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Ditzeledé Juhe!
Glombiga Donnschteg in Mengen

von Karin Gessler


Am Morgen des Glombiga Donnschteg: Die Kappe des Ditzeledé wird zurechtgezupft.


Wo sich die Donau in der weiten Talebene der oberschwäbischen Landschaft mit Ablach und Ostrach trifft, liegt die Stadt Mengen. Erste Hinweise auf fastnächtliches Narrentreiben reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Die Narrenzunft Mengen kann 2009 ihr 125-jähriges Bestehen feiern.

Ein kalter Morgen, eine dünne Schneedecke überzieht das Land, die Bäume sind mit Raureif überkrustet. Vor der „Wirtschaft zur Ablach“ treffen sich die Mengener Narren. Ein Kribbeln liegt in der Luft, endlich ist es so weit, heute werden sie das Regiment in der Stadt übernehmen.

Der närrische Umsturz beginnt mit der Befreiung der Schüler. Pünktlich um 8.30 Uhr setzt sich der bunte Zug zu den Klängen der Stadtkapelle Richtung Schulzentrum am Stadtrand in Bewegung. Die Realschüler sind die Ersten, die das harte Unterrichtsjoch abstreifen dürfen. Und während in der Turnhalle im Walzerrhythmus des Schnättermarkt-Liedes getanzt wird, sehen die Ersten schon zu, dass sie in den Ort kommen, denn beim Rathaus steigt unter dem Motto „Fasnet auf dr Gass“ die Schülerparty. Der Narrentross zieht derweil weiter zur benachbarten Sonnenlugerschule. Immer länger wird der Zug, beim Gymnasium und der Astrid-Lindgren-Schule in der Stadtmitte gibt’s Schmalzbrot und heißen Tee. Am größten ist das Hallo in der Grundschule, hier ziehen die Narren von Schulzimmer zu Schulzimmer. Als Letztes reihen sich die Kindergartenkinder mit ihren Eltern in den Fasnetszug ein, der, nach einem kurzen Besuch im Seniorenheim, Richtung Rathaus drängt. In der Hauptstraße öffnen sich Fenster, hoffnungsvoll skandieren die Kinder:



„Ditzeledé, Ditzeledé,
ziehet d‘ Fahne in die Höh‘!
Bis zu Aschermittwochmorga,
dann tut ma die Fahne wieder versorga.“




Und schon regnet es Gutsle. Die Großen zieht es derweil in die Räume einer Arztpraxis, wo sie mit einem zünftigen Vesper und einem wärmenden Schnaps versorgt werden.


Der Mengener Bum-Bum, umgeben von den Ditzeledé, Fotos: Karin Gessler


Der Ruf „Ditzeledé“, mit der Betonung auf dem letzte E, bezieht sich auf die Hauptfigur der Mengener Fasnet. Ursprünglich eine Einzelfigur, entwickelte sich der Ditzeledé zu einer ansehnlichen Gruppe. Für den zungenbrecherischen Namen gibt es zwei Erklärungen: die wissenschaftliche leitet den Namen vom lateinischen „dicere“ ab, was „sagen“ oder „aufsagen“ heißt. Die volkstümliche Variante orientiert sich an der Mengener Mundart, in der „ditzele“ so viel wie „wirtschaftshocken“ bedeutet. Der Ditzeledé trägt keine Maske, sondern er schminkt sein Gesicht weiß und malt die Nase und den großen, lachenden Mund in leuchtendem Rot. Auf dem Kopf trägt er eine schellenbesetzte rote Hörnerkappe, das Häs wird aus schwarzem, grünem, ockerfarbenem und rotem Samt geschneidert. Mit der Saubloter am Geißelstock kann er wohldosierte Hiebe verteilen, doch wer Glück hat, bekommt stattdessen einen roten Kuß auf die Wange ...

