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Schissdreckzygli mit Trommel und Piccolo
von Jochen Schicht

Es ist kalt am Bahnsteig. Kurz nach halb zwei in der Nacht. Stimmengewirr erfüllt die eisige Luft. Am Gleis 1 des Freiburger Hauptbahnhofes ist es so voll wie sonst wochentags kurz vor Ankunft der ICEs. Endlich fährt der Sonderzug ein. Es geht los. Die Reise auf einen anderen Planeten, wie man mir erklärt. Zweieinhalb Stunden später weiß ich warum. Die mir gut bekannte moderne Schweizer Großstadt Basel ist nicht wiederzuerkennen.

Die Basler Fasnacht – hier in Gestalt eines „Ueli“, also eines Eulenspiegels – wirft ihre Schatten voraus. Foto: Roland Rasemann
Es ist halb vier am Fasnachtsmontagmorgen. Menschenmassen schieben sich durch die Straßen und Gassen. Alles drängt über den Rhein zum Rathausplatz. „Warum feiern die Basler eigentlich eine Woche später ihre Fasnacht als wir?“, frage ich auf dem Weg vom Badischen Bahnhof in die Innenstadt meine fachkundigen Begleiter. Ein Papst, so erfahre ich, hat im frühen Mittelalter den Anfang der Fastenzeit um sechs Tage vorverlegt. Die Sonntage zählte er nicht mehr dazu. In manchen Regionen – so auch in Basel – fand dieser Beschluss jedoch keine Beachtung. Dort startet bis heute die Fastenzeit – und damit auch das Fasnachtsfest – am ursprünglichen Termin.


Morgestraich! Vorwärts marsch!
Im Hier und Jetzt startet noch nichts. Immer wieder gehen die Blicke der Menschen zu ihren Armbanduhren. Doch es dauert noch einige Minuten, bis von St. Martin, Basels ältester Kirche, der Vier-Uhr-Schlag ertönen wird. Anlass für meinen Nebenmann, nochmals kurz in die Geschichte einzutauchen. Ob ich wisse, dass der „Morgenstreich“, auf dessen Beginn wir gerade alle warten, letztlich eine Abwandlung der militärischen Tagwache sei und sozusagen als Pendant zum abendlichen „Zapfenstreich“ fungierte. Bis ins 18. Jahrhundert hielten die mächtigen Basler Zünfte immer am Fasnachtsmontag militärische Muste­- rungen ab. Die wehrpflichtigen Männer zogen stolz durch die Stadt, vorneweg wurden Militärmärsche getrommelt und gepfiffen. Auch das Feiern kam nach diesen Umzügen nicht zu kurz . . . Er redet zwar noch weiter, ich kann ihn aber nicht mehr verstehen. Der Vier-Uhr-Schlag ertönt und geht im Jubel der Menge fast unter. Mit einem Mal herrscht vollkommene Dunkelheit. Laute Kommandos ertönen in den Straßen und Gassen. Und plötzlich klingen von überall her die Piccolos, begleitet von Trommeln. Alle spielen die gleiche Melodie. Da naht eine erste Clique. Licht strahlen ausschließlich deren Laternen aus: große mächtige mit kunstvoll gestalteten Motiven, kleinere an langen Stangen sowie noch kleinere auf den Köpfen der bunt maskierten Gestalten, welche pfeifend und trommelnd in langsamem Gleichschritt an uns vorüberziehen. Von den vielen Menschen rechts und links ihres Weges lassen sie sich nicht beirren. Jeder Maskierte sieht anders aus. Maske – in Basel „Larve“ genannt – und Kostüm finden sich kein zweites Mal. Lediglich die Kopflaternen sind bei jeder Clique dieselben. Besonders fallen die so genannten „Tambourmajoren“ auf, welche mit ihren riesigen Schwellköpfen alle überragen. Mit offenem Mund starre ich auf die vorüberziehenden, gespenstisch anmutenden Züge. Ein einmaliges Schauspiel.


