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Narrengold
Aus den Schmuckschatullen der Zunftmeister

Andreas Dangel


Orden des Kübelesmarktes Bad Cannstatt zum Großen Narrentreffen 1968
Foto: Andreas Dangel
Es ist schon faszinierend, welche Anziehung der charismatische Glanz von Orden und Ehrenzeichen an der stolzgeschwellten Narrenbrust besitzt. Je verdienstvoller der Narr, umso schwerer hat er an dieser Bürde zu tragen.

Narrenorden waren zu Beginn des organisierten Karnevals in Köln als satirisches Pendant zu den hochoffiziellen preußischen Militärorden gedacht – doch fanden sie, neben Prinz Karneval gegen Ende des 19. Jahrhunderts, spätestens aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts Einzug in den Wirkungskreis der schwäbischen und alemannischen Narrenzünfte.

Leider gingen viele dieser frühen Stücke in den Wirren der beiden Weltkriege verloren. Manche aber überstanden nicht einmal ihren ersten Schmotzigen Donnerstag. Aus der Golestadt Riedlingen wird aus dem Jahr 1908 überliefert, dass das allererste, ausschließlich für die Narrenräte hergestellte Insignium närrischer Würde zu einem so starken Anziehungspunkt gerade bei den Närrinnen wurde, dass vom Orden schon am Mittag des Schmotzigen nichts mehr außer einem edlen Samtband übrig war. Der Halsorden, erwähnenswerterweise von einem örtlichen Konditormeister aus Schokolade gefertigt, wurde den hohen Räten schlichtweg vom Hemdkragen weggefressen! Es ist müßig zu berichten, dass die Narrenzunft für ihre Würdenträger auf die Folgefasnet einen weit weniger genießbaren Orden aus Kupferblech herstellen ließ.


Orden „Für besondere Verdienste“ der Narrozunft Villingen, Foto: Andreas Dangel


Die Strahlkraft der heutigen Orden steht aber dieser lustigen Episode aus der Narrenhochburg an der Donau in nichts nach. Ehrenzeichen unterliegen bis heute einer gewissen Mode – meistens sind dies Orden, die anlässlich eines Narrentreffens bei ortsansässigen Künstlern, aber auch bei überregional wirkenden Präge- und Kunstanstalten in Auftrag gegeben wurden.

So wichen im Laufe der 60er-Jahre die bislang üblichen Sternformen, die ja deutlich der alten militärischen Ordenstradition entstammen, immer mehr freien Formen, und auch das Grundmaterial veränderte sich. Ausnahmen hierin stellen Verdienstorden, wie der 1905 gestiftete Hans-Kuony-Orden 1. Klasse dar. Unverändert bis zum heutigen Tage gehört er wohl zum begehrtesten und schönsten närrischen Dekorationsobjekt, nicht nur in Stockach.

Orden zum letzten Großen Narrentreffen der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte vor dem Krieg in Überlingen 1938 Foto: Andreas Dangel

Betrachtet man die Narrentreffen, so finden sich Orden in Metall, Gips, Plastik und Holz; gegossene Orden und filigran ausgelegte Emailarbeiten. Die Variationen sind unermesslich und das eine oder andere Stück birgt erst auf das zweite Hinsehen feine Besonderheiten. 1953 fand in Bonndorf ein Freundschaftstreffen statt. Die Zunftmeister der daran teilnehmenden Zünfte erhielten einen Orden aus Bakelit, in dessen Sternspitzen die Narrenfiguren aus Rottweil, Überlingen und Elzach porträtiert sind.

Es ist zu vermuten, dass die Herstellung des Ordens haarscharf vor dem Austritt der drei sogenannten Rebellenzünfte aus der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte lag. Oder war es ein künstlerischer Seitenhieb auf die Kritik dieser drei Zünfte an der stetig wachsenden Zahl an Narrentreffen?

