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Plätz am Fiedle, Plätz am Loch ...
Fasnet im oberschwäbischen Klosterort Weingarten

von Monika Bönisch

Da liegt sie aufgebahrt im Zunfthaus in Weingarten – eine drei Meter messende Gestalt im weißen Gewand und mit einem riesigen weißen Pappmascheekopf, der Lange Mann. Er soll am Gumpigen Donnerstag auferstehen und nach über 60 Jahren Abstinenz wie in den 1930er Jahren den Hemedglonkerumzug anführen. „Das soll eine Überraschung werden“, freut sich Zunftmeister Klaus Müller von der Plätzlerzunft Altdorf-Weingarten 1348 e.V.. Doch bis zu seinem Auftritt darf der Lange Mann noch ein paar Stunden ruhen. Es ist Mittwochabend vor dem Gumpigen und jetzt geht’s erst einmal zur Brunnenputzete!


Das Generalsrössle treibt allerhand Schabernak.
Foto: Ralf Siegele

Der Plätzler wird geschrubbt
Der Narrenbrunnen beim Amtshaus, der von Bildhauer Eberhard M. Schmidt geschaffen wurde, stellt die prominenteste Figur der Altdorf-Weingartner Fasnet dar – den Plätzler. Tiefgründig hat der Narr aus rosa Granit seine lachende Maske über die Stirn hochgeschoben und gibt den Blick auf ein melancholisches Gesicht frei. Bei der Brunnenputzete schrubben nacheinander die Vertreter der sechs Maskengruppen, roter und rot-weißer Plätzler, Lauratalgeist, Trachtenfrau, Waldweible und Schlösslenarr, den steinernen Plätzler ab, Körperteil für Körperteil. Zuschauer, Zunfträte, Musikkapellen und frei kostümierte Gruppen – im Häs ist außer dem Putzpersonal heute niemand unterwegs – umgeben die feierliche Zeremonie. Die Altdorf-Weingartner Fasnet ist eröffnet.

Anschließend ziehen kleine Gruppen durch die Gaststätten, um „aufzusagen“ und das Stadtgeschehen des vergangenen Jahres zu glossieren. Etwa in der „Sonne“, in der sich dieses Mal der Zunftrat trifft: Freche „Marktfrauen“, deren Köpfe mit Wirsingblättern und Petersiliensträußchen garniert sind, verteilen Karotten, Rosenkohl und Eier. Die Engel des Basilika-Chors nehmen sich musikalisch Oberbürger meister Gerd Gerber vor und zeigen, wie einfallsreich und stimmgewaltig sie sind. Dafür haben sie sich einen Obolus für die Renovierung der wurmstichigen Orgel verdient. Eine blau-weiß-gekleidete Männergruppe verballhornt den Werbe-Slogan der größeren Nachbarstadt: Ravensburg macht Sinn. Die gelben Schilder auf den schwarzen Hüten verkünden: Ravensburg macht ... Unsinn, Ravensburg macht ... keinen Sinn.

Die beiden Städte verbindet eine komplizierte Hassliebe. Der Grund mag in der Historie liegen, in der Altdorf gegenüber Ravensburg mehrfach das Nachsehen hatte. So etwa um 1030: Die Welfen verließen die Stammburg ihres Geschlechts in Altdorf und richteten sich in der Rauenspurg ein. Beamte, Kaufleute und Handwerker aus Altdorf folgten und siedelten sich am Fuß der Burg, dem späteren Ravensburg, an. Ähnlich auch 1805: Altdorf, Sitz der Landvogtei Schwaben, gehörte zu Vorderösterreich, die Regierung saß in Freiburg im Breisgau. Durch den Frieden von Pressburg kam die Landvogtei zum Herzogtum Württemberg. Altdorf wurde Ober amtsstadt. Doch nicht lange: Als Württemberg 1810 die frühere freie Reichsstadt Ravensburg erhielt, wurde das Oberamt dorthin verlegt. Zudem fiel das bei Altdorf liegende, 1803 säkularisierte, ehemals mächtige Kloster Weingarten der württembergischen Krone zu. Altdorf verlor seine wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung. Im Jahr 1865 erhob König Karl von Württemberg das Dorf zur Stadt, die seitdem Weingarten heißt.


Mit der Brunnenputzete beginnen die heißen Tage der Weingartner Fasnet. Foto: Reinhard Jakubek


Weingarten hat mit Deutsch lands größter Barockbasilika auf dem Martinsberg, mit Blutritt, Klosterfestspielen und der Fasnet kulturell viel zu bieten. Doch die Konkurrenz zu Ravensburg belebt den Alltag und besonders die Fasnet: Ironisch und einfallsreich frotzelnd nehmen die Narren die Nachbarstadt aufs Korn.


