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Silentio, Salzknaben!
Das Lied von der Mühlheimer Fasnet aus der Kehle von Christof Heppeler



Oh, wie wär die Welt voll Kummer,
gäb es keine Narren mehr …






Mühlheimer Narrenmarsch, zweite Strophe Silentio, Salzknaben! Hier – seht ihr mich – nur für euch stelle ich mich auf diese Bank und singe euch – und ihr, entdeckelt eure Ohren – das Lied von der Mühlheimer Fasnet! Leiht mir eure Lauscher, Salzknaben und Salzknäbinnen da draußen, und ich führe euch in ein Städtle, hoch über den Auen der blutjungen Donau, in seine Straßen, Gassen und Gässle, in die Hausgänge seiner verwachsenen Hausaltertümer und – Geduld, Geduld – an das Rund seiner Stammtische in den nieder geduckten Wirtshäusern. Oh, Wunder über Wunder, blickt mit mir in die heißen Herzen und in die siedenden Seelen der Millemer Narren, spickt durch Mündungen ihrer Larvenaugen und lernt, dem Tempo ihrer scharfen Zungen zu folgen.

Jetzt beim Schreiben und überhaupt erst jetzt fällt mir das Wort „Salzknabe“ auf. Ich kenne es von der Fasnet, eigentlich vom Schmotzigen Donnerstag, also vom Narrenbaumsetzen. Bisweilen höre ich es auch unterm Jahr, aber, so mein Empfinden, der Ort des Titels Salzknabe ist die Fasnet. Als Salzknabe trittst du in die Millemer Fasnet ein. Salzknabe? Salzknaben sind Anfänger. Fastnachtsanfänger allen Alters. So ist das mit dem Eingelerntwerden in die traditionelle Welt in der traditionellen Welt. Irgendjemand wirft dich hinein. Irgendjemand nimmt dich mit. Pädagogik: by doing. Didaktik: wohlwollender Spott. So lange, bis du halt kein Salzknabe mehr bist. Das spürt man. Wer nicht, bleibt Salzknabe forever. Wer doch, lässt es ab nun die anderen spüren.

Die Millemer Fasnet verschließt sich niemandem, sie nimmt jeden mit. Klar: Es gibt nie keine Garantie. Auch klar: Diese Fasnet wird sich euch nicht bedingungslos hingeben. Ergo, Salzknaben, mir nach!

Vorher 1.0
Wann beginnt die Mühlheimer Fastnacht? Am sechsten Januar, wie überall. Genauer am Vorabend zum Dreikönigstag: offizielle öffentliche Narrenversammlung, offizielle Bekanntgabe der offiziellen Termine.


Vor dem mittelalterlichen Tor, dem „Duar”, sammeln sich die Schellennarren. Fotos: Thorsten Frank


Vorher 1.1
Wann beginnt die Mühlheimer Fastnacht? Die Fasnet beginnt mit der Vorfreude. Mit der Vorbereitung. Dann, wenn in Mühlheim die Luft nach Kea riecht. Kienspan, die jahrhundert alte, früher für Arme einzige Lichtquelle und immer schon wichtig für die Millemer Fasnet. Man muss die Kiefer suchen, schlagen, sägen, spalten. Den Kea bündeln. Man muss sich vorbereiten. Dichten, malen, schneidern, einsingen, freihusten, vorglühen. Es gibt Methoden des Vorglühens. Narrentreffen. Die sogenannte „Zensur“: Die Redakteure der Narrenzeitung „Stadtorgel“ lesen sich gegenseitig ihre Artikel vor und schweigen – innerlich brüllend – bis zur Fasnet. Kappenabende: Keine „Bälle“ vielmehr heimelige Veranstaltungen der Vereine oder privater Chaoten, wie die „Alten Latschi“. „Kappe“ ist Programm und bedeutet: „minimalste Verkleidung“, ein Hauch, eine Vorgrundierung. Das soll sagen: Die Vorglühtage sind aus der Fasnet nicht wegzudenken, aber nie mit ihr zu verwechseln.

Wem das auch nur im Entferntesten passiert, bleibt Salzknabe in Ewigkeit. Merken, Zuhörer!

Und überhaupt liefert das Licht in diesen Tagen plötzlich andere Farben. Und wenn du unter die Leute gehst, zwinkert das eine oder andere Auge anders. Verschmitzter. Können Augen aufsagen? Ja, jetzt.