Eine weitere große Narrengruppe sind die Mengener Stadthexen mit ihren furchterregenden Holzmasken. Ihr Häs ist in den Stadtfarben Rot-Weiß gehalten. In Anlehnung an das Stadtwappen gründete sich 1970 die Maskengruppe der Löwen. Zum Schnättermarkt, der am Fasnetsdienstag abgehalten wird, gehören die Schnätterweiber. Die Stadt Mengen erhielt bereits 1276 das Marktrecht. Der Schnättermarkt geht auf den Armenmarkt zurück, der immer einen Tag nach dem „großen“ Markt stattfand. Jeder konnte hier Waren verschiedenster Art feilbieten, und so ging es bunter und ausgelassener zu, als im üblichen Marktgeschehen.


Um die Einzelfigur des Bum-Bum rankt sich folgende Geschichte: Früher lief im Brandfall ein Feuermelder mit einer großen Trommel durch die Straßen. Einmal war ihm jedoch das Fell der Trommel gerissen und bis zum nächsten Brand hatte er es noch nicht geflickt. Er behalf sich, in dem er durch die Stadt lief und laut rief: „Es brennt, bum – bum.“ Zum Bum-Bum gesellen sich die Büttel, der Nachtwächter und die Herren und Damen der Narrenzunft in ihrer Fuhrmannstracht. Mengen lag an der alten Handelsstraße von Ulm an den Bodensee, viele Mengener verdienten ihr Geld als Fuhrmänner.

Mittlerweile hat der Narrenzug das Rathaus erreicht, um 11.30 Uhr treten Zunftmeister, Büttel, Ditzeledé und Nachtwächter zusammen mit dem Schultes, dem bereits die Hände gefesselt wurden, auf den Balkon. Unter großem Jubel der Narren wird die Narrenfahne aufgezogen. Der Dietzeledé gibt die Verhaftung des Schultes bekannt und verliest die ausführliche Begründung inklusive Auflistung aller obrigkeitlichen Missetaten. Das Schicksal des Stadtoberhauptes ist bitter, er kommt bei verschimmelten Kutteln und abgestandenem Wasser in den zunfteigenen Kerker. Der Büttel verkündet wortreich, dass nun die Narretei regiere und er die Amtsgewalt inne-habe. Damit es zu keinen Verfehlungen kommen möge, verliest er die neuen Gesetze, nach denen unter anderem nur noch Narren ins Städtle dürfen.

In den Gasthäusern rund um den Rathausplatz wird zur Mittagszeit „Gröschts“ serviert, die traditionelle Mengener Fasnetsspeise, bestehend aus Röstkartoffeln, Blutwurst und Nieren. Aber auch Maultaschen und Fisch stehen auf der Speisekarte. Musiker der Stadtkapelle ziehen durch Geschäfte und Lokale und spielen mit fetziger Musik auf.


Schön-schauerliche Masken: die Mengener Stadthexen


Im Jahr 2008 tagte nach längerer Pause am frühen Nachmittag erstmals wieder das traditionsreiche Mengener Narrengericht auf dem Rathausplatz. Angeklagt war der ehemalige Zunftmeister Martin Klawitter. Er habe durch unmässige Völlerei die Weste seines Fasnetsgewandes übermäßig strapaziert und umstehende Personen durch abspringende Knöpfe gefährdet. Zudem habe er der Zunft hohe Kosten verursacht, denn diese müsse nun eine neue Weste bereitstellen. Sein Plädoyer auf Freispruch nutzte ihm nichts, er wurde zu einem Teller saure Kutteln (die er, wie er überzeugend zeigte, gar nicht mag) und einem Liter Ablachwasser verurteilt. Seit wann das Narrengericht abgehalten wird, konnten die Mengener Fasnetsarchivare bisher nicht abschließend klären. Sicher ist jedoch das Gründungsjahr der Mengener Narrenzunft, das Jahr 1884. Damals wurde überlegt, „wie allerlei Kurzweil und Narretei könnte männiglich veranstaltet werden“. Am 23. Januar 1892 war es dann so weit, im „Gasthof zum Lamm trugen sich die Zunftmitglieder ins Narrenbuch ein und wählten das Mengener Narrengericht, dem damals die oberste Leitung der Mengener Fasnet oblag.