Die Fasnet ist für alle da
Der Gumpige Donnerstag, ein Haupttag der Weingartner Fasnet, beginnt für die Narren um 7.30 Uhr mit dem Fasnetsverkünden. Der Zug der Hästräger und Musikanten zieht durch die Stadt. An allen wichtigen Plätzen wird ein Text verlesen, der auch jenen, die es noch nicht wussten, klar macht, dass heute die Fasnet beginnt. Die Schneller lassen ihre Karbatschen durch die Luft sausen und das Narrenlied, ein Ohrwurm, erklingt. Das närrische Volk schunkelt dazu, beugt sich vor und zurück. Ziel des Zuges ist das Städtische Krankenhaus, später das Seniorenwohnheim. Die Narren beziehen auch die Menschen mit ein, die nicht an der Fasnet teilnehmen können. Im Krankenhaus wartet das Personal mit einem Sektempfang auf und Chefarzt und Oberschwester bewirten die Narren mit Maultaschen.


Eine elegante Erscheinung: Der weiße Plätzler in Weingarten. Alle Fotos: Reinhard Jakubek


Inzwischen ist in den fünf Schulen der Stadt an einen geordneten Unterricht nicht mehr zu denken. Die Schülerinnen und Schüler hoffen, dass sie von den Narren endlich von ihrem schweren Los befreit werden. In der Oberstadtschule bemächtigen sich die Narren zunächst der Rektorin Hanna Kasper, dann holen sie die Kinder aus den Klassenzimmern auf den Schulhof. Zunftmeister Klaus Müller, der in der Oberstadtschule als Lehrer tätig ist, macht heute im langen schwarzen bäuerlichen Rock, mit Bluse und brauner Frauenmähne eine gute Figur. Die Rektorin versucht die Narrenschar abzuwehren: „Schauet die Kinder an, die wollen lieber in die Schule als zur Fasnet gehen.“ Von wegen. Nach kurzer Zeit brechen die Narren den – halbherzigen – Widerstand der Schulchefin und übernehmen das Regiment. Rektorin und Zunftmeister müssen einen Walzer tanzen und den Schulschlüssel übergeben. Nun examinieren die Narren die Kinder: „Kommet ihr zum Narrenbaumsetzen?“ „Kommet ihr zum Geizigrufen?“ Natürlich schreien alle: „Ja“. Die Schülerinnen und Schüler waren auch nicht faul und überraschen die Narren im Musiksaal: Pippi Lang strumpf, Prinzessinnen, kleine Plätzler und Squaws singen das Lauratallied und mit einem Hip-Hop kommt Schwung in die Bude. Die Narren sind begeistert: Doch der nächste revolutionäre Akt wartet – der Oberbürgermeister muss abgesetzt werden.

Unter dem Motto „Schluss mit der Fasnet. Es lebe die Fußball-WM“ will das Rathaus im Weltmeisterschafts-Jahr die Narren abwehren. Nach der geschliffenen Rede des Stadtoberhaupts fliegen zig rote Bälle aus dem Amtssitz – doch die Narren geben nicht nach und stürmen das Gebäude. Die rotbemäntelten Zunfträte mit den rot-weißen Eselsohrenkappen verkünden vom Balkon des Rathauses die Absetzung des Oberbürgermeisters. Doch in Weingarten weiß jeder: In der Brust dieses Mannes wohnen zwei Seelen – die des Verwaltungsmannes und die des Narren, denn Gerber macht den verrückten Ausnahmezustand seiner Stadt gerne mit.

Nach närrischem Umtrunk, Kinderumzug und Narrenbaumsetzen verstummen für kurze Zeit Narrenlied, Karbatschenknall und der Ruf „Breisgau, Ofaloch, stinkt es nicht, so schmeckt man’s doch“. Ruhige Trommel- und Pfeifenklänge ertönen, zu denen eine Gruppe Rundtanz, Hopper und Schreittanz, den Rathaustanz, vorführt. Der 1786 im Ratsprotokoll als „eingewurzelter Unfug“ bezeichnete Brauch soll bis ins Jahr 1348 zurückreichen und damals aus Freude über das Ende der Pest öffentlich getanzt worden sein, was jedoch nicht belegt ist. In der Folgezeit soll der Tanz bei Hochzeiten sowie an Fastnacht von allen Maskenträgern gemeinsam aufgeführt worden sein. Heute tanzen am Gumpigen fünf Paare zu Melodien des 14. Jahrhunderts in Kostümen, die der Kleidung jener Zeit nachgebildet sind.

