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Begegnung der Seelen
Fasnet auf dem Weg vom Brauch zur Party

Ein Interview mit dem Publizisten und Fastnachts-beobachter Günter Schenk

NARRI-NARRO:
Die Fastnacht sei in der Krise, sagen manche. Beklagt werden fehlende Spontaneität unter den Narren und die Abkehr vom Brauch. Vor allem aber laut feiernde Jugendliche, die zu viel trinken und sich teils wie Vandalen benehmen. Mit Fastnacht habe vieles von dem, was in den Tagen vor Aschermittwoch mancherorts zu sehen und hören ist, nichts mehr zu tun.

SCHENK:
Das Fest wandelt sich, aus der christlich motivierten Schwellenfeier vor der österlichen Fastenzeit wird mehr und mehr eine große Party. Neue Umfragen belegen, dass vor allem junge Menschen Karneval heute nicht mehr mit einem Brauch in Verbindung bringen, also mit etwas, was schon Eltern und Großeltern, wie man so schön sagt, gepflegt haben, sondern mehrheitlich mit einer feucht-fröhlichen Feier, die gute Laune garantiert. Dass Fastnacht von seiner Geschichte her aber etwas mit Aschermittwoch zu tun hat, dass er die Menschen einst auch daran erinnert hat, dass Lust endlich ist, dass man nicht ewig feiern kann, all das ist der neuen närrischen Generation weitgehend gleich. Für sie ist die Fastnacht nur noch eine von vielen Feiern im Jahr, wenn auch für die meisten noch immer die wichtigste.

NARRI-NARRO:
Fastnacht also nur noch ein Teil im ganzjährigen Unterhaltungsbetrieb?

SCHENK:
Dieser Eindruck verfestigt sich. Junge Leute lassen sich nicht mehr vom Kalender vorschreiben, wann und wie sie zu feiern haben. Bester Beleg ist der Sommerkarneval, der in Europa immer mehr Anhänger findet. Inzwischen sind es Millionen Menschen, die zwischen Pfingsten und dem Martinstag kostümiert und maskiert öffentlich feiern. Vor allem in den protestantischen Regionen Skandinaviens, Hollands und Großbritanniens, die seit der Reformation keine Fastnacht mehr kannten, und in den ehemals kommunistischen Staaten Osteuropas, wo der Karneval lange Zeit politisch unerwünscht war, wird heute zunehmend im Sommer gefeiert. Zum Teil findet Karneval dort gar zweimal statt, einmal zum angestammten Termin vor Aschermittwoch, zum anderen im Juli oder August, wo der neue Karneval inzwischen zu den Urlaubsangeboten gehört.

NARRI-NARRO:
Bei der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte oder dem Bund Deutscher Karneval aber sieht man das gar nicht gern?

SCHENK:
Für die traditionellen Narren gilt noch immer: Am Aschermittwoch ist alles vorbei, man darf sich in der Regel erst ab dem Dreikönigstag wieder kostümiert in der Öffentlichkeit zeigen.

NARRI-NARRO:
Haben Sie ein Rezept, um die Fasnet wieder mehr in Schwung zu bringen?

SCHENK:
Die Fasnet gibt es nicht mehr. Aus dem einstigen Bürgerfest, wie es vor allem die Älteren in Erinnerung haben, ist längst ein Fest der Bürger geworden. Vieler närrischer Individuen, die unterschiedlichste Interessen haben. Umfragen belegen zudem, dass sich Alt und Jung in ihren Vorstellungen von Fastnacht immer mehr unterscheiden. Für die Älteren zum Beispiel ist es undenkbar, den Fastnachtstermin von seinem angestammten Platz vor Aschermittwoch zu verlegen, Jüngere können sich das zumindest vorstellen. Noch gewichtiger aber ist, dass Fastnacht in Baden-Württemberg von jungen Leuten mehrheitlich eher als gezwungen statt spontan, auch eher langweilig als lustig empfunden wird.

NARRI-NARRO:
Was hat das für Konsequenzen?

SCHENK:
… dass man die jungen Menschen für die Fastnacht neu begeistern muss. Wir müssen ihnen närrische Freiräume verschaffen, in denen sie ihre eigene Fasnet feiern und neue Formen entwickeln können. Noch ist es nicht so weit, dass die Jugend die Fasnet ablehnt. Sie haben für die Narretei durchaus etwas übrig, können sich mit den derzeit etablierten Formen aber nur schwer anfreunden. Verkehrte Welt sieht für sie heute häufig anders aus, gleicht oft einfach nur einem Massenbesäufnis …

NARRI-NARRO:
… was die Hüter der Ordnung, Polizei und Organisatoren der Fastnacht, mit immer größerer Sorge sehen.

