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Auf nach Narragonien
Peter Haller

Wie soll und kann man es beschreiben, dieses kribbelnde Gefühl zu Beginn des Neuen Jahres, das erst ein paar Tage jung ist und nun, nach dem Ende der zwölf Raunächte, so nach und nach in Schwung kommt, diese sich unvermittelt einstellende Leichtigkeit, fast wie eine Art Erlösung, alle Lebensgeister weckend, wenn Karbatschenhiebe durch das winterverschlafene Städtle hallen, das erste Anstimmen des Narrenmarsches Schauer über den Rücken jagt und man sich mit einem ersten Juchzger Luft verschafft, wenn Larven abgestaubt werden und endlich Narrenschellen wieder erklingen, eine Erlösung aus dem seit Monaten andauernden, fast lähmenden Weihnachtstaumel bringen, der jeden tieferen Sinn mit Kommerz und Schokoladen-Weihnachtsmännern ab September zu ersticken drohte, zumindest wenn man nicht standhaft genug war, sich all dessen inmitten der künstlich erzeugten Hektik rund ums Fest zu erwehren, um wahrhaft besinnlich zu feiern.


Ehinger Hexen beim Narrentreffen in Meßlirch 2006, Foto: Wulf Wager


Jahr für Jahr dieselbe Reise für ein paar Wochen, mal kürzer, mal länger – mit dem Narrenschiff ins Traumland aller Narren, nach Narragonien, das der Narr – in Umkehr mittelalterlicher Deutung – so gar nicht als „verkehrte Welt“, sondern vielmehr als angestammte Heimat und Land seiner Sehnsüchte empfindet. Der Narr schätzt diese seine Narrenwelt, die sich in vielem doch so angenehm vom drögen Alltag abhebt, ja ihm vorübergehend geradezu paradiesische Zustände verspricht und ihm viel „vernünftiger“ und lebenswerter erscheint als die reale Welt da draußen mit all ihren omnipräsenten Narrheiten und Schrecken jahrein, jahraus, gegen die offenbar kein Kraut gewachsen ist. Der Narr macht sich auf, um wenigstens einmal im Jahr allen Verdruss, Kummer und die bedrohlichen Dämonen unserer Zeit hinter sich zu lassen. Wer verspürt angesichts Terrordrohungen, BSE, Vogelgrippe und Harz IV keine Lust, diesem „irdischen Jammertal“ wenigstens temporär zu entfliehen? Der Narr liebt die Zeitlosigkeit seines Treibens, die Beständigkeit des „ewig“ Wiederkehrenden. Wenigs­tens darauf ist Verlass, auch wenn ringsum nur noch Unsicherheit bis hin zur Untergangsstimmung herrscht. Der Narr hält sein Fähnlein hoch im stürmischen Gewässer, bis ihn seine Fahrt in den vermeintlich sicheren Hafen der fünften Jahreszeit führt. Auf nach Narragonien!

Das Repertoire für die Reise ist bekannt: Narren, Zuschauer, Musik, Ritualisiertes und Flüssiges (kein Mineralwasser für echte Narren!) für trockene Kehlen und feuchte Fröhlichkeit. Hinein heißt es ins Narrenschiff mit seiner Gallionsfigur namens „Tradition“, wo sich unterm Mast des Narrenbaums neben Geborgenheit und Geselligkeit an Bord schnell ein Gemeinschaftsgefühl breit macht, wie wir es heute in der Anonymität unserer Privatsphäre und von Arbeitslosigkeit und Sozialabstieg bedrohten globalisierten Umwelt immer öfter vermissen. Und doch droht auch hier, nach anfänglichem Wohligsein, die Oberflächlichkeit; Vermassung und Übersättigung uns der Vorfreude, des Zaubers des Besonderen, der überbordenden Glückseligkeit zu berauben. Gerät das Narrenschiff erst in eine Flaute der Verwässerung und verliert an Fahrt, so schwebt über ihm das Menetekel des Untergangs, ja zumindest scheint es immer öfter dazu verurteilt zu sein, in den seichten Gewässern der Fun- und Gaudikultur dahinzudümpeln, oder es wird an den Stränden Narragoniens bereits von demaskierten Narrenscharen mit dröhnender Discomusik empfangen. Narren, die beim letzten Umzug ihre Larve gelüftet haben, um mit ihrem Handy zu telefonieren bzw. mit ihrer Digitalkamera ein Bild mitten aus dem Umzug heraus zu machen, verlassen auf Drängen der anderen das Schiff und gehen an Land, wo sie freudig empfangen werden und einen Orden für ihre Verdienste um die Fastnacht verliehen bekommen, bevor das Narrenschiff mit den wenigen verbliebenen Narren wieder in See sticht und einsam weitertreibt auf seinem Weg nach Nirgendwo ... der Narr von einst hat offenbar seine Schuldigkeit getan ...

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