Das größte Erlebnis für einen Millemer Narren: Einmal auf dem Narrenbaum sitzen dürfen. Fotos: Thorsten Frank


D’ Schmotzig …
… beginnt in Mühlheim verhalten. Es muss erst sieben am Abend werden, bevor sich etwas bewegt. Schon die ersten Bewegungen sind symbolträchtig. Treffpunkt „Sternen“. Oder „Lautenbach“ (lies „Zur Donau“). Das ist klare Mühlheimer Fastnachtstopografie. Beide
Wirtshäuser liegen an der Vorderen Gasse (lies „Hauptstraße“) und zwar tief, so tief wie sonst fast keine Häuser mehr. Die Mühlheimer Fasnet bewegt sich von diesen Punkten aus immer nach oben, Richtung Tor, Richtung Torplatz, „Rössle“, „Linde“, „Stadttor“, „Krone“ – wunderbare alte Wirtshäuser, wie umgekehrte Schneckenhäusle (tritt ein und eine Spirale ins Ungewisse saugt an dir).

In Mühlheim wirst du als Narr immer wieder durch diese tief gelegenen Durchlauferhitzer gejagt, um von hier aus auf die Umlaufbahn geschossen zu werden. Von einem Punkt aus in Sprühnebeln hinauf verteilt nach überallhin. Die Vordere Gasse bildet die glühende Hauptader der Millemer Fasnet.
Salzknabe, stell dich an diesen Strom. Irgendwann wird er dich mitreißen. So sicher ist nichts. Irgendwann spuckt er dich aus. Unsicher. Wann und wo, weiß sowie keiner.

Oder anders: Sobald du den „Sternen” an diesem ersten Abend verlässt, neinnein, sobald du nur die Tür aufhaust, zum „Sternen”, atmet sie dich ein. Die Millemer Fasnet. Noch bevor sie dich ausschnauft, bis du anders.


Holzmächervesper – lebenswichtige, lustvolle Narrendiät , Foto: Thorsten Frank


Warum? – Grad hattest du noch all deine Sinne beieinander, aber jetzt hast du sie alle freigegeben. + Gehör: Der Sound der Mühlheimer Fasnet schießt los, wenn Metall auf Holz schlägt. Die Holzglocken des „Gschells“ des Schellennarrs (wollte man streng urteilen: eher Rollen als Schellen); Es reicht einer allein, der ein Gschell durchs Städtle trägt, und ein Adrenalinhochwasser schlägt durchs Tor. + Geschau: Die Fähnele, der bunte Faden, die Grundierung des Wilden, auch wenn es schläft. Feuerfarben. + Geruch: Kea, Kienspan – Kiefernholz, so vollgesoffen mit Harz, dass Licht durchleuchtet, bevors brennt; kalt oder in Flammen unauslöschlich im Nasengedächtnis. Der Rest stinkt. + Geschmack: Fasnetsküchle zu Hause, Holzmächervesper im Rucksack, Kuttlesuppa im Wirtshaus … + Gespür … traktiert von Gsprüar; die Narren
werfen mit leer gedroschenen Getreidehülsen, reiben sie dir durch die
Kleidung, unter die Haut; noch am Karfreitag fällt einem Gsprüar aus der Unterwäsche; wortloses, anhaltendes Necken. Und weiter so.


Kappenabend: Basis zur Glückseligkeit, Foto: Thorsten Frank


Der Schmotzige beginnt, was die Akteure angeht, mit Einschränkungen. Sagen wir es so: Es wird ein Narrenbaum gesetzt – von gestandenen Holzmächern, einer Spezies, die früher ausschließlich männlich war. Also
auch heute ist. Der Holzmächer ist eine feststehende, frei verkleidete Figur.
Vorgabe: Waldarbeiter um circa Ende 19. Jahrhundert. Schweres Schuhwerk, Knickerbocker, Ledergamaschen, wetterbrechende, gewichtig dekorierte Filz-, Schlapp- und … Holzmächerhiat halt. Aber eigentlich geht es um die leicht grotesken Verzierungen. Nasen, Brillen, Hutehrenzeichen, übertriebene Steigeisen, bratbares Getier, das am Rucksack baumelt … Roter Faden ist das rote Halstuch. Fasnetstüchle. Weniger Verkleidung als Signal. Flamme am Hals. In mir drin: entzündete Narretei.
So um sieben setzt sich der Zug in Gang. Die Mussig spurt für die Holzmächer. Schellennarren und Keaweiber helfen. Die Holzmächer schultern den Narrenbaum. Sie tragen ihn gegen die Schwerkraft auf der Hauptader. Gegen die Mühlheimer Stadtgravitation. Gegen die Fließrichtung der Welt. Das ist ein Narrenbaum, wie er sein soll. Astlos, lächerliche Baumkrone, dürr. Er streckt allen schönen Maien und vor Stolz blühenden Maibäumen die Zunge raus. – Ob die jahrhunderte- alte, kraftvolle Symbolik des „dürren Baumes“ je mit dem Millemer Narrenbaum in Berührung kam, muss offen bleiben; sie zu zeigen, wäre er ideal.
Der Baum wird von Hand getragen und von Hand gesetzt. Einer, nur er sitzt drauf – weil alter Millemer Maschgera-adel. Ehrlich gesagt, seit Bua möchte ich da auch mal sitzen. Es braucht mehrere Paarstangen, „Scheren“, um den um die 20 Meter hohen Baum zu setzen. Je zwei Fichtenstämmle, am oberen Ende verbunden mit Hanfseilen, die kunstvoll gewickelt werden müssen.


