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Patsch-nass, furz-trocka und Kanaaaal-voll!
Die Fastnacht in Schramberg geht den Bach hinunter

von Kerstin Simon

„Da Bach na, da Bach na, mit Kummer und mit Sorga“ heißt es im Schramberger Narrenmarsch. Der Liedtext kommt nicht von ungefähr: Alljährlich zur Fasnet besteigen rund 80 Kapitäne in Schramberg im Schwarzwald ihre Holzzuber, um damit die eigens zu diesem Zwecke aufgestaute Schiltach hinunterzufahren.




Was uns nicht umbringt, macht uns nur noch härter. Diese Volksweisheit steht in die Gesichter der Hartgesottenen geschrieben, die am Fasnetsmontag in Schramberg anzutreffen sind. Zwei Tage Fasnet liegen bereits hinter den konditionsstarken Schramberger Narren, doch den närrischen Höhepunkt haben sie an diesem Tag noch vor sich.

Blasmusik und Blasenkatarrh
Eine Fasnet in Schramberg hat wohl noch niemanden umgebracht. Aber sie ist hart. Tausende überprüfen alljährlich im Selbstversuch die Auswirkungen von tagelangem Schlafentzug, übermäßigem Bier- und Weingenuss, Dauerbeschallung durch Katzen-, Blas- und Konservenmusik in verrauchten und schweißtreibend heißen Bars, von Dauertanzen und -singen. Wer zur Schramberger Fasnet kommt, kann aber auch beobachten, welche Auswirkungen es hat, wenn Menschen aus einem skurril gestalteten Holzzuber in zwei Grad kaltes Wasser fallen.
Letztere Szenerie gehört zur „Da-Bach-na-Fahrt“, die Fasnetstradition, für die Schramberg landauf, landab berühmt ist, und die jedes Jahr Zehntausende in die Stadt lockt, eine der Hochburgen der schwäbisch-alemannischen Fasnet.




Die Väter der Da-Bach-na-Fahrt
Seit 1951 veranstalten die Gilde der „Da-Bach-na-Fahrer“ und die Narrenzunft Schramberg am Fasnetsmontag um 13 Uhr ihre „Da-Bach-na-Fahrt“. Doch die Ursprünge des fasnächtlichen Brauches liegen schon 15 Jahre früher begründet. Am 24. Februar 1936 tagte im Gasthof Bruckbäck das „Junge Parlament“ – eine Art außerzünftige Opposition zu den gesetzteren Herren des Elferrates der Narrenzunft. Bei dem ausgedehnten Frühschoppen mit traditionellem Wurstsalat-Essen kamen sie auf die Idee, in hölzernen Zubern die neu ausgebaute Schiltach hinunterzufahren. Normalerweise wurden in diesen Zubern die frisch geschlachteten Schweine überbrüht. Während der Bruckbäck-Wirt alles andere als glücklich über das Vorhaben war, stachelte der herbeigeeilte Mohrenwirt die jungen Männer weiter an: „Kommet rum zu mir! Wenn ihr die Fahrt machet, krieget ihr a Flasch Woi, un nomol oine, un nomol oine!“ Und so beschafften sie in der Nachbarschaft flugs einige Brühzuber.
Kinder trugen eilig bemalte Plakate durch die noch ruhige Stadt. Kurz vor halb zwei, dem Arbeitsbeginn der Schramberger Fabriken, gingen die allerersten „Da-Bach-na-Fahrer“ Schrambergs an den Start. Die Aktion sorgte für Aufsehen: Die meisten Arbeiter blieben stehen, um sich die Reinfälle der Jungen in die Schiltach anzusehen. Später beklagten die Fabriken, dass viele Arbeiter an jenem Tage nicht an den Werkbänken erschienen waren. Die Konsequenz: Seit jenem Tag ist der Fasnetsmontag in Schramberg ein arbeitsfreier Tag. Was für ein Erfolg.


Vielfältig sind die Bauten der Da-Bach-na-Fahrer, die immer auf einem Holzzuber basieren. Alle Fotos:Ralf Siegele


Fastnachtsumzug im Wasser
Nach den Kriegsjahren entwickelte sich das anfangs spontane Treiben auf und in der Schiltach langsam zur festen Tradition. Im Laufe der Jahre wurden die „Da-Bach-na-Fahrer“ immer kreativer, vor allem was die Gestaltung ihrer Zuber angeht. Diese werden – vergleichbar den Umzugswagen bei den traditionellen Karnevalsumzügen in Köln, Düsseldorf und Mainz – fantasievoll geschmückt und sind kaum noch als Zuber zu erkennen.

Politik und Kultur werden auf die Schippe genommen
Die 40 Brühzuber werden drei Wochen vor der Fasnet an die „Da-Bach-na-Fahrer“ und -Fahrerinnen ausgegeben. In Garagen, Kellern und Hallen werkeln sie dann in großer Heimlichkeit und verkleiden die Zuber als Flug- und Fahrzeuge, Raumschiffe oder andere Plattformen für närrische Gestalten. In zahlreichen Nachtschichten kreieren die „Da-Bach-na-Fahrer“ aus den nackten Holzzubern närrische Kunstwerke, deren oft trauriges Ende im Bach ein Grund zum Jammern wäre. Bei der Dekoration ihrer Gefährte müssen die Zuberbauer beachten, dass ihre Kreationen nicht zu breit oder zu lang sind für die Schikanen, die im Bach aufgebaut sind: Rutschen, Engpässe und menschliche Slalomparcours aus Feuerwehrleuten und Technischem Hilfsdienst. Außerdem dürfen die alten Zuber nicht angebohrt oder anderweitig manipuliert werden, könnte doch dadurch der Aufbau besser befestigt und das Gefährt stabiler werden. Auch wassergefährdende Stoffe wie aggressive Farben und Lacke sind strikt untersagt. Zu den bestgehüteten Geheimnissen Schrambergs zählen die Baupläne und die Auftriebs- und Stabilisierungstricks erfolgreicher Zuberkapitäne.


