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Bäre – g’sähne
Fasnacht in Oberharmersbach

von Monika Bönisch


Schindelmocher aus Oberharmersbach, Foto: Ralf Siegele
Von Biberach in Baden kommend schlängelt sich die Nebenbahn durchs Harmersbachtal, vorbei an Wäldern und Wiesen, über die in der frühlingswarmen Sonne bereits die Lämmer springen. Zell, Unterharmersbach, Kirnbach-Grün, dann das Ziel: Oberharmersbach. Es ist Rosenmontag, der Haupttag der hiesigen Fasnacht, und bald wird sich in der kleinen Schwarzwaldgemeinde ein beachtlicher Fasnachtsumzug präsentieren: auf einer Strecke von gerade einmal einem Kilometer. Die Zuschauer am Straßenrand üben schon die Fasnachtsrufe ein: „Narri – Narro“, „Bäre – g’sähne“, „Schindel – Mocher“. Einige haben sich verkleidet oder mit närrischen Accessoires geschmückt, mit regenbogenbunten Mützen oder rosa Mickymausohren. Einer schwingt als Formel-1-Fan die Ferrarifahne und Häuptling Großer Bär füllt mit seinem hoch aufragenden, kornblumenblauen Federschmuck fast die gesamte Tür zum Hotel Bären aus. Und noch eine andere Art von Bär ist allgegenwärtig: die prominente Oberharmersbacher Fasnachtsfigur im dunkelbraunen, durchgehenden Plüschhäs und mit hölzerner Bärenmaske.

Diese Narrenfigur wurde angeregt von einer Sage um den heiligen Gallus, der einst auf einer Missionsreise auch ins Harmersbachtal gekommen sein soll. Gallus traf eines Tages einen Bären, der sich an einem Dornbusch verletzt hatte. Unerschrocken zog Gallus ihm die Dornen raus und fortan war das dankbare Tier dem frommen Mann ergeben.

Ob den Oberharmersbachern 1972/73, als sie den Bären als Narrenfigur kreierten, bewusst war, wen sie sich da in den Ort holen? Niemand anderes als den Teufel! Denn in der Fasnachtsforschung wird der Bär mit dem Bösen gleichgesetzt, versinnbildlicht er die Sünde der Unkeuschheit und Wolllust sowie ein zügelloses, unbeherrschtes Wesen, das Süßigkeiten (Honig!) nascht bis zum Umfallen. Trotz ihres kuscheligen Äußeren muten auch die Oberharmersbacher Bären durch zwei Reihen weiß bleckender, scharfer Zähne auf der Holzmaske durchaus ein bisschen gefährlich an … Doch lassen wir die Kirche im Dorf, also die Pfarrkirche St. Gallus in Oberharmersbach, und die Bären auf der Straße herumspringen.

Schindelmacher als Ideengeber
Viel Konkurrenz muss die beliebte Narrenfigur nicht fürchten. Die elf Zunfträte, angetan mit Baumwollhose und -hemd in Weiß, Lederweste, Stiefel und Hut, behängt mit Tasche und grünlichem Regencape – eine Kostümierung, die an die historische Kleidung der Bauern im Ort angelehnt ist –, sind zwar schmuck, können aber den Bären kaum die Schau stehlen. Eher schon der „Schindelmocher“, die zweite Oberharmersbacher Narrenfigur. 1993 hatte Reinhard Schwarz, Sohn eines wirklichen Schindelmachers, das Häs entworfen, gefertigt und die Holzmaske dazu geschnitzt. Beim Preismaskenball, der jährlich am Fasnachtssonntag von der Zunft veranstaltet wird, erhielt er für seine Kreation den ersten Preis. Ein Jahr später liefen auf der Oberharmersbacher Fasent bereits
15 Schindelmocher mit. Da Maske wie Kostüm so gelungen waren und einen früher verbreiteten Beruf im Schwarzwald darstellen, nahm die Bärenzunft die Figur 1994 offiziell auf. Die Zunft legt Wert darauf, dass jeder Träger des Schindelmocher-Häses selbst die Holzschindeln an seinem Gewand anbringt: „Dann hat er einen ganz anderen Bezug dazu“, meint Zunftmeister Heinz Haubold. Zum schweren schindelbedeckten Oberteil mit bunt besticktem Kragen trägt die Figur eine geflickte Hose und Holzschuhe als Zeichen der Armut dieses Berufsstandes. Mit einigen zusammengefügten Schindeln in der Hand vermag der Träger ordentlich Krach zu machen.


