Dazu ein falscher Bischof und ein feister Kapitalist, der zum närrischen Abschied trotzig eine dicke Zigarre pafft. In braunen Kutten blasen Mönche einen Trauermarsch. Klerikal kostümiert verspritzt ein anderer Wasser aus einem silbrigen Weihwasserkelch, segnet so symbolisch den riesigen Pappfisch, den ein Esel auf einem schwarz verhüllten Wagen durch die Stadt zieht. Noch immer ist der Teufel Herrscher über alle Narren, der sich im nächtlichen San Sebastian gleich mehrfach unter die Trauernden mischt. So reiten schwarze Teufel mit ihrem Dreizack auf weißen Pferdchen. Ganz in Rot erscheinen die übrigen Fürsten der Finsternis. Ausgeburten der Hölle, deren Gesichter venezianische Larven verhüllen und deren Münder große Schnuller stopfen. Ganz hinten folgen ein paar Büßer in weißen Kutten. Büßer, die in ein paar Wochen bei den großen Karprozessionen der Semana Santa Spaniens Straßen erneut bevölkern werden.

Noch einmal wird gesungen, feiern die Basken. Schließlich aber geht die Pappsardine in Flammen auf, lässt einer der Beelzebuben noch einmal seinen roten Minislip unterm Teufelskleid aufblitzen. Zum letzten Tanz hat sich eine Teufelin den Bischof geschnappt. Ein letztes Mal wiegen sich die beiden im Takt, lassen noch einmal die Seele baumeln. Dann aber zerplatzen mit lautem Getöse die Feuerwerkskörper im Bauch der brennenden Sardine, zerstören die letzten närrischen Träume. Laut knallend klopft der Aschermittwoch an die Tür ...

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