Nach mehr als 50 Jahren lässt sich dies genauso wenig recherchieren wie die Reaktion der Zunftmeister bei der Verleihung des Ordens.
Im Jahre 2008 jährt sich zum achtzigsten Male die erste närrische Zusammenkunft mehrerer Zünfte. Hermann Eris Busse war sich wohl nicht bewusst, was er auslösen würde, als er 1928 zum ersten oberdeutschen Narrentreffen nach Freiburg einlud. Die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte allein, hat bis zum heutigen Tage 22 Große Narrentreffen veranstaltet und zur nächsten närrischen Bestandsaufnahme treffen sich die Narren vor der kommenden Fasnet in Bad Waldsee. Seit dem Großen Narrentreffen in Rottenburg 1952 finden diese Zusammenkünfte aller im ältesten Narrenverband zusammengeschlossener Zünfte im vierjährigen Turnus statt. Wurden an den Narrentreffen zwischen 1929 in Villingen und 1935 in Offenburg noch keine speziellen Orden verliehen, so findet sich der erste Orden zu einem schwäbisch-alemannischen Narrentreffen 1936 in Oberndorf.

Orden zum Großen Narrentreffen der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte in Oberndorf 1936, Foto: Andreas Dangel

Nicht nur Zünfte, sondern auch Privatpersonen wirkten als Ordensstifter. Auf eine bescheidene Anzahl von 49 Stück ist die Auszeichnung des Konstanzer Blätzlevatter-Ordens begrenzt. Ludwig Müller, Gründungs- und Blätzlevatter der Blätzlebuebe stiftete diesen Orden im Jahr 1959 zum 25-jährigen Bestehen seiner Zunft. Jedoch war die Emanzipation am Bodenseeufer schon damals sehr fortgeschritten und es folgte schnell darauf auch die Blätzlemutter mit einem entsprechenden Orden. Und im Gegensatz zum Blätzlevatter-Orden, der nur bis zum Tod seines Stifters 1966 verliehen wurde, ist der „Herzblätz“ ein bis heute vielgeliebtes und auf der rechten Narrenbrust getragenes Andenken an die Blätzlemutter Gertrud Dietrich, die bis ins hohe Alter jeden Orden von Hand anfertigte. Insofern ist ein Narrenorden auch ein gutes Stück mentale Authentizitätsbefindlichkeit. Auf der anderen Bodenseeseite haben Orden ebenfalls eine lange Geschichte. Einer der höchsten Verdienstorden der Überlinger Narrenzunft wird im Volksmund gerne in Anlehnung an den höchsten preußischen Militärorden als „Pour le Mérite“ betitelt.

Der Viererbund, zu dem sich die Überlinger Hänsele bekennen, ist in der Ordensfrage zweigeteilt. Während die Narrenzünfte aus Überlingen und Oberndorf ihre Narren für langjährige Treue auszeichnen, kennt man in Elzach und Rottweil keine Ehrenzeichen, was in Sammlerkreisen eine ziemliche Unruhe auslöst. Sammler gibt es viele und gerade der Viererbund steht in sehr hohem Interesse. Dies zeigt sich verstärkt auch in der Internetbörse eBay. Hin und wieder tauchen dort Angebote von Narrenorden auf, die – sollten die zu versteigernden Objekte aus einer der vier Städte stammen – zu horrenden Summen ersteigert werden.

Orden zum Großen Narrentreffen der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte in Oberndorf 1936, Foto: Andreas Dangel

Orden sind aktueller denn je und bieten der Sammlerleidenschaft keine Grenzen. Ihre Anzahl, aber auch ihre Gestaltung geben eine deutliche Wandlung in der Darstellung der Zünfte wieder. Vom Schokoladenorden bis hin zum holzgeschnitzten Unikat sind sie ein für Narren wichtiger Bestandteil der Fasnet. Ganz im Sinne der närrischen Eitelkeiten, zu zeigen, was man hat.

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