Die Narrenzeitung „Mühlheimer Stadtorgel“ wird von allen Narren sehnsüchtig erwartet. Foto: Thorsten Frank


Narrenbaumsetzen ist ernst und gefährlich. Fasnet ist erst, wenn der Baum steht. Nur der Salzknabe an sich entzieht sich dem Baum. Wer die Initiation durch den Baum nicht mitnimmt, ist die ganze Fasnet nicht wert. Oder hat sie sich längst für immer verdient.

Die ehrenwerten Zünfte der Mühlheimer Handwerkerschaft machen es sich seit Jahrtausenden zur Tradition, den Holzmächern das Handwerk zu legen. Beispiele: Loch verbaut, Loch verstopft, Loch brennt, Tor verbarrikadiert, Baum weg, Baum zersägt. Es herrscht eine gewisse Spannung. Das Verhältnis zwischen Holzmächer und Handwerker formuliert sich so: Wie diesmal? Wie fordern sie uns heraus? Schlagartig müssen Experten aus den Reihen der Holzmächer einberufen werden. Metaller, Holzwürmer, Tüftler, Kraftmenschen. Ich selbst war da nie dabei.


Eine besondere Art gemeinschaftlichen Erlebens. Foto: Thorsten Frank


Hauptwort Juzger
Wer ein Wirtshaus betritt, wer einen Baum trägt, wer auf die Millemer Fasnet geht, muss juzgen. Wer muss, muss es können. Der Mühlheimer Juzger setzt sich von allen in der Fasnetslandschaft ähnlich gelagerten Geräuschäußerungen ab.
Wollten wir vergleichen und wollten wir dies in Begriffen aus dem angemessenen Reiche der Musik tun, so ergäbe sich folgendes Bild: Während unsere Ufernachbarn aus der Donauhochburg Fridingen einen Juzger praktizieren, der eins zu eins in den Bereich des Death Metal zu rechnen ist, muss der Millemer Juzger in musikalischer Blutsverwandtschaft zum Schubert-Lied gesucht werden. Ein gestandener Mühlheimer Narr vermag ein Butzele in den Schlaf
juzgen, um Sekunden später einem Scheintoten zu exemplifizieren, wie die Säfte akustisch wieder ins Gurgeln zu bekommen sind.

Juzgen können,
Salzknaben,
ist eine der vordersten Prüfungen zum Narr.

Der Juzger ist der Herzensgruß des Narren. Sein Bekenntnis. Der Narrengruß übrigens lautet in Mühlheim – seit 1952 – Narri-Narro.


Der Zunftball – ein Ball, der rauscht und nachrauscht. Foto: Thorsten Frank


Hauptwort Vesper
Wie immer, wenn sich Männer in den Mittelpunkt der Geschehnisse stellen, hängt das wichtigste Stück außen am Körper hinab. Die Rede ist im Falle des Holzmächers unzweifelhaft von seinem Rucksack. Darin enthalten ein Vesper – lebenswichtiges äußeres, alsbald inneres Organ des Holzmächers.
Holzmächer essen und trinken Zeug, dass ihnen drei Tage lang der Hals stinkt. Mit Fleiß. Wer das nicht mitpraktiziert, läuft ungeschützt in die Frage: „Witt …“, schlimmer „Moscht no küssa?“ Was küssen pars pro toto meint … aber egal.
Bei aller kulinarischer Kreativität: Das Urvesper formiert sich aus einem Ring Schwarzwurst, einem Backsteinkäs, Zwiebeln. Speck noch vielleicht. Wer keinen Backsteinkäse mag, nimmt ihn trotzdem mit, weil sich die Schabete für Schabernack so gut eignet.
Müsste ich aus dem Gedächtnis frei klassifizieren, so fielen mir vielleicht solche Gruppen ein: Es gibt Sättigungsvesperer, Schauvesperer, Brauchvesperer, Fremdvesperer, Angeber und Sauhund’.


Ein erlesener Maschgera-Abend, bei dem die Labera-Sänger in Aktion treten. Foto: Thorsten Frank


Hauptwort Schwarzwurst
– als Wissenschaft und Philosophie.