Das rot-weiße Plätzlerhäs und die Karbatsche ist den Mänern vorbehalten.

Im Fasnets-Museum halten die Narren still
Wer die Altdorf-Weingartner Narren in Aktion sehen will, der muss zur Fasnet durch die Stadt ziehen. Wer sie aber genauer studieren möchte, der ist im Fasnets-Museum am Vorderochsen am richtigen Platz. In einem Lehenshof des Reichsklosters Weingarten aus dem 18. Jahrhundert dokumentieren seit dem Jahr 2003 zahlreiche Exponate die Geschichte der Altdorfer Fasnet. Das kostbarste Stück im großen Ausstellungsraum, der in wunderschönen Grautönen mit Fastnachtsmotiven ausgemalt ist, ist „Der Narrenbrüter“, eine farbige, vermutlich in Tirol geschnitzte Holzfigur aus dem 17. Jahrhundert.

In einer inszenierten Nähstube von 1850 steht in Menschengröße die älteste Maskengestalt der Altdorf-Weingartner Fasnet: der Urbletzler. Zu einer bemalten Drahtgazemaske trägt er ein Häs in gedeckten Farben, das mit Plätzle bedeckt ist, also mit Stoffflicken, die aus alten, abgetragenen Kleidungsstücken ge schnit ten wurden; heute werden sie ausgestanzt. Jeder der zungenförmigen Flecken ist mit Schlingstichen eingefasst. Diese Narrenfigur war auf einem inzwischen verloren gegangenen Pfeifenkopf von 1840/50 abgebildet. Anhand einer Fotografie dieses Pfeifenkopfes konnte der Urbletzler rekonstruiert werden. Ihm nachempfunden ist die Anfang der 1930er Jahre entstandene Figur des Plätzlers, der in den Farben Weingartens auftritt: Die Farbkombination rot-weiß ist den Männern vorbehalten; nur sie dürfen die Karbatschen schwingen. Das rote Plätzlerhäs tragen Frauen, in Weiß dürfen sich beide Geschlechter präsentieren. Im Museum ist ein weißer Plätzler mit Sonnenschirm aus den Dreißigerjahren zu bewundern. Zum Plätzlerhäs, das mit rund 5000 Fleckle bedeckt ist, gehören die Holzmaske und ein in Smyrnatechnik geknüpfter Gürtel; kein Gürtel gleicht dem anderen, der Fantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt. Mit Gschell, Narrenwurst oder Saubloter ist der Plätzer komplett und eine bei den Zunftmitgliedern außerordentlich be liebte Figur. Und so leuchten auch in der Häskammer, die im Museumsgebäude untergebracht ist, etwa 200 Leihgewänder überwiegend in Rot und Weiß.

Der Lauratalgeist geht auf eine Sage zurück, in der die beiden Liebenden Ritter Adalbert und Fräulein Laura in den tosenden Fluten des Flüss chens Scherzach ums Leben kommen. Seitdem geistert mitunter um Mitternacht eine weiße Schattengestalt durchs Lauratal. Die 1949 geschaffene Fastnachtsfigur wurde mehrfach überarbeitet. Heute tragen die Lauratalgeis ter eine helle Holzmaske mit Tränen, ein mit Fledermäusen und Erdbeersträußen besticktes weißes Häs, eine spitze Haube, einen Gürtel mit dunkel klingenden Holzschellen sowie einen Schlüsselbund als Symbol der Erlösung.


„Freche“ Frauen beim Aufsagen am Abend vor dem Gumpigen. Alle Fotos: Reinhard Jakubek


Mit freundlicher Maskenmiene
Der Schlösslenarr, die jüngste Weingartner Fastnachtsfigur, ist Mitte der 1970er Jahre entstanden und wie ein Weißnarr gestaltet; doch ist sein mit dunkelgrünen Rauten und floralen Motiven besticktes Häs lindgrün. Gschell, Körbchen und eine freundliche Holzmaskenmiene geben ihm trotz des Säbels als Attribut eine positive Ausstrahlung. Der Schlösslenarr bezieht sich auf den Amtmann der Landvogtei aus vorderösterreichischer Zeit, der kurz „Schlössle“ genannt wurde.