Keine Angst vor Bären – Kinder sind fasziniert von dieser Oberharmersbacher Narrenfigur. Foto: Ralf Siegele


Im Jahr 2006 konnten Bärenzunft und Bärenhäs ihre 33-jährige, der Schindelmocher seine elfjährige Existenz feiern; 2008 wird der Umzug zum 44. Mal durch Oberharmersbach ziehen – jubiläumswürdige Termine, in „Schnapszahlen“ gemessen.


Kleine närrische Gemeinde
Bei einer Einwohnerzahl von 2600 kann Oberharmersbach, wo die Menschen überwiegend von Tourismus und Landwirtschaft leben, 100 Bären, 50 Schindelmocher sowie 30 bis 40 Kinder und Jugendliche in einem der beiden Häser vorweisen. Kein schlechter Schnitt! Deshalb sagt Heinz Haubold zu Recht: „Das Dorf steht hinter der Fasnacht; Oberharmersbach ohne Fasnacht geht nicht.“ Und die Zunft sieht sich in der Verantwortung und ist bestrebt, Essen, Getränke und Material aus dem Ort oder der Region zu beziehen und Regionaltypisches anzubieten.
In jedem „Zinken“, also in fast jedem Seitental der Gemeinde, hockt eine Narrengruppe, wie die Unterdorfer, Zuwälder, Schlauchis, Malente und die Unentschlossenen. Der Zunftrat ordnet das Gefüge; aber eigentlich muss man „gar nicht zu sehr organisieren, schön ist, wie selbstständig manches läuft“, freut sich Haubold über die elf der Zunft angehörenden, in sich starken aktiven Fasentgruppen.
Diese Gruppen sind es auch, die das Motto für den Umzug am Fasnachtsmontag festlegen. Fünf Themenvorschläge kommen in die engere Wahl und am 11.11. wählt die Versammlung dann das Motto. Ab da läuft der Countdown – bis zum Fasnachtsmontag haben die Akteure nun Zeit, Wagen, Kostüme und Requisiten zum Thema vorzubereiten.


Umzug mit Motto
Der Umzug kommt. Der Narrensamen macht den Auftakt, Bären und Schindelmocher folgen. Die Fasentgruppen schmücken das diesjährige Motto „Närrische Kinderbücher“ aus – Rotkäppchen, Bill Bo und seine Bande, Max und Moritz, die zum Leidwesen von Frau Bolte deren gebratenes Federvieh durch den Kamin angeln, Batman, viele Struwwelpeter mit langen schwarzen Fingernägeln und quietschgelben Haaren, die unverwüstliche Pippi Langstrumpf und der rote Stiefel des Katers ziehen vorbei. Dazwischen immer wieder die Narren und Musiker befreundeter Zünfte, wie die Bändele-, Welschkorn- und Spielkartennarros aus Zell, die musizierenden Eckwaldbuben aus Unterharmersbach oder die Bergwerkgeister aus Biberach-Prinzbach.


Wie ein schönes Gemälde
Hinter dem letzten Umzugswagen schlagen die Menschenmassen zusammen. Blitzschnell wird die abschüssige Straße zwischen St. Gallus-Kirche und dem Bahnübergang beim unteren Bahnhof zum Tanzboden, zum Gasthaus, zur Konzertbühne, zur Bar. Ess- und Trinkstände werden belagert, vor dem Narrenbaum beim Rathaus spielen Guggenmusiken ihre schrägen Töne, die Squaw tanzt mit dem Pinguin, die Zunfträte schunkeln … Es wogt und bebt, tönt und schwätzt, tanzt und schiebt … Der Besucher meint, sich im Gewimmel eines Brueghel’schen Gemäldes, versetzt in ein Schwarzwalddorf, wiederzufinden. Nicht nur der Zunftmeister ist an diesem Tag selig und fühlt sich bestätigt: „Die Hauptsache für mich ist, dass die Leute hinterher sagen können: Schön war’s.”


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