Wer eine harte Schwarze mit sich führt, offenbart sich als Ehrenholzmächer. Hart: wohlvorbereitet = Kenner. Je härter, desto Kenner. Zum Kenner gehört, weil seine Wurst
ja härter ist als jedes Vesperbrettle,
ein gottsmillionisch scharfes Messer. Lottriges Messer plus weiche Schwarze = Salzknabe. Die aus diesen Worten schreiende erotische Symbolik habe nicht ich erfunden, Ausrufezeichen. Edelvesperer präsentieren weitere Wurstsorten aus eigener Hausschlachtung. Und Speck, von mager bis schwer durchwachsen, mit Harzen und Hölzern zu unbezahlbaren Delikatessen hoch- geräuchert. Längst zur Unkenntlichkeit assimilierte Banätler, Batschger oder Weißrussen imponieren hier mit
Würsten, die zwar nicht unbedingt
härter, aber unvorstellbar schärfer sind als jedes urschwäbische Messer. Dazu werden Gurken, Gürkli, eingelegtes saures Gemüse, dynamitverwandter Zwiebelsalat, Peperoni und andere Brandbomben gereicht.


Übrigbleibsel eines Fastnachtsspaßes aus den 1920er- Jahren: das Dengeln am Fasnetsmändiggmorgen. Foto: Thorsten Frank


Alles rädle, schnipple, schelfere verfolgt nicht nur einen Selbstzweck. Zum Vespern gehört das Vesperanbieten. Alle WirtshaushockerInnen dürfen hoffen, von den vorschreitend exponential stinkenden Holzmächern ein exzellent stinkendes Holzmächervesper zu bekommen. Nun fällt es noch dem brävsten Leser wie Schuppen von den Augen, warum die Schabernackfähigkeit der Schabete eines Backsteinkäses so wichtig ist im Vesperkontext.

Anekdote am Rande: In nachfastnächtlicher Vergesslichkeit habe einer einmal seinen Holzmächerrucksack gar arglos auf die Bühne an den angestammten Holzmächerrucksackplatz gehängt, ohne den Restinhalt nachzukontrollieren. Pünktlich zum nächstjährigen Holzmächertermin soll dann dem Vergessling ein Blütenmeer entgegengeschlagen haben, mit dem er locker den allsommerlichen Geranienwettbewerb für sich entschieden hätte.

Erste echte Maschgera laufen sich warm. Zwar sind es wenige, dafür sind sie mächtig engagiert. Zum stehenden Repertoire zählen längst die „Turnerweiber“. Sie setzen einen weiblichen Gegenpol zur männlichen Überzahl an diesem Abend. Damit weht ein Hauch jenes „Wiberdonnerstags“, für den Belege vom Ende des 17. Jahrhunderts existieren, freilich wie immer bar aller Hinweise auf Abläufe.


Pflicht für jeden Mühlheimer: der Sagt-er Foto: Thorsten Frank


Hauptwort Gesang
Der Mühlheimer Narr singt. Immer. Doch. Richtig echt. Wenn es gut läuft, wie vorletztes Jahr, dann singen wir gegen die anhaltende Nacht und gewinnen. Für die Holzmächer ist ihr Xang Lohn, so eine Art Nachtisch. Ein Lied hat die Ehre, den Holzmächerchor zu eröffnen: Der Wildbretschütz. Das Repertoire ist inzwischen käuflich1.


Fasnetsfreidigg
Jede Fasnet hat einen eigenen Charakter. Ein Selbst. Ein Gesicht. Manchmal ist sie dein Feind, macht dich krank, verstrickt dich in Streit. Oder sie ist blöd und wunderlich. Und dann, einbruchmäßig rasant wird sie wieder klug, witzig, völlig neu, nie da gewesen, kaum zu bremsen.
Wie sie denn ist – sie – jetzt –, wie sie zu mir steht und ich zu ihr –, all das merkt man spätestens heute Morgen. Vielleicht äußert sich das für jeden anders. Jedenfalls ist der Schmotzige dazu geeignet, das Verhältnis zwischen Narr und Fasnet auszupendeln. Der eine geht wahrlich belebt aus dem ersten Fastnachtstag heraus. Andere haben schon ihren ersten Knock-out hinter sich. Nicht ungenannt bleiben können legendäre Berichte in diesem Zusammenhang, welche die Heimkehr eines Holzmächers am Sonntagmorgen bezeugen.

Der Fastnetsfreitag ist ein schöner Tag. Farbentag. Fähneletag.