SCHENK:
Die haben meist nur Angst vor der anarchistischen Kraft des Festes. Bis zur Reform der Fastnacht, der Gründung der ersten Zünfte und Vereine, also bis Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts, war die Fastnacht ein Fest, über das die Bildungsbürger und die Journalisten als ihr Sprachrohr fast überall die Nase rümpften. Als befuselter Pöbel wurden die Narren vielerorts abgekanzelt. Heute verstören ein paar betrunkene junge Leute, die an Hauswände pinkeln oder sich vom Alkohol benebelt kräftig verprügeln, ebenfalls wieder ganze Regionen. Ich habe Verständnis für manche Klage, aber Alkohol und Fastnacht gehören nun einmal zusammen. Es gibt keinen Fastnachter, der das ernsthaft bestreitet. Nur können die einen besser als die anderen damit umgehen.

NARRI-NARRO:
Soll man jungen Leuten, wie in manchen Städten schon jetzt praktiziert, alle Flaschen mit Alkohol wegnehmen und das Trinken verbieten?

SCHENK:
Das wird nicht viel helfen. Im Gegenteil, dadurch wird der Alkoholgenuss für viele Jugendliche noch aufregender. Das ist auch kein Problem, das Stadt und Staat lösen müssen, das ist Aufgabe der Eltern. Sie sind verantwortlich für Wohl und Wehe ihrer Kinder. Ich war dieses Jahr in Dänemark, wo 30. 000 fast ausnahmslos junge Leute gemeinsam Karneval feierten. Da ließ sich kein einziger Polizist blicken, hier und da vielleicht einmal ein Sanitäter …

NARRI-NARRO:
Warum trinken denn gerade junge Leute so viel?

SCHENK:
Für sie gehören, das belegen übrigens auch Umfragen, stärker als für Ältere Fastnacht und Alkohol zusammen. Schauen Sie nur einmal ins Internet, da können Sie in verschiedenen Blogs, das sind so etwas wie elektronische Stammtische, seitenlang nachlesen, wie junge Leute heute Fasnet feiern. „Meistens gibt es Kirschwasser und sonstige Schweinereien“, hat da kürzlich ein junger Mann aus dem Kinzigtal notiert, „und natürlich ist immer Bier dabei.” Das ist keine exotische Beschreibung der Fasnet zwischen Rhein, Neckar und Bodensee, sondern praktizierter Alltag an den Tagen vor Aschermittwoch. Ich habe den Eindruck, dass für die Jugend von heute die für die meisten scheinbar sinnlosen Besäufnisse auch eine Art sind, um auf sich aufmerksam zu machen. Früher hat sich die junge Generation mit Musik und Mode von den Erwachsenen abgegrenzt. Das geht heute nicht mehr, weil die Eltern inzwischen in den Klamotten ihrer Kinder rumlaufen und deren Musik hören. Da sind gemeinsame Besäufnisse so eine Art sozialer Rebellion. Im Übrigen ist das ein Phänomen, das in anderen Ländern, vor allem in England oder Skandinavien, schon länger zu beobachten ist und auch dort lebhaft diskutiert wird.

NARRI-NARRO:
Das reicht doch nicht zur Erklärung, dass junge Leute sich gerade an den Fastnachtstagen so gern betrinken?

SCHENK:
Natürlich nicht. Wie gesagt, für junge Menschen gehören Fastnacht und Alkohol mehr zusammen als für ältere. Aber ebenso gewichtig ist, dass es ein Großteil der Elterngeneration offensichtlich nicht schafft, ihren Kindern die Werte des Festes zu vermitteln. Natürlich können Sie in den Schulen die Geschichte des Mummenschanzes erklären, Masken basteln und Kindergarten- oder Schulfastnacht feiern. Aber Fastnacht ist mehr als gelerntes Wissen, es ist ein Fest des Herzens, das mit Verstand und Tradition allein nicht zu fassen ist.

NARRI-NARRO:
Ist das der Grund, dass bei vielen jungen Leuten der närrische Frust größer als die Lust scheint?

SCHENK:
Die organisierte Fastnacht wird von der Mehrheit der Jugend eher langweilig als lustig empfunden, eher gezwungen auch als spontan. Darüber gilt es nachzudenken. Außerdem sollten wir uns darauf einstellen, dass der demografische Wandel den Graben zwischen Alt und Jung weiter vertiefen wird. Einer Mehrheit der über 60-Jährigen wird in einigen Jahrzehnten eine Minderheit von Teens und Twens gegenüberstehen …

NARRI-NARRO:
... die zudem aus anderen Kulturkreisen kommen werden.

SCHENK:
Bald wird jedes dritte Kind in Baden-Württemberg einen Migrationshintergrund haben. In Großstädten wie Mannheim, Stuttgart oder Heilbronn hat ja heute schon jeder Fünfte einen ausländischen Pass. Ein Großteil dieser Menschen hat für unsere Art der Fastnacht kein oder noch kein Verständnis. Das fängt beim Alkohol an, dessen Genuss Korangläubigen ja eigentlich nicht gestattet ist. Ein Hindernis für die Saalfastnacht oder das hin und wieder noch praktizierte Rügerecht in Form von Narrenzeitungen oder Schurrgruppen werden künftig auch die Deutschkenntnisse sein. Immer mehr Menschen werden dann nicht mehr in der Lage sein, die deutsche Sprache richtig zu verstehen, geschweige denn, sich differenziert in ihr auszudrücken.

