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Von den Frauen heiß umkämpft
Nur alle sieben Jahre kommt der jüngst- verheiratete Ehemann in Elzach zu Ehren

von Florian Wernet

Elzach im Schwarzwald, ungefähr 30 Kilometer nordöstlich von Freiburg gelegen, ist bekannt
für seine alte Fastnachtstradition. Die Schuttige mit ihrer Maskenvielfalt sind auch weit über das Elztal hinaus ein Begriff. Weniger bekannt ist der Elzacher Brauch des Bengelreitens. Dieses findet alle sieben Jahre statt – das nächste Mal nachmittags am Fastnachtsmontag 2006. Es ist ein alter Brauch der Handwerkszünfte, dem zum Beispiel in Sigmaringen, Scheer und Haigerloch vorkommenden Bräuteln nicht unähnlich. Auf einer Stange wird der jüngstverheiratete Mann durch den Ort getragen. Doch friedlich geht es dabei nicht zu. Ledige und verheiratete Frauen schlagen sich um ihn ...

Das erste Bengelreiten, das 1935 nach 94-jähriger Pause wieder durchgeführt wurde.
Der Bengelreiter – der jüngstverheiratete Ehemann des Städtchens – entsteigt in Anzug und Zylinder gekleidet dem Fenster seines Schlafgemachs und nimmt auf seinem Hochsitz, zwei lose miteinander verbundenen Stäben, dem sogenannten „Bengel“, Platz. Eine gläserne Krone, wie sie in Erzählungen aus dem 19. Jahrhundert erwähnt wird und die auf einen Zunftbrauch hindeutet, hat sich nicht erhalten.

Der Zug wird angeführt vom Schwarzen Teufelsschuttig; das Bengelreiten ist im Übrigen auch der einzige Anlass, bei dem der „Schwarze Teufel“ am Fasnetmendig zu sehen ist. Ihm folgen: die Zunftfahne und ein mit Bändern geschmückter Reisigkranz, der wie ein Schellenbaum getragen wird. Erst dann kommt die eigentliche Bengelreitergruppe. Sieben ledige, mit glatten Holzschwertern und sieben verheiratete, mit längeren gezackten Schwertern bewaffnete Frauen säumen den von vier starken Burschen getragenen Bengel mit seinem Reiter. Links und rechts davon spannen die Narrenräte ein Seil, um die Zuschauer ein wenig auf Abstand zu halten. Ein Bogen aus Tannenreisig, verziert mit roten Bändern, dem alten Elzacher Stadtwappen, einem Badnerwappen und einem Öster­reichischem Wappen (Elzach war bis 1805 vorderösterreichisch) vervollständigen den bunten Zug. Den Abschluss bilden die Stadtmusik sowie einige Schuttige.


So hat der Elzacher Künstler Erwin Krumm das Bengelreiten erlebt und in einer Temperastudie festgehalten.


An mehreren Stellen im Städtchen versuchen nun, nach einem Signal des Zunftmeisters, die ledigen Frauen den Reiter von seinem Sitz zu stoßen, die sieben verheirateten hingegen wollen dies verhindern. Das Lied­chen: „Tri-tra-trallala, fall nit über de Bengel ra!“, das die Kinder noch in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts sangen, hat sich leider nicht erhalten. Fällt der Bengelreiter herunter, so wird er unter tosendem Jubel und Gelächter aller Anwesenden in den Nikolausbrunnen geworfen, den die Elzacher Metzger immer vorsorglich mit warmem Wasser anfüllen. Bleibt er standhaft, so wird ihm unter Beifall der Zuschauer eine Urkunde überreicht, die ihm bekundet, dass er sich als Bengelreiter „ehrenhaft und närrisch bewährt“ hat.

Schneidermeister Erich Schätzle, der erste Bengelreiter nach dem Zweiten Weltkrieg, beschreibt seinen Ritt 1950 auf dem Bengel als eine äußerst wacklige Angelegenheit, da der Hochsitz ja lediglich die Schulterbreite der Träger hat. Sollte einer der Träger auch nur aus dem Tritt geraten, so sei es schon schwer, sich im Sitz zu halten, da man auch schon ohne den Angriff der Frauen keinerlei Festhaltemöglichkeiten besitzt. Des Weiteren ist die Balance dadurch erschwert, dass der Reiter in einer Hand einen mit Bändern verzierten Stab schwingt. Beim Angriff der Frauen kann es durchaus recht ruppig zugehen und, es gilt fast als Schande, wenn nach dem Bengelreiten die Schwerter der Verteidigerinnen unversehrt geblieben sind und noch alle Zacken besitzen. Dies zeigt aber auch, dass mit dem Reiter nicht allzu zimperlich umgegangen wird, Herr Schätzle hatte sich eigens dafür einen wattierten Unteranzug geschneidert, und es ist auch für jeden künftigen Reiter ratsam, sich dick unter dem Anzug zu gewanden, um die Zahl der blauen Flecke möglichst gering zu halten. Es sei noch erwähnt, dass Erich Schätzle nicht von seinem Sitz gestürzt worden ist.

Dieser alte Brauch, für den sich auch im Jahre 1834 Belege finden, wurde 1841 zum letzten Mal im 19. Jahrhundert ausgeübt. Man vermutet, dass das lange Aussetzen dieses Brauches – er geriet fast hundert Jahre in Vergessenheit – daher rührt, dass das Bad im Nikolausbrunnen zur Fastnacht der Gesundheit des Reiters wahrlich nicht zuträglich war, und es ist nicht ausgeschlossen, dass das Dahinscheiden eines Bengelreiters zu der 94-jährigen Brauchpause führte, auch wenn sich dies historisch nicht belegen lässt.


Das letzte Bengelreiten vor sieben Jahren. Im Jahr 2006 findet es am Nachmittag des Fasnetsmontag statt.
Foto: Klaus Schuster


1935 wurde das Bengelreiten jedoch aufgrund der Initiative des Elzacher Kunstmalers und Ehrenbürgers Erwin Krumm (1898–1980), der viele Berichte gesammelt und Zeitzeugen befragt hatte, vom Narrenrat erneut ins Leben gerufen und wird seit dem Zweiten Weltkrieg regelmäßig alle sieben Jahre abgehalten.

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