Hauptwort Fähnele
Die Mühlheimer Fähnele sind legendär. Längst Kult. Meter um Meter spannen sie sich von Haus zu Haus. Eigentlich hängen die meisten Fähnele am Freitag schon lange. Jene aber um den Narrenbaum können natürlich heut erst gebunden werden. Den Baum setzen heißt Zeichen setzen.
Jetzt gelten die Fähnele. Jetzt stehen sie unter Strom. Jetzt setzen sie uns unter Strom. Die Mühlheimer spielen auf der Farbenorgel Farbenorgien. Kein Wetter wettert dazwischen. Jetzt ist Allefarbenwetter. Unter diesem Himmel ist Fasnet. Und zwar Millemer Fasnet.

Ansonsten gilt der Fasnetsfreitag der Regeneration und Vorbereitung.

Nutzen wir, ihr Salzknäblein, den Pausentag für eine kleine Geschichtsstunde. Der erste Beleg für die Millemer Fasnet fällt in jene Jahre, in denen andere Narren meinten, gerade einen Seeweg nach Indien entdeckt zu haben. Es ist ein harter Beleg, kein Hennenbeleg. Seit diesen Tagen empfangen wir laufend Signale aus der Geschichte; das sind, wie überall, Archivbelege, also verhandelte Vergehen. In Mühlheim sehen wir eine Belegdichte sondergleichen bei anhaltendem Fehlen von Hinweisen auf das, worauf Edelfasneten heute so stolz sind: Bräuche, Häs, Larven. Aber in jedem Vergehen erkenne ich mich selbst, erkenne ich all meine Narrenkollegen.


Fasnetssamschdigg
Am Samstagmorgen erhält jeder Mühlheimer die Gelegenheit, eine Narrenzeitung zu erstehen. Frei Haus. Die Verkäufer haben oft seit Jahren ihre eigene Verkaufsroute. Sie werden gern empfangen und der Tageszeit entsprechend verköstigt, denn die Käufer kennen zu diesem Zeitpunkt ja den Inhalt der „Stadtorgel” noch nicht. Ein erfolgreicher „Stadtorgel”– Drücker nimmt am Fasnetssamstagmorgen gut und gerne fünf Kilogramm (lies auch „fünf Promille“) zu. Solche Bestandteile der Fastnacht verdienen natürlich den Titel „Brauch” nicht, aber was hier in den Stuben stattfindet, darauf mag keiner verzichten.

Salzknabe, die „Stadtorgel” ist Pflicht. Sie ist Quell für alle, die über die Fasnet „aufsagen“ wollen.

Abends feiert die Narrenzunft ihren Ball. Zunftball. Die in den Fünfziger- jahren entstandene, fantastische Festhalle bildet die nicht wegzudenkende Kulisse. Der Zunftball ist die einzige „ballartige” Veranstaltung während der Mühlheimer Fasnet. Seit Jahrzehnten halten die vielen Nummern ein nahezu professionelles Niveau. Der Ruf des Balls strahlt weit über die Stadtmauern hinaus. Das ist ein Ball, der rauscht; der nachrauscht. Einige nutzen die Energie im Saal, um sich gleich selbst mit wegzusprengen.


Der Narrenpolizist führt den Umug an. Foto: Thorsten Frank


Fasnetssunndigg
Es ist Kindertag. Wieder greift die Mühlheimer Fastnachtsgeografie. Der Umzug wird im Schlosshof aufgestellt, praktisch und vielleicht auch eine kleine Verneigung vor der ehemaligen Herrschaft, den noch ansässigen Freiherren von Enzberg. Der Kinderumzug wuselt sich durch das Städtle in die Höhe zur Festhalle, viele Mottogruppen, tausendbunt, zusammengehalten von angestressten Eltern, aufgescheucht von Kind gebliebenen Guerillanarren. In der Festhalle findet im Anschluss der Kinderball statt. Fasnet von Kindern für Kinder. Legendär ist allen ehemaligen und aktuellen Kindern die Belohnung für die Teilnahme: ein Libella und eine Wurst; Kesselschübling wohlbemerkt, Fasnetswurst! Der Volksmund führt diese Veranstaltung als Käpseleball.


Hauptwort Käpseleball
Kinder pflegen sich über die Fastnachtstage zu bewaffnen. Anhaltender
Beliebtheit erfreut sich hierbei die Käpsele-Bischdool. Geladen wird das Schießeisen mit den namengebenden „Käpsele“: Papierröllchen, auf denen Pünktchen an Pünktchen aus Klepf- und Pfuzgmaterial sitzen, das beim Abdrücken hochgeht. Ältere zünden die Käpsele als Zeichen ihrer Adoleszenz übrigens mit dem Daumennagel.
Wichtig ist: Kinderumzug und Kinderball mögen als Übungsversionen dessen erscheinen, was die großen Narren am Samstagabend und Montagmittag durchspielen. Der Titel „Käpseleball“ aber ist Fasnet pur; und damit ist genau dies auch die Kinderfasnet.


