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Vom Brauch zum Event
Ein Blick auf die Entwicklung der Brauchkultur

von Herbert und Elke Schwedt

Schon im Jahre 1534 erschien das „Weltbuch“ des Theologen Sebastian Franck. Es enthielt viele Brauchbeschreibungen und zeigt, dass das Interesse an Bräuchen fast fünf Jahrhunderte alt ist und vermutlich noch älter. Geschwunden ist es nicht, auch nicht in unserer gegenwärtigen Welt, die sich so außerordentlich rasch wandelt.


Überlinger Schwerttanz – gelebte Tradition im natürlichen Umfeld Foto: Wulf Wager


Gerade diese Veränderungen sind es, die den Blick auf Bräuche bestimmen: Wenn es etwa im 19. Jahrhundert üblich war, sie auf etwas nebelhafte germanische Wurzeln zu befragen, ist es für die moderne Brauchforschung längst entscheidend, die Zusammenhänge zwischen den Veränderungen in der Gesellschaft und den Brauchformen zu erkunden. Und das bedeutet, dass die Veränderungsgeschichte von Festen und Bräuchen Einblicke auch in die der Gesellschaft ermöglicht.

Wechselbeziehungen
Die Entwicklung von Bräuchen folgt bestimmbaren Bedingtheiten. Da sind natürliche Faktoren zu nennen, vor allem Boden und Klima scheiden Gunst- und Ungunsträume. In früheren Zeiten hatte das unmittelbare Folgen für die Festkultur. Armut etwa, so weit natürlich bedingt, war ihr nicht eben förderlich, konnte aber beispielsweise intensive Heischebräuche auslösen. Solche Faktoren mögen heute an Bedeutung verloren haben; ihr Nachwirken ist gleichwohl häufig erstaunlich. Das kommt zweifellos daher, dass sie mit anderen korrespondieren; Verkehrsnähe oder -ferne etwa, die wiederum die Einführung von Neuerungen – und das können eben auch Bräuche sein – erschwerten oder erleichterten. Vielfältige andere Bedingtheiten müssen beachtet werden, demographische zumal, denn es ist von erheblicher Bedeutung, ob eine Region dünn oder dicht besiedelt ist, ob kleine oder größere Orte vorherrschen, ob die Jugend abwandert oder bleibt, wie es um das Angebot von Ausbildungs- und Arbeits-plätzen bestellt ist etc.

Konfessioneller Kontrast
Nun ist Baden-Württemberg in der glücklichen Lage, keine allzu gravierenden Strukturprobleme beklagen zu müssen; gewisse Disparitäten zwischen den Verdichtungsräumen und Gebieten mit relativen Strukturschwächen sind gleichwohl vorhanden. Besonders bedeutsam und nachwirkend sind die vormaligen territorialen und damit auch konfessionellen Verhältnisse. In Baden-Württemberg reichen sie von streng katholischen bis hin zu pietistischen Prägungen. Auch hier liegen jeweilige Einflüsse auf Feste und Bräuche auf der Hand. Sie beeinflussen und durchdringen sich gegenseitig.


Halloween – zeitgenössischer Eventimport. Foto: cc


Beängstigend boomende Fastnacht
Brauchen wir Bräuche? Welche Bedeutung haben sie für uns? Man könnte sich die Antwort leicht ma-chen, etwa mit dem Hinweis auf die nahezu beängstigend boomende Fastnacht in Württemberg und Baden. Dass solche Entwicklungen kein Zufall sein können, ist offenkundig – also müssen entsprechende Bedürfnisse vorhanden sein, also ist die Frage beantwortet.

Graben wir ein wenig tiefer. Dafür empfiehlt sich ein Blick zurück in die vorindustriell-agrarische Welt und ihre Bräuche, deren Sinn zunächst die Gliederung des Jahresablaufes war – des kirchlichen wie des weltlichen in enger Verschränkung. Feste mit reichlichem Essen und üppigem Trinken kontrastierten mit einem oft kargen Alltag, Feiertagsruhe mit harter Arbeit. In tradierten Grenzen boten sie Freiräume, beispielsweise in Form von Rügerechten. Spiele, Tänze, auch Maskentreiben waren solchen Terminen vorbehalten. Träger und Ausrichter solcher Ereignisse waren in sehr vielen Fällen die ledi-gen jungen Männer, die auf diese Art gleicherweise privilegiert und gebändigt wurden.

Ästhetisierung von Bräuchen
Das 19. Jahrhundert verstand es, diesen Rhythmus nachhaltig zu verändern. Zunehmend begann der nun entstandene bürgerliche Verein entsprechende Funktionen an sich zu ziehen und zu binden, mehr noch: Die Werte des aufstrebenden Bürgertums prägten auch Formen und Sinngebungen von Bräuchen nachhaltig um. Prozesse von Ästhetisierung, Disziplinierung und Pädagogisierung setzten ein und bestimmten die Entwicklung bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Kein Zufall, dass in dieser Periode die bürgerliche Gesellschaft sich sogar eine eigene Wissenschaft leistete, die sich nicht zuletzt mit Festen und Bräuchen beschäftigte, die Volkskunde.

Hocketse gegen Kommunikationsdefizit
In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden Festformen, die zunächst wenig Beachtung fanden, sich aber rasch und flächendeckend ausbreiteten: die Straßenfeste, die hierzulande oft so genannten Hocketsen. Ihr Kennzeichen: Sie benötigen keinen hohen Organisationsgrad, brauchen keinen Jahrgang und keinen Verein, haben meist kein Programm. Ihre Aufgabe ist es offensichtlich, Kommunikationsdefizite auszugleichen, die in einer unübersichtlich werdenden Welt zunehmend empfunden werden. Und diese neueren Festformen sind zugleich Identifikationsangebote für Menschen, die begonnen haben, sich in ihrer Nahwelt fremd zu fühlen.

Larven-Parade oder Love Parade?
Das alles ist freilich eine arge Pauschalierung und keineswegs verliefen die Entwicklungen in chronologischer Exaktheit – auch hier gilt die Formel von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Und sie gilt auch für die neuesten Tendenzen, die einigermaßen deutlich erkennbar werden: die Abwendung von organisierten und verpflichtenden Begehungen, die Bevorzugung von informellen Formen mit unverbindlichen Zugängen – die Love Parade, die Halloween-Party mögen dafür ebenso Beispiele sein wie die allerneuesten virtuellen Begegnungen, etwa die Fighter Nights. Wohin geht’s also? Vom Brauch zum Event? Schon die nahe Zukunft wird es uns allen zeigen.

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