Wie der Lauratalgeist so geht auch das Waldweible auf eine Sage zurück. Es schützt den Wald und verhindert Wild- und Holzdiebstahl. Das erste Waldweible für die Fasnet wurde 1956 geschaffen, sieben Jahre später kam ihr der Wurzelsepp zur Seite.

Hinter der Fasnetsfigur der Trachtenfrau steht der Gedanke, die Reste der Altdorfer Tracht zu erhalten. 1930 nahm die Zunft diese Figur in der Tracht, die die Bürgerinnen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Kirchgang und zu Festen trugen, als Gegenstück zum Narrenrat auf. Zunft rätin Edith Türkis erzählt, dass die prächtigen Radhauben der Trachtenfrauen selbst hergestellt sind. „Die goldene Spitze wird auf einem gelöteten Gerüst befestigt.“ Der sehr engagierte Vorsitzende des kulturellen Beirats der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte, Jürgen Hohl, der auch das Fasnets-Museum in Weingarten konzipiert hat, gibt Kurse in dieser alten Fertigkeit.

Eine besondere Narrengestalt, das Fasnetsbutzarössle, besteht aus einer Pferdeattrappe, in der ein Plätzler steckt. Zwei Treiber führen das zweibeinige Rössle an langen Lederriemen. Eine Überraschung hielt die Bühne des späteren Museums bereit: Beim Entrümpeln tauchte im Unrat ein uraltes Rössle auf, das nun einen würdigen Platz im Museum gefunden hat. Auf der Fasnet reiten d’r Schimmel in Rot, d’r Rapp in Rot-weiß, das Generalrössle und das kleine Kinderrössle. Die Masken der Altdorf-Weingartner Narren blicken überwiegend freundlich, allenfalls traurig drein; böse Gestalten gibt es „zum Glück net und zum Glück auch keine Hexen“, meint Zunftmeister Müller.


Nicht zu übersehen: leuchtend rote Plätzler mit fantasievollen Gürteln in Smyrnatechnik

Die Plätzlerzunft Altdorf-Weingarten 1348 e.V., die heute etwa 1300 Mitglieder zählt, entstand aus dem 1928 gegründeten Narrenverein. Damals hat der Weingartner Zahnarzt Fritz Mattes dafür gesorgt, dass überlieferte Formen in die Weingartner Fasnet einzogen, dass Figuren wie Plätzler, Trachtenfrau, Fasnetsbutzarössle neu gestaltet bzw. von der Zunft akzeptiert, dass Holzmasken, Narrenbaumsetzen und Hemedglonkerumzug eingeführt wurden, der Rathaustanz und die Fastnachtsspiele wiederauflebten. Die Jahre 1927 bis 1931 waren eine fruchtbare Zeit für die Altdorf-Weingartner Fasnet.

Die Jahreszahl 1348 im Zunftnamen soll den überlieferten Beginn der Fasnet ausdrücken, doch Zunftmeister Müller ist skeptisch: „1525 ist die Fasnet in Altdorf-Weingarten nachweisbar – ob sie davor bestanden hat, ist nicht eindeutig überliefert.“ Aus der Zeit des Bauernkrieges jedoch, von 1525, existiert in den Akten des Klosters Weingarten ein schriftliches Verbot der „Mummerei“.


Die Lauratalgeister beweinen das traurige Schicksal der beiden Liebenden Laura und Adalbert.


Schlafmützigkeit wird geahndet
Der Gumpige Donnerstag endet mit dem Hemedglonkerumzug. Gleich drei Lange Männer mit hell erleuchteten Augen haben nun ihren Auftritt. Alles majestätisch überragend gehen sie dem Zug durch die Stadt voran. Mit weißem Gesicht in weißem Gewand, in Nachthemd oder Morgenmantel, mit Betthaube oder Zipfelmütze, Nachttopf oder Kerze folgt ihm wer will und kann, Jung und Alt, Groß und Klein. Doch keineswegs heimlich, still und leise: Alles was in Küche, Garage oder Keller lagerte, was scheppert und schrillt, rasselt und tönt, klappert und pfeift, ist dabei, je lauter umso besser. Und dazwischen ein Bett, in dem die „Schlofkapp des Jahres“, Peter Engelhardt, durch die Stadt geführt wird. Der Redakteur der Schwäbischen Zeitung hatte den Vorsitzenden der örtlichen Kinderfestkommission gefragt, seit wann er der Rutenfestkommission vorstehe. Das Rutenfest ist allerdings das Ravensburger Pendant zum Weingartner Kinderfest. Für den Ehrentitel „Schlofkapp“ reicht dieser Fauxpas allemal.

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