Alte Schachteln – unverzichtbare und vermutlich älteste Figur der Müllemer Fasnet, Foto: Thorsten Frank
Der Sonntagabend ist ein erlesener Maschgera-Abend. In den Wirtshäusern sitzt ein erwartungsvolles, noch unverbrauchtes Publikum. Der Sonntagabend gehört den Sängerdichtern unter den Maschgera. Wir treffen auf weiche Formen als feste Bestandteile. Unübertroffen zeigt sich die traditionsreiche Labera; eine Gruppe Bänkelsänger präsentiert bildreich und
mitsingsüchtig die Spitzen der jährlichen Narrentaten. Gar mancher Vierzeilerziselierer zieht von Wirtshaus zu Wirtshaus. Im „Rössle” bringen die Alten Latschi ihr Stegreiftheater zur Explosion. Ansonsten: Maschgera in höchster Blüte.


Hauptwort Wort
Mutterwitz ist ein besonderer Saft. Die Millemer Fasnet ist eine Wortfasnet, Singfasnet, Aufführfasnet. Eine Millemer Maschger ist ganz Maschger im Aufsagen. Es heißt: Maschgera gau und uffspanne und uffsage. Dem hau i no uffxeit! ist eine Erfolgsmeldung. Der Narr, die Maschger braucht ein „Opfer“, das sich – wichtig – zu wehren weiß. Und beide brauchen Publikum.
Wie lebenswichtig ist die Verkleidung! Die Figur. Die Larve. Die Fantasie. Wie wertlos ist all das ohne das Wort und dessen Tempo und Rhythmus. Herz? Blut? Ab jetzt gibt es keine Vergleiche, keine Worte mehr dafür. Gab es nie. Sowieso nicht so pathetische.


Fasnetsmändigg
Unbestrittener Haupttag. Wie vielerorts werfen die Narren die korrekt im Bett liegenden braven Bürger aus eben diesem. Mühlheimer Weckversion: Von einem nicht weitergeführten Schneemähen in der Städtlewies in den 1920er- Jahren bleibt einzig das Dengeln der Sensen übrig. Der Dengler, heute stehende Figur, ist optisch mit dem Holzmächer identisch. Als besondere Utensilien braucht er die Sense, Dengelstock und Dengelhammer.
Dengeln kann man allein oder in kleinen Gruppen. Wichtig ist eine größtmögliche Streuung der Krachschläger über das Städtle. Kein anderer Lärm als das puristische Tokktokk Klakkklakk ist erlaubt. So kommt es zu einer einmaligen Kakofonie – hier monofon, dort stereofon, insgesamt multifon – ein Krachmacherorchester, so groß wie das Städtle.

Dengler wechseln stetig ihre Stellung. Wenn man „jemandem dengelt“, setzt man sich direkt unter sein Schlafzimmerfenster oder in den Hauseingang. Der mag dann zwar mit dem Seichhafen drohen, in Wirklichkeit aber ergießt sich der eine oder andre Schnaps in den Bauch des Denglers.
Um sechs Uhr ist es, als ob alle abgegebenen Schläge auf die Dengelstöcke sich sammelten zu wohlgeordneten Noten, die nun die Mussig spielt – so schön, als sei sie es, die die grad aufblühende Helle herbeibliese.


Maschgera beweinen den umgesägten Narrenbaum und mit ihm die verflossene Fasnet. Foto: Thorsten Frank


Neun Uhr – Sagt-er. Wir sind im Herzen der Millemer Fasnet angekommen. Der Mühlheimer Sagt-er gilt als Inbegriff des fastnächtlichen Mühlheims. Auch er beginnt wieder im „Sternen”. Schwarzes Schuhwerk, schwarze Hose, langes weißes Hemd, rotes Halstuch, schwarze Sagt’r-Kappe – so gewandet und nur so gewandet erscheint der Sagt’r-Ma gut zweihundertfach an diesem Morgen. Schnell noch im Gang vom „Sternen” die archaische Maske auflegen. Alles ist hergerichtet. Öl ins Gesicht schmieren und mit der Kraft eines Niesers in die Mehlschüssel blasen. Fertig.

Nur Salzknaben hauchen nur! Ansonsten mögt ihr wohl recht haben. Es handelt sich um einen hoch dosierten Virencocktail, den wir uns so in die Fresse hauen. Bekämpfung in Folge flüssig.


Auf dem abgesägten Narrenbaum verabschiedet sich der Zunftmeister von der zu Ende gehenden Fasnet. Foto: Thorsten Frank
Vom „Sternen” aus laufen die Sagt-er-Männer im Gänsemarsch zu ihren fünf Stationen im Städtle. Der Vorsänger, eine Parodie des Honoratioren von einst, intoniert „in Versen“, „was hier geschah“: auf zwei mal vier Zeilen geschmiedete Helden-, Schand- und Narrentaten fleißiger Schildbürger Mühlheims. „Mühlheims bester Männerchor“ – nach eigener Einschätzung – antwortet mit seinem namenspendenden „Sagt er!“.

Ein ernstes Wort, meine lieben Salzknaben. Ein Sagt’r-Ma hat den berüchtigten Nach-Sagt’r im „Rössle” nicht verdient, wenn er nicht die letzte gesungene Silbe seines Vorsängers gehört hat. Böse Buben!

Laut Programmbekanntgabe in der „Stadtorgel”: 12 Uhr. Beim höchsten Stand der Sonne Pause und allgemeiner Schiblingsfraß. Danach flugs Vorbereitung für die Teilnahme am Großen Umzug. Wieder stellt sich der Umzug im Schlosshof auf. Narrebolizei, Mussig, Fanfarenzug, Elferrat, großer Geißenwagen – das sind die Zugtiere. Der Umzug ist das Paradies der Figuren. Die Schellennarren und die Kea-Weiber bilden Meere. Und nun hält sie nichts mehr … große Gruppen (meist Vereine), einheitliche Mottos, freies Glossieren, Solisten, Duette, Trios, Grüpple, Bloose, Schwigge, Massen, buntes Durcheinanderhäs, Bulldogs, Wägge, Karren, Kärrele, Rösser, Kläffer, Bippele, Kamele, Umgebautes, Zurechtgetüfteltes, von langer Hand vorbereitet, grad aus dem Schrank gerissen – allesallesalles schlägt in diesem Farbentsunami durch die mittelalterlichen Häusleschluchten.
Und mitten drin, mathematisch Mittelpunkt, die Alten Schachteln.


Hauptwort Alte Schachtel
Die Alte Schachtel dürfte die wohl ursprünglichste und wunderlichste Fastnachtsfigur Mühlheims vorstellen. Ein klassisches altes Weib ist sie. So gibt es sie vielerorts. Eingekleidet in Fantasie. Dicke Treter, spitze Schühle, lange Röcke, pelzige Mäntel, wüaschte Larven, schöne Lärvle, Hinkebein und Buckelschulter, dicke Fidle, dünne Stäcke, Kopftücher, Hütle, große Deckel, Lampenschirm als Haube, auf Schiern, Schlittschuhen, in Leiterwagen liegend, Kinderwägen schiebend, auf Thronen thronend …

Unvorstellbar vielseitig, klein und weich, riesig und unbezähmbar, sie passt sich jedem an. Demjenigen, der ganz schnell noch „aufspannt“. Derjenigen, die sich lange schon vorbereitet. Aber jetzt, da draußen, egal wie vorbereitet, muss er oder sie oder wer auch immer Charakter beweisen. Ab jetzt nur so. Die arme Alte Schachtel musste sich fast von Zeitgeistholzlarvenuniformhäserscheinungen überblenden lassen. Und doch ist sie es, sie allein, die den genetischen Kontakt zu den verspätet mittelalterlichen Großfiguren der schwäbisch-alemannischen Fastnacht halten kann.
Im großen Umzug spult sich die Millemer Fasnet auf höchste Hochtouren. Nach mehreren Mäandern durch das Städtle löst sich der Umzug auf dem Torplatz auf. Falsch, er löst sich nicht auf, das Gegenteil ist der Fall. Am Ende des Umzugs steht eine Metamorphose: die Verwandlung der marschierenden Masse in die Unordnung der Straßenfasnet und – je später – der Wirtshausfasnet. Die Straße sieht aus, als ob das Wuetesheer hindurchgerast wäre (ist es ja eigentlich auch): Gsprüar, Gutsle, Fasnetsbändel, Konfetti, lauter Fasnetsrumwerfzeug. Und so wie das Städtle aussieht, so klingt es jetzt auch: Musik, aus Boxen, aus Instrumenten, Gesang, Geschrei, Geschell, Geklepper, Geschepper, Geklirr, Juzger, Lacher, Schreier, Briaker …


Die einzelnen Gruppen ziehen bis zum Umfallen durch alle Wirtshäuser. Dies ist die Stunde der Gaißenmusik. Geißen, Guasa, müssen sich die Mühlheimer als Übernamen sagen lassen. Daher der Name dieser Lumpenkapelle reinsten Wassers. Fernab der Guggenmusikinvasion und -inflation und ohnehin um Jahrzehnte älter zerbläst sie noch den neuesten Fasnetshit zum Pläsier der mittlerweile euphorisierten Millemer Narren und treibt sie ihren Ekstasen zu. Im jetzigen Taumel müssen sich subtilere Maschgera-Nummern auf morgen verlegen. Wenn sich nicht irgendwann ein Tag namens Dienstag aufdrängte, der Fasnetsmändigg ließe sich gar nie mehr stoppen.
Guten Morgen!


