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Bigotphones
Vergessene närrische Musikinstrumente

von Jürgen Stoll

Um es gleich vorwegzunehmen: Mit der deutschen Übersetzung des englischen Wortes „big“ also groß, haben diese heute weitgehend unbekannten Musikinstrumente nichts zu tun. Um diese Musik erzeugenden, sagen wir einmal Gegenstände näher zu erläutern, hier ein kleiner Exkurs zur Evolution dieses „Musikinstruments“.


Katzenmusik mit unterschiedlichen Bigotphones in Sigmaringen, 1923, Aus: Wulf Wager, „Schwäbisch-alemannische Fasnet in alten Bildern“, Tübingen 2003


Ausgangspunkt ist die afrikanische Rohrpfeife, oftmals gefertigt aus Materialien der Werkstatt Natur, wie Pflanzenstiele oder auch Knochen. Den ähnlich krächzenden Lauten des südafrikanischen Ibisvogels (lat. Bostrychia haaedash / dt. Hagedasch), des von den Einheimischen „Kazoo“ genannten Vogels, verdankt dieser Vorläufer unseres Bigotphones seinen Namen.
Eine Membran, teils aus Papier oder aber auch aus einer Zwiebelhaut (Zwiebelpfeife), sorgten, ähnlich wie beim Blasen auf einem Kamm oder eines Grashalmes, für diesen krächzenden Sound. Diese Membran verschaffte dem Instrument dann auch die fachliche Begrifflichkeit eines sogenannten Mirlitons oder auch Fellklingers.

Mutmaßlich mit Sklavenschiffen gelangte das Kazoo in die Neue Welt
und somit in den Skiffle und Blues.
Rex Stewart, Trompeter in der Band Duke Ellingtons, fand Gefallen daran und bereicherte zahlreiche Jazzstücke mit diesem ungewöhnlichen Instrument. Für Freaks von Suchmaschinen hier vorab gleich der Hinweis: Die unter Kazoo zu findende Boden-Luft-Rakete russischer Bauart oder der Name eines klimatisch wohl sehr angenehmen Schlafsackes haben mit unserem Blasinstrument nichts zu tun. Wobei der Begriff des Blasinstrumentes so nicht ganz richtig ist. Denn eigentlich bläst man hier nicht, sondern man singt hinein.


Katalog der Maskenfabrik Eilers und Mey, Manebach/Thüringen, von 1930, Privatbesitz Jürgen Stoll, Karlsruhe


Eine Frage der Zeit war das Herüberschwappen des aus Blech, Holz und später auch aus Kunststoff gefertigten Instrumentes über den großen Teich in die alte Welt. Monsieur Bigot, war es, der ein Spieleerfinder aus Frankreich, 1883 nun auf die Idee kam, dieses kleine unscheinbare Teil in ein richtiges Instrument zu verwandeln bzw. bisher bereits gebräuchliche Blasinstrumente mit dieser Membran auszustatten. Instrumental wenig oder gar nicht ausgebildete Personen waren somit in der Lage, konzertant ihre Mitmenschen zu unterhalten. Insbesondere um 1900 erfreuten sich in Frankreich ganze Orchester großer Beliebtheit. Ohrenzeugen berichteten allerdings, dass man diesen „vielharmonischen“ Ohrenschmaus nur lieben oder hassen kann.

Recht schnell entstand um 1900 auch in Deutschland der Bedarf an derart närrischen Instrumenten. Masken- und Scherzartikelhersteller, insbesondere aus den heutigen neuen Bundesländern, fertigten zunächst traditionelle, täuschend ähnliche Blasinstrumente aus Pappmaschee und Pappe. Selbst voll funktionierende Zugposaunen, vergoldet oder versilbert, aber auch Alphörner fehlten zum Beispiel 1904 nicht im Angebot des Kataloges der Maskenfabrik Eilers und Mey aus Manebach in Thüringen.

Reichlich originell finden sich bereits im gleichen Katalog närrisch-fantasievolle Bigotphones. Träger dieser, den krächzenden Ton erzeugenden Membran waren allerdings Dinge des täglichen Alltages. So finden sich Bigotphones in Form von Küchengerätschaften, aber auch etwa als Schweinshaxe, Rettich, als Fisch oder Banane. Ersatzmembran oder aber auch Noten fehlten in dieser Ausgabe ebenfalls nicht. Im Katalog der gleichen Manufaktur aus dem Jahr 1930 lässt sich auch noch der Preis dieser papierenen musikalischen Erzeugnisse nachlesen. So kostete ein Dutzend Zugposaunen, geliefert wurde nur an Einzelhändler, 18 Reichsmark. Vergleichsweise günstig war ein Dutzend bespielbarer Kaffeemühlen zum Preis von 14,40 Reichsmark. Ein Stimmenhäutchen zur Reparatur defekt gewordener Stimmen kostete übrigens 1,20 Reichsmark. Ein historisches fotografisches Dokument aus den 1930er-Jahren aus Manebach zeigt in einem Verkaufsraum neben zahlreichen Masken in der oberen Bildhälfte auch einen Teil des Angebotes an Bigotphones.
Vereinzelt tauchen heute noch Nachfahren der Bigotphones als Kinderspielzeug, häufig in Form eines kleinen Saxofone aus Kunststoff, teils gefüllt mit Zuckerperlen, insbesondere auf Messen und Jahrmärkten auf. Kazoos aus Kunststoff zum Beispiel sind heute noch regelmäßig im Musikalienhandel bereits zu einem Preis von etwa 1,50 Euro zu erhalten, und Sie gehören in aller Regel zum musikalischen Repertoire zahlreicher Straßenmusikanten.

Fastnächtlich finden Kazoos heute noch zum Beispiel beim Ottmarsbocholter Karneval im Münsterland Verwendung. Beim Eiersammeln, bei welchem neben rohen Eiern auch Mettwürste gesammelt werden, dient dieses ungewöhnliche Instrument als musikalische Aufforderung an freigiebige Spender.

Für den musikalischen Selbstversuch bietet die große Welt des Internets übrigens eine Bauanleitung zur Herstellung eines Kazoos aus Papier bzw. Karton.

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