Ein einsamer Trommler zelebriert im Narrenkleid eines Blätzlibajass höchste virtuose Tambourenkunst.
Militärische Ursprünge bei den Zünften
Nun will ich doch wissen, was mein Begleiter vorher noch erklären wollte. Was kam nach den fasnächtlichen Musterungen der Zünfte im 18. Jahrhundert? Wir folgen mit vielen anderen Besuchern einer Clique durch dunkle Gassen bis zum Münsterplatz. Hier hoch oben über dem Rhein bietet der Eingang eines alten Basler Bürgerhauses nicht nur ein wenig Schutz vor der Kälte und Ruhe zum zuhören, sondern auch das richtige Ambiente für einen weiteren Ausflug in die Vergangenheit.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts gab es zwar immer noch fasnächtliche Paraden in Uniform, mit Gewehr oder Degen, Fackeln und Trommeln, dazu gesellten sich nun jedoch vermehrt Maskenbälle und prunkvolle Umzüge mit historischen Kostümen, karnevalesken Verkleidungen sowie Wägen und Gruppen. Letztere beschäftigten sich jeweils mit einem Ereignis und nahmen dieses kräftig aufs Korn. Eine Besonderheit bilden seit etwa 1850 Laternen in Form eines Objekts. Anfang des 20. Jahrhunderts nahmen sich die beiden Vereine „Quodlibet“ und „Wurzegrabe-Kämmerli“ der Basler Fasnacht an. Die Umzüge wurden nun straff organisiert, die besten Gruppen prämiert. Der strenge militärische „Zapfenstreich-Charakter“, hervorgerufen durch Uniformen und Waffen, verschwand langsam aber sicher. Stattdessen entstanden zwischen 1903 und 1920 die heute bekannten Formen. Durch das immer stärkere Engagement von lokalen Künstlern bekamen die Kostüme, Larven und Laternen ihre so bewunderte Eigenständigkeit. Viele Basler Gruppierungen gründeten „Fasnachts-Cliquen“. Das Fest avancierte zu einem typischen Merkmal der Stadt. Die Ausdrücke „Karneval“ und „Fasching“ wurden verbannt. Ende der 1920er Jahre führte man den Basler Dialekt als „Fasnachtssprache“ ein und ersetzte das bislang vorherrschende Hochdeutsch.


Ohne das virtuoses Piccolospiel ist die Basler Fasnacht nicht vorstellbar. Foto: Roland Rasemann


Wir lassen uns noch bis zum Morgengrauen von vielen herrlich pfeifenden und trommelnden Cliquen mitziehen in die engen Gassen der Altstadt rund um Andreasplatz, Rümelinplatz und Spalenberg. Die „Schissdreckzygli“, kleine Gruppen von nur wenigen Trommlern und Piccolospielern, intonieren herrlich virtuose Fasnachtsmarschmelodien. Doch ir­gendwann lösen wir uns von den magischen Klängen und es heißt , wieder den Weg zum Badischen Bahnhof anzutreten. Im Zug nach Freiburg, der die ersten Pendler zu ihren Arbeitsplätzen bringt, fallen mir die Augen zu. Bevor ich einnicke, sehe und höre ich sie noch einmal: die Cliquen mit ihren Tambouren und Pfeifern, die Laternen und Schissdreckzygli.

Foto: Museum „Narrenschopf“
Ausstellung zur Basler Fasnacht im Narrenschopf
Über 200 000 Besucher strömen alljährlich an der Fasnacht nach Basel, um ein Fest zu erleben, dass mit seiner Eigenart einen ganz besonderen Akzent setzt und die moderne Schweizer Großstadt am Rheinknie für drei Tage regelrecht verzaubert. „Morgenstreich“, „Clique“, „Sujet“, „Laterne“ oder „Tam­bour“ sind nur einige Begriffe, die wichtige Bestandteile dieses großartigen Ereignisses benennen. Vom 5. November 2005 bis 8. März 2006 ist im Museum „Narrenschopf“ Bad Dürrheim eine große Sonderausstellung zur Basler Fasnacht zu sehen.

Die Ausstellung möchte die Besucher mit Geschichte und Gegenwart der Basler Fasnacht bekannt machen. Sie möchte dazu animieren, sich etwas genauer mit einem beeindruckenden Stück Kultur der Schweizer Nachbarinnen und Nachbarn zu befassen, das eine ganze Stadt verzaubert und für die Baslerinnen und Basler einen wichtigen integrativen Faktor, ein essentielles identitätsstiftendes Moment das ganze Jahr über darstellt.

Kontakt und Führungsanfragen:
Museum „Narrenschopf“
Bad Dürrheim
Öffnungszeiten:
täglich 14-17 Uhr (außer montags) Sonn- und Feiertage 10-17 Uhr
Anmeldung Führungen:
07726 6492 oder 977601
www.narrenschopf.de

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