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Das zweite Leben
Fastnacht psychologisch gesehen

von Wolfgang Oelsner


Das Spiel mit der Maske schenkt uns Menschen ein „zweites Leben“. Wir dürfen tun, was die Wirklichkeit sonst nicht zulässt: mal auf Probe leben. Und zwar real, nicht virtuell wie bei „Second Life“. Die Maske erlaubt uns eine Begegnung mit der Welt, ohne dass wir uns vor ihr verantworten müssen. Was als Spiel deklariert wird, unterliegt nicht den Konsequenzen der Realität. Spiele ermuntern, unsere Fantasien von der Kette der Disziplin zu lösen und Sehnsüchte auszuleben. Einer Maske trägt man nichts nach – vorausgesetzt, sie hält die vereinbarten Spielregeln ein.


Begegnung der besonderen Art, Foto: Ralf Siegele


Widersprüchliche Sehnsüchte
Masken und Kostüme fördern unser erwachsenes Spielverhalten. Dabei wollen längst nicht alle einmal Prinz Karneval sein. Aber alle möchten Bedeutung haben. Zumindest wünscht sich jeder Anerkennung. Nicht immer wird die uns im Alltag gewährt. Vielleicht fänden wir mehr Beachtung, wenn wir schöner, stärker, klüger, wenn wir reich und sexy wären? Oder sollten wir uns lieber dumm stellen? Wie ein Kind, das nichts verantworten muss und die Dinge laufen lassen kann. Ein dummer August hat nichts zu verlieren, und einem süßen Tollpatsch wird verziehen und geholfen. Die Wünsche nach Clown und Prinz sind nur zwei der unterschiedlichen Rollen in der Funduskiste unserer Sehnsüchte. Andere Rollen, denen wir beim Fest der Masken nachgehen, erscheinen gar gegensätzlich.


Die Logik eines unlogischen Festes
Was hat das nun mit der Fastnacht zu tun? Auch sie ist ein Phänomen, das nicht logisch erklärt werden kann, jedenfalls nicht mit der Logik, nach der 2 x 2 immer 4 ergibt. Das Fest der Sehnsüchte erklärt sich nicht aus der naturwissenschaftlichen Logik, sondern aus der Logik der Psyche, der Psycho-Logik. 2 x 2 ergibt auch hier immer 4. Doch – mathematisch gesprochen – stellt sich das Ergebnis mal als 5 - 1, mal als 3 + 1, manchmal auch als 20 : 5 oder als Wurzel aus 16 dar.

Insofern gibt es keine eindeutige Antwort auf die viel bemühte Frage, was denn nun richtiger Karneval, echte Fastnet, wahrer Fasching sei. Feiert der Herr im Fransenkleidle, im Lappenclownkostüm oder im Smoking richtig? Trägt er Larve oder Schminke, Orden oder Pappnase? Geht die Dame als Hexe, als Alte Tante, als „ahl Möhn“, oder kokettiert sie als Pussycat, als verführerischer Vamp? Und überhaupt: Findet das Fest im Saal oder auf der Straße statt?


Für wenige Tage bietet die Fastnacht den Persönlichkeitstausch an. Foto: Ralf Siegele
Probebühne des Lebens
Fastnacht, Karneval stellen uns eine Probebühne des Lebens zur Verfügung. Auf der dürfen wir den jeweils anderen, den versteckten Facetten und den Gegenpolen unserer Identität begegnen. Im Spiel der verkehrten Welt dürfen wir sie aufleben lassen, ausformen und auskosten. Ängstliche dürfen etwas wagen, Konservative können vorpreschen, die ewig Umtriebigen dürfen im Heimathafen sentimental Anker werfen, Gutmenschen können mal egoistisch auf die Pauke hauen und der sonst so auf Unnahbarkeit Bedachte lässt sich im seligen Schunkelgefühl vom Nachbarn plötzlich einhaken. Im Rheinland zieht ordenbehangen ein Gardist auf die Bühne, der bei anderer Gelegenheit im Clownsgewand gerne Albernheiten auslebt. Im närrischen Südwesten gebärdet sich jemand wild als „Schuddig“ oder juckt als „Federehannes“ auf der Straße, der ansonsten als Zunftfunktionär strenge Regularien einhält. Nicht immer wird das so idealtypisch umgesetzt. Aber immer bietet das Narrenfest dazu die Chance.

