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Mummenschanz im Kirbachtal

von Karin Gessler

In der Frühe des Fasnetssamstags stürmen schwarze und zottelige Gesellen zum Vergnügen der Zuschauer, vemummt, laut peitschenknallend und kuhglockenscheppernd durch die Dörfer des Kirbachtals. Die Urzeln aus Siebenbürgen brachten das Kunststück fertig, das über Jahrhunderte hinweg aller Narretei abholde Sachsenheim zur nordöstlichsten Bastion der schwäbisch-alemannischen Narrenzünfte zu machen.

Dabei hatten die Urze
Eine einfache Drahtgazemaske verleiht dem Träger Weitsicht.
Foto: Karin Gessler
ln ursprünglich wenig mit Fasnet oder Fasching zu tun. Ihr Zuhause ist Agnetheln, ein deutschsprachiger Marktflecken im rumänischen Siebenbürgen. Dort wurden in den verschiedenen Handwerkerzünften traditionsgemäß am „Geschworenenmontag“, dem ersten Montag nach dem Dreikönigstag, die neuen Zunftmeister und Gesellenväter gewählt. Im Anschluss daran brachte man die Zunftlade in einer großen „Parade“, einem Umzug, vom alten zum neuen Zunftmeister. Aufgabe der Urzeln war es, die Zunftlade beim „Ladenforttragen“ zu beschützen. Die älteste Erwähnung des „Mummenschanz der Zünfte“ stammt aus dem Jahr 1689. Nach Sachsenheim kam der Urzelbrauch durch Agnethler Familien, die sich nach dem Krieg hier niedergelassen hatten. 1965 wagten sich die ersten 13 Urzeln auf die Straße, von der einheimischen Bevölkerung noch argwöhnisch beäugt. Wie schon in Agnetheln üblich, besuchte man auch den evangelischen Pfarrer und sang ihm ein Ständchen. Doch auch dieser war zunächst sehr skeptisch angesichts der vermummten Gestalten. Erst als sie ihre Larven abnahmen und er sah, dass es lauter gestandene Männer waren, war das Eis gebrochen.
Die Urzeln tragen ein Kostüm aus grober weißer Sackleinwand, auf das in dichten Reihen Lappen aus schwarzem Stoff aufgenäht sind. Die bemalte Maske besteht aus feinem Maschendraht und ist mit Pelz verbrämt. Den Hinterkopf verdeckt ein ebenfalls mit schwarzen Flecken besetztes Kopftuch, unter dem ein mit Schleifen geschmückter, langer Hanfzopf herauslugt. Unverzichtbar sind das große weiße Taschentuch, das links an der Brust angeheftet wird, weiße Handschuhe und schwarzes Schuhwerk. Darüber hinaus braucht jeder Urzel seine Lärmwerkzeuge: Kuhglocken, die „Korbatsche“ (Peitsche) und Ratschen. Für die – vor allem weiblichen – Zuschauer, die „in die Peitsche genommen“ wurden, ist die Quetsche interessant, in die mehrere süße Krapfen geklemmt werden, die die Urzeln als Dank für ein Tänzchen verteilen.

Die Urzeln stürmen am Morgen des Fasnetssamstag durch Sachsenheim. Foto: Ralf Siegele
Vom Urzelkostüm könnte auch der Name hergeleitet sein. Zum einen werden in der sächsischen Mundart Stoffreste „Urzen“ genannt, zum anderen könnte das zottelige Gewand an einen Bären erinnern, rumänisch „ursul“. Ein dritter Erklärungsversuch setzt bei der Gestalt der Ursula an, einer mutigen Frau, die der Legende nach während der Belagerung Agnethelns die Kirchenburg verließ und in ihrer schauerlichen Verkleidung die Angreifer in die Flucht schlug.
Mittlerweile kann man durch das feine Drahtgeflecht der Masken immer öfter reinstes Schwäbisch hören, die Urzeln sind im Kirbachtal heimisch geworden – auch ganz offiziell: Seit 1987 ist die Sachsenheimer Urzelnzunft Vollmitglied in der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte und gehört zur Fasnetslandschaft Neckar-Alb. Nