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Ein Dorf spielt verrückt
Alle fünf Jahre erinnert im hohenzollerischen Grosselfingen
ein Fastnachtsspiel an die verkehrte Welt der Narren

von Günther Schenk

Sauerkraut und Schweineschwänzle brutzeln wohlriechend auf dem eindruckvollen Herd im Pfarrhaus. In großen Töpfen, die der Pfarrer hin und wieder umrührt. Schließlich darf nichts anbrennen. Warten doch die Narren in Grosselfingen, einer kleinen Gemeinde im Schatten der Burg Hohenzollern, auf die säuischen Delikatessen. Rund 350 kostümierte Männer und Burschen, die alle fünf Jahre ihr Dörfchen auf den Kopf stellen, es für einen Tag zum „Venezianischen Reich“ erklären. Einer närrischen Gegenwelt, deren Repräsentanten sich vornehm „Herren von Venedig“ nennen.


Der Grosselfinger Butz ist besonders herrlich verziert.
Ehrsames Narrengericht“ heißt der Mummenschanz in Grosselfingen offiziell, eine Mischung aus Straßentheater und Fastnachtsspiel. Ein von einer religiös begründeten Bruderschaft getragenes Spektakel, dessen Wurzeln fast bis ins Mittelalter reichen. Streng achtet der Narrenvogt auf die Tradition, die ihm von den Vorfahren zur Weitergabe überlassen wurde. Mit seinem Gruß „Guten Morgen, Ihr Brüder!“, beginnt das Spiel am „Schmotzige Dauschtig“ und am Sonntag vor der eigentlichen Fasnet.

Schon früh morgens sorgen HansWurste in bunt karierten Anzügen und spitzen Hüten für allerlei Spaß. Figuren, die an die Commedia dell’Arte erinnern, das Stegreif-Theater Italiens. Und wie viele Narren dort schwingen auch sie einen Kochlöffel als närrisches Zepter. Für lustige Einlagen ist ein Narrenrössle gut, ein Scheinpferdchen, das alle Neugierigen auf Distanz hält. Mit großen Peitschen schlagen die so genannten Geißelläufer gegen Mittag eine Gasse für den Rest der Chargen, wie die Charakterrollen in Grosselfingen heißen. Für die weiß gekleideten Burschen mit den großen Kronen aus künstlichen Blumen auf dem Kopf und die schwarz gewandeten Pagen mit den weißen spitzen Hüten. Schließlich naht der Narrenvogt, der oberste Repräsentant des Narrenreiches, und sein Rat, die Herren von Venedig, die ihr närrisches Standeszeichen „H. v. V.“ für jeden sichtbar an Hut und Gürtel tragen.


Das „Ehrsame Narrengericht“ tagt unter dem Vorsitz des Narrenvogtes im dunklen Wirtshaussaal. Viele Bewohner Grosselfingens wollen daran teilnehmen. Über den Einlass wachen zwei strengeGrenadiere.
Alle Fotos: Günther Schenk

Genau betrachtet ist das Venezianische Reich ein riesiges Narrenhaus. Ein Stück verkehrter Welt, mit eigenen Gesetzen, einer Fahne und einer Hymne, dem Bruderschaftslied. Husaren mit Säbeln bilden die Streitmacht, die jeden vor das Narrengericht schleppen, der gegen die Gesetze des Reiches verstoßen hat. Politiker sind das zumeist, aber auch andere Prominente wie der Ortspfarrer. Im großen Saal wird ihnen der Prozess gemacht, halten öffentliche Ankläger ihnen ihre Missetaten vor. Ihre Strafe treten sie gewöhnlich gleich um die Ecke auf dem Marktplatz an, wo als Hüter des Rechts der Bäder waltet. Pritsche, Schere und Rasiermesser gehören zu seinen närrischen Requisiten, mit denen er die Delinquenten hin und wieder zur Gaudi der Umstehenden malträtiert.

Großes Gedränge herrscht mittags vor dem Pfarrhaus. Drinnen nimmt ein Doktor den Topf mit den Schweineschwänzchen unter die Lupe, den nach alter Tradition der Pfarrer zubereitet hat. Ist alles in Ordnung, übernehmen die Butzen Sauerkraut samt Fleischeinlage. Schwarz vermummte Gestalten, deren Köpfe farbige Seidenbänder zieren. Auf Schultern schleppen sie den Krauthafen dann ins Gasthaus. Erinnerung an die Zeiten, in denen die Grosselfinger jährlich ihren Zehnt an die Kirche abliefern mussten. Heute ist es umgekehrt, kocht der Pfarrer zu Fastnacht für die Bürger.

Schließlich schlägt die Stunde des heimlichen Helden, wird auf dem Marktplatz der Sommervogel empfangen. Eine weiße Taube, welche die Narren in Lieder immer wieder hochleben lassen. Mitten in die Festfreude aber platzt die Hiobsbotschaft vom Raub des Vogels aus dem Nest. Groß ist jetzt das Durcheinander, beginnt die wilde Jagd nach den beiden Dieben. Wenig später sind die schon wieder gefasst, müssen, so verlangt es der Spielplan, den Frevel mit dem Tode büßen. Denn der Raub des Sommervogels ist die größte Sünde im Venezianischen Reich, dessen Geschichte inzwischen gut belegt ist.

Schon im 15. Jahrhundert hätten die einstigen Herren von Grosselfingen, die Ritter von Bubenhofen, das Spiel aus Venedig mitgebracht, erzählt man sich in Hohenzollern. Historisch wichtigste Quelle sind die erst kürzlich im Staatsarchiv Sigmaringen entdeckten Statuten der Marienbruderschaft Grosselfingens von 1623, die als einstiger Träger des Spieles das Narrengericht organisierte. Kaum ein anderer Fastnachtsbrauch Europas ist inzwischen so lückenlos dokumentiert wie in Grosselfingen, wo in einem Narrenbuch jede Sitzung des Narrengerichtes bis ins frühe 18. Jahrhundert protokolliert ist.


Die Verhaftung der Bösewichte


Immer wieder auch waren Reporter zu Gast im Württembergischen. So meldete das „Geographische Magazin“ 1783, dass sich die Einwohner Grosselfingens einmal im Jahr „wie Harlequine kleiden und die Freiheit haben, einem jeden, der an diesem Tag in ihren Bezirk komt, eine Strafe aufzuerlegen, und ihm die trokne Warheit ins Gesicht zu sagen“. Inzwischen tagt das Narrengericht gewöhnlich nur noch alle vier Jahre, ist der Aufwand für eine jährliche Inszenierung zu groß. „Das können wir uns nicht mehr leisten“, klagt der Spielleiter, der weiß, dass in diesen Wochen viel Arbeit liegen bleiben muss. Zwar dürfen beim Fastnachtsspiel nur Männer mitmachen, ohne die Frauen aber wäre das Spiel eintönig und farblos. Sie nämlich halten die über 300 Kostüme in Schuss, sorgen hinter den Kulissen für den reibungslosen Ablauf des Spieles.


Diese Taube ist die Hauptfigur des Sommervogelspiels, das sich der Narrengerichtssitzung anschließt.

Die Diebe des Sommervogels werden ihrer Strafe im brennenden Brunnen zugeführt.


Für die Räuber des Sommervogels hat sich inzwischen das Blatt gewendet. Statt am Galgen gehenkt, werden sie jetzt in den Brunnen auf dem Marktplatz geworfen. Ein feuchtfröhliches Spektakel mit ernstem Hintergrund. Denn im mittelalterlichen Verständnis galt der Brunnen als wichtiger Ort der Strafe. Als Vorhof zur Hölle gar, weshalb die Grosselfinger ihn zum Schluss ihres Spieles zum Brennen bringen. Ein Brunnen in Flammen, besser könnte sich die verkehrte Welt nicht zeigen.



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