Fasnetsdienschdigg
Der Fasnetsdienstag ist eigentlich wie der Schmotzige, nur rückwärts. Die offizielle Ankündigung in der „Stadtorgel” liest sich so: „20 Uhr. Treffen der Kea-Weiber und Alten Schachteln im Lautenbach, anschließend Aufsagen durch sämtliche Lokale.“ Der Dienstag ist noch einmal ein Maschgera-Tag. Ein letztes Mal wandeln Narren auf den Lebenslinien der Fastnachtslandkarte. Dies zweimal an diesem Abend. Erstmals bei ihrem Durchstarten. Ein zweites, ein letztes Mal, wenn sich die Fasnet noch einmal aufbäumt. Alle Maschgera treffen sich rechtzeitig „im Bach“ (lies „Lautenbach“, also „Zur Donau“), um sich zu einer Art Polonaise zu verbinden. Unter gebetsmühlenartigem Absingen des „Ojerums“ windet sich dieser Menschenwurm durch alle Wirtshäuser. Wie das Rückgrad der Fastnacht. „Ojerum, ojerum, dia Fasnet hätt a Loch, si hätt a Loch …“ Sie wollen so nicht wahrhaben, was sie singen, machen sich noch groß und lang. Sie streben zu ihrer Wappenpflanze, dem Narrenbaum. Ojerum, die Fähnele sind ja schon weg! Der Baum fällt. So wie er gesetzt wurde. Von Hand. Schlägt auf. Ansatzloser Donner, hellgelber Schlag, erdbbbbBEEEEBEEEEN. Kein sprachliches Bild. Wirkliches Rabadawumm. Aus.

Nachher 1.1
Der Rest ist jämmerlicher Jammer. Die Maschgera stürzen sich auf den kaltgemachten Baum. Setzen sich drauf, liebkosen ihn mit ihren, na ja, tränennassen Backen. Ihr Juzgen verliert sich in lächerlichem Heulen. Sie beklagen den Tod ihres Sinnbildes, als wäre es je anders gewesen als tot. Einer von ihnen wird ihn gewinnen oder kaufen, um ihn zu zersägen und zu verheizen.

Auch ihr, meine Salzknaben, werdet es gemerkt haben, die Welt beginnt wieder sinnvoll zu werden.

Nachher 1.2
Ich habe mich umgehört. Fast repräsentativ. Alles wie immer. Alle wissen um das Wort „Salzknabe“. Alle wissen es zu benutzen. Die authentischste Definition, die ich aufgezeichnet habe, lautet: Salzknabe = där hät no konni Hoor am Sack. Alle großen Lexika der deutschen Sprache liefern noch nicht einmal Andeutungen. Höchstens „Salzknappe“, „Salzbube“, „Salzknecht“ – insgesamt keine Hilfe. Einzig Erich Maria Remarque bestätigt in „Drei Kameraden“ die Mühlheimer Semantik. Eine Herkunft des Wortes aus der Soldaten- oder Burschensprache bleibt blinde Vermutung. In den 1970er- Jahren soll das Wort in der Millemer Fasnet aufgetaucht sein. Tatsächlich im Einzugsgebiet des Narrenbaums. Salzknaben sind Schwächlinge, können keinen Baum tragen, geschweige denn setzen.

Nachher 1.3
Ach, ojerum! So endet das Lied von der Millemer Fasnet. – Doch, Salzknaben, ist das auch das End vom Lied? Beileibe nicht. Ihr Salzknaben, die ihr ja nun – wenn ihr meiner bescheidenen Ode gelauscht habt – recht eigentlich gar keine mehr seid, ihr spürt es jetzt auch … Das Lied beginnt doch erst. Entsichert eure Kehlen und lasst entströmen eine Töneflut in die Freiheit und singt das Lied der Millemer Fasnet! Mit mir, mit uns!

Vorher 2.0
Ihr wisst schon …

1 Christof Heppeler und Wulf Wager: Vergesset auch das Trinken nicht – a’ ständige und u’aständige Lieder aus Mühlheim an der Donau und anderswo, 2. Auflage 2000, Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck, Kleine Schriften 16, ISBN M-700157-03-6

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