Nicht nur die versteckten und kontrastierenden Anteile unserer Identität erproben sich auf der Fastnachtsbühne. Der niederländische Soziologe und Fastnachtsforscher Theo Fransen sagt, dem Narren diente das Fest nicht nur als Kontrast, sondern auch der Steigerung seines Lebensgefühls, der Verherrlichung dessen, was er auch im Alltag ist, der Apotheose (= Vergöttlichung). „Unter der sozialen Oberhaut, die drei Tage lang wie beim Chamäleon die Farbe wechselt, verbirgt sich nicht jemand, der seine normale Identität verleugnet, sondern vielmehr jemand, der drei Tage lang seine Identität optimiert“, schreibt Fransen.


Bräuche sind kein Klamauk
Weil das Fest sich aus vielschichtigen und wechselnden Sehnsüchten speist, ist es falsch, nach der „richtigen Fastnacht“ zu fragen. Wichtig sind jedoch zwei Merkmale von definitorischem Charakter: Das Spiel muss zeitlich begrenzt sein, und es muss in der Gemeinschaft gespielt werden. Die zeitliche Begrenzung unterscheidet fastnachtliche Bräuche von ganzjährigem Klamauk, Entertainment und Comedy. Ohne Aschermittwoch gibt es keine Nacht vor dem Fasten, keine Fastnacht, kein „Fas­telovend“. Und bei einer noch so selbstverliebten Eigeninszenierung muss das Spiel mit der Verkleidung interaktiv bleiben. Die Maske will dem Du begegnen. Sie will dahin, wo die anderen sind: auf die Straße, in die Wirtshäuser, in die Säle. Es mutet eher krank als närrisch an, säße jemand in voller Kostümierung allein vorm Fernseher, um sich „Mainz bleibt Mainz“ anzuschauen. Karneval und Fastnacht werden stets eine Gegenwart haben, weil sie Sehnsüchte befriedigen, die zum Menschsein gehören. Die Festorganisation wird allerdings je nach Kultur und Zeitalter in unterschiedlichen Händen liegen. Im Rheinland dominieren Komitees, im Südwesten Zünfte. Im Lauf der Geschichte prägten mal alternative Bewegungen von unten, mal bürgerliche Reformen von oben das Fest. Mal trug es mehr die Handschrift der Kirche, mal die der Straße, mal die von Künstlern, mal die von Intellektuellen, mal eher die der Staatsgewalt. Und dann gibt es (Durchgangs-?) Phasen wie gegenwärtig, in denen Medien und Kommerz zunehmend Regie führen. Alle diese Einflüsse gestalten das Fest. Doch seine Triebkraft wird immer aus dem Sehnsuchtspotenztial der Menschen kommen.




Auf die Dosis kommt es an
Fastnacht ist weder Medizin noch Therapeutikum. Doch im Fest stecken „Wirkstoffe“, die Seele und Leib berühren. Ob sie beglückende oder zerstörerische Effekte hervorbringen, liegt allerdings wie bei jedem Medikament an der Dosis. Es sind Nuancen, die Wirkung und Nebenwirkung trennen. Das Fest der Sehnsucht kann zum Fest der Sucht entgleisen. Der Wunsch nach rauschhafter Grenzerfahrung kann zum Suff verkommen, das Streben nach Bedeutsamkeit in Despotie und Gewalt ausarten. Aus dem Spiel mit dem Tabubruch kann Anarchie werden, die Sehnsucht nach Nähe kann in Anmache und Grapschen umkippen und Heimatliebe zu Fanatismus pervertieren.

Es gehört zu den Kulturleistungen eines Volkes, menschliche Widersprüche und Paradoxien zu integrieren. Das heißt, sie zuzulassen und sie zugleich in einem Regelwerk zu kanalisieren. Das ist die psychologische Aufgabe einer Brauchkultur. Die ist auch politisch. Denn mit Wildwuchs allein wäre kein Staat zu machen. Der führte ins Chaos und riefe fanatisierte Gegenkräfte hervor. Und die können bekanntlich weder Narren noch Menschen aushalten. Eine lebendige Brauchkultur ist eine Prophylaxe gegen Fanatismus und somit keine geringe Aufgabe, die Zünften und Komitees zufällt.

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