1936 fuhren einige Wagemutige man aufgrund einer Stammtischwette das erste Mal „Da Bach na“. Daraus entwickelte sich ein einzigartiges fastnächtliches Spektakel.


Der Narr im Sauzube
Am Fasnetsmontag belagern echte „Da-Bach-na-Fahrt“-Fans bereits am frühen Morgen die besten Plätze am Bachrand. Wenn dann gegen Mittag zehntausende Menschen in vielen Reihen die Ufer der Schiltach säumen, die Stadt erfüllt ist vom Geläute der Hanselglocken und den Rhythmen des Narrenmarsches, herrscht fröhliche Anspannung: Nach dem Startschuss schippert der Eröffnungsfahrer, ein altgedienter Kapitän im klassischen „Da-Bach-na-Fahrer-Häs“, das an die Tradition der Flößer erinnert, in einem puren, nackten Brühzuber den Bach hinunter. Seine halsbrecherische Fahrt in den Gewässern der Schiltach ist nicht nur eine Hommage an die Anfänge der „Da-Bach-na-Fahrt“, sondern auch ein Sicherheitstest: Reckt er, im Ziel angekommen, den Daumen in die Luft, dann gibt es für die anderen „Da-Bach-na-Fahrer“ kein Halten mehr.
In kurzen Abständen laufen die bunten Zuber vom Stapel, besetzt mit je zwei Fahrern. Sie versuchen, ihren bunten Zuber heil bis ins Ziel zu steuern und dabei auch noch eine gute Figur zu machen und das Publikum aufzuheizen. „Patsch-nass!“ und „Kanal-voll!“ sind die Schlachtrufe, die zwischen Zuberkapitänen und Zuschauern ausgetauscht werden. Letzteres bezeichnet übrigens den Zustand des Baches und nicht, wie landläufig angenommen wird, den der Fahrer.

Reinfälle in die eisige Schiltach
Ein Zuber, der es heil durch die Schikanen schafft, dem schallt vom Uferrand allerhöchste Anerkennung entgegen: „Furz-trocka!!!“.


Da-Bach-na-Fahrer Foto: Ralf Siegele


Ein kleines Wackeln, eine Balance-Unsicherheit und schon ist es passiert: Die Fahrer kippeln, suchen mit akrobatischen Bewegungen nach Halt, rutschen ab und platschen unter dem vergnügten Johlen und „Patsch-nass“-Rufen der Menge in die eiskalte Schiltach. Ehrbewusste „Da-Bach-na-Fahrer“„ schwimmen selbst dann noch zwischen den durchweichten Einzelteilen ihrer Zuber-Dekoration bis hinter die Ziellinie. Doch die im Bach postierten Helfer ziehen nicht selten neben havarierten Zubern auch den ein oder anderen bewegungsunfähigen, fast steifgefrorenen Schiff- beziehungsweise Zuberbrüchigen aus den Fluten und stellen ihn zum Auftauen unter die heiße Dusche.

Kaffeedohlen und haarige Katzen
Einige heilgebliebene Zuber nehmen dann am großen Straßenumzug teil, der direkt nach dem Ende der „Da-Bach-na-Fahrt“ beginnt. Hunderte von Hanseln mit Brezelstecken, Brüele, Kehraus, Narro, Kaffeedohlen und Endivie-Butz, unzählige Hexenzünfte und freie Fasnetsgruppen warten schon ungeduldig darauf, dass sich die „Da-Bach-na-Fahrer“ in die Umzugsaufstellung einreihen.

An diesem Umzug beteiligen sich auch Narrenzünfte und -gruppen aus den Schramberger Stadtteilen, die seit Jahren miteinander um den schönsten, größten und originellsten Umzugswagen wetteifern.

Neben der Straßen- und Bachfasnet hat aber auch die Saalfasnet in Schramberg Tradition: Karten für Sportler-, Zunft- und „Da-Bach-na-Fahrer-Ball“ oder für die unzähligen Vereins- und Hexenbälle sind heiß begehrt. Auch fürs Sulgener „Schnurren“, bei dem verschiedene Gruppen durch die Wirtschaften des Stadtteils ziehen und närrisch aufgearbeitet die Missgeschicke und Peinlichkeiten ihrer Mitbürger zum Besten geben, sind Platzreservierungen empfehlenswert. Doch auch für diejenigen, die keine mehr bekommen, ist die Fasnet noch nicht gelaufen: Viele Gaststätten und Kneipen engagieren Musikbands, räumen eine Tanzfläche frei und richten schummrige Bars ein. Hier, in den Hinterzimmern, dauert die Fasnet am längsten. Wenn sich frühmorgens die letzten Gäste auf den Heimweg machen, begegnen sie mit einem unverzagten Narri-Narro-Gruß denjenigen, die ihre kleine Mütze Schlaf bereits genommen haben und wieder närrisch sein können. Ja, die Schramberger Fasnet ist hart. Aber: Sie hat noch keinen umgebracht. Drum bleibt zum Schluss nur noch ein Satz: „Hoorig-hoorig isch dia Katz“.

www.schramberg-tourismus.de
www.narrenzunft-schramberg.de

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