Das Heischen der Kinder hat sich gelohnt, Gutsle werden geworfen. Fotos: Ralf Siegele


161 Jahre alt ist der Brauch des Schellenabholens durch eine Delegation Bad Saulgauer Narren. 1848 hatte die Mengener Firma Schanz den Saulgauern eine Narrenglocke gestiftet, allerdings mit der Auflage, dass sie am Aschermittwoch zurückzubringen sei. Und so ziehen die Saulgauer alljährlich nach Mengen, um die Herausgabe der Schelle zu erbitten, denn „ohne die Mengener Schelle kann in Saulgau keine Fasnet eröffnet werden“. Vor dem Rathaus wird unter großer Anteilnahme Mengener und Saulgauer Narren die Zeremonie vollzogen und die übers Jahr in einer großen Holzkiste unter Hobelspänen, alten Lumpen und Gerümpel verborgene, vom Zahn der Zeit arg ramponierte Schelle hervorgeholt. Am Abend des Fasnetsdienstags werden die Mengener die Schelle dann zurückholen und bis zum nächsten Jahr sicher verwahren. Doch zunächst wird gemeinsam gefeiert, gegessen und getanzt. Am frühen Abend ziehen die Saulgauer dann zum Bahnhof, denn zur Übergabe des Narrenrechts um 19 Uhr müssen sie wieder in Bad Saulgau sein.


Ditzeledé, auf der Suche nach einem Opfer für Hiebe oder Küsse, Foto: Ralf Siegele


In Mengen wird es für einige Zeit ruhig, die bunten Narren verschwinden aus dem Straßenbild. Erst nach Einbruch der Dunkelheit kommt wieder Leben in die Stadt, große und kleine Hemetglonker in ihren weißen Nachthemden und Zipfelmützen sammeln sich am Seifenplatz zum Hemetglonkerumzug. Sie kommen nicht nur aus Mengen, sondern auch aus Ennetach. Die Rivalität zwischen Ennetach und Mengen geht bis ins Mittelalter zurück. Ennetach ist der ältere Ortsteil, hatte aber nach Gründung Mengens am anderen Ufer der Ablach um 1150 und der Verleihung der Stadtrechte 1276 das Nachsehen. 1967, als der Mengener Fasnet buchstäblich die Luft auszugehen drohte und nur ein Hemetglonkerumzug zustande kam, legten die Ennetacher am Rathausbrunnen einen Kranz nieder.


Hemetglonkerumzug vor der nächtlichen Kulisse Mengens, Foto: Ralf Siegele


Seitdem ist der Hemetglonkerumzug gemeinsame Sache der beiden Narrenzünfte. Weil die Ennetacher die größere Halle besitzen, trifft man sich zunächst in Mengen, zieht zum Rathausplatz, wo im Schein der Straßenlampen und der mitgeführten Laternen getanzt wird, und wandert dann nach Ennetach hinüber. An der Grenze zwischen Ennetach und Mengen ist ein Schlagbaum aufgerichtet. Hier muss die Ennetacher Zunftmeisterin dem Mengener Zunftmeister hochheilig versprechen, dass alle Mengener wohlbehalten wieder nach Mengen zurückkehren dürfen. Denn es sei immer wieder vorgekommen, dass Mengenern in Ennetach übel mitgespielt wurde, erzählt Zunftmeister Thomas Stehle mit einem Augenzwinkern. Mit dieser Versicherung im Gepäck wagen sich die Mengener nun über die Grenze in die Ennetacher Bürgerhalle, wo sich bei moderner Diskomusik vor allem die Jüngeren treffen. Die Älteren feiern in Ennetacher und Mengener Gasthäusern Fasnet. Die kostbare Narrenzeit muss genutzt werden, denn am Fasnetsdienstag neigt sich die Mengener Fasnet mit dem Hexengericht und der Hexenverbrennung schon wieder dem Ende zu und am Äschrigen Mittwoch muss der Narrenbaum umgelegt und die Narrenfahne wieder für ein Jahr eingezogen werden.

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