NARRI-NARRO:
Muss man sich ernsthaft um die Zukunft des Festes sorgen?

SCHENK:
Nein, die Fastnacht wird überleben. Das Fest wird sich dem gesellschaftlichen Wandel anpassen. Das heißt: Die organisierte Fastnacht wird, volkswirtschaftlich formuliert, Marktanteile an die freie Fastnacht verlieren. Fastnächtliche Formen wie Maskentragen, Schminken, in andere Rollen schlüpfen, das alles wird nicht mehr Monopol der Fastnachter sein.

NARRI-NARRO:
Karneval im Sommer auch bei uns?

SCHENK:
So schnell nicht. Dazu ist der angestammte Termin vor Aschermittwoch gerade hier im Schwäbisch-Alemannischen viel zu tief in der Gesellschaft verwurzelt. Allerdings sollten wir uns darauf einstellen, dass das Thema immer wieder diskutiert wird. Schließlich ist der Termin religiös bedingt, markiert er doch die Schwelle vor der anschließenden österlichen Fastenzeit; war er die letzte Gelegenheit, bestimmte Lebensmittel wie Fett oder Fleisch aufzubrauchen, für viele Menschen auch einzige Gelegenheit zum Ausleben ihrer fleischlichen Lust. Das spielt heute fast alles keine Rolle mehr. So scheint der Fastnachtstermin heute mehr vom Kalender diktiert als vom Leben gesetzt. Früher, wie gesagt, war das umgekehrt.

NARRI-NARRO:
Was wird auch künftig zur Fastnacht gehören?

SCHENK:
Verkleiden und Schminken vor allem. Bei Frauen allerdings mehr als bei Männern. So ergab eine Umfrage, dass „Kostüme und Schminken“ für 60 Prozent aller Frauen, aber nur für 34 Prozent aller Männer unbedingt zum Karneval gehören. Unverzichtbar werden auch weiterhin fastnächtliche Umzüge und Straßenveranstaltungen sein, die dem Anspruch der Partygeneration mehr entgegenkommen als der vielfach als gezwungen und wenig spontan empfundene Sitzungskarneval … Entscheidend auch wird sein, ob alle, die in Vereinen als Kostümierte und Uniformierte organisiert sind, auf Dauer an ihren tradierten Rollen Spaß haben werden – oder ob sich in den nächsten Jahren nicht neue Formen finden, die mehr närrische Freiräume schaffen. Interessant ist da eine Doktorarbeit von Jochen Schicht, die überzeugend nachgewiesen hat, dass ein Großteil der jungen Fastnachter ihr närrisches Kostüm nur noch trägt, um ihre Verbundenheit mit den übrigen Mitgliedern der Gruppe auszudrücken, es aber nicht mehr zu dem nutzt, wofür die Uniformierung eigentlich einmal gedacht war: als Medium im Rollenspiel, das den Kontakt zu den Unvermummten erleichtern sollte.

NARRI-NARRO:
Fastnacht als Rollenspiel, das ist im Zeitalter des Internets doch eine überholte Vorstellung?

SCHENK:
Keinesfalls. Natürlich können Sie heute elektronisch in Parallelwelten abtauchen, Fantasien ausleben, die früher im närrischen Spiel befriedigt wurden. In der virtuellen Welt geht man darüber hinaus kein Risiko ein, kann man sich hinter fremden Identitäten verstecken. Das ist deshalb auch der Platz der Selbstdarsteller und anderer Ich-Menschen. Fastnacht aber verlangt das Du. Das Fest ist eigentlich eine Begegnung der Seelen. Ein Ereignis, das jeder Beschreibung trotzt, das sich allen rationalen Zugängen versperrt.

NARRI-NARRO:
Muss Fastnacht eigentlich lustig sein?

SCHENK:
Nicht unbedingt. Voller Lust aber sollte sie sein. Lust aber ist bekanntlich
endlich. Genau betrachtet macht die Fastnacht jedem Menschen also seine Grenzen klar. Das unterscheidet sie von jedem anderen Fest. Formal ist sie der Spaßgesellschaft auf den Leib geschrieben, inhaltlich aber verlangt sie viel, viel mehr. Am meisten hat die Fasnet erreicht, wenn sie hilft, ein bisschen den Winter aus unseren Herzen zu vertreiben. Allein dafür lohnt es sich, die Freiheit des Festes zu verteidigen.



Günter Schenk
Fastnacht zwischen Brauch und Party – Karneval total
120 Seiten, 14 x 21 cm
Broschur, WAGER ! Kommunikation
Altenriet, ISBN 978-3-9807995-8-4
12,90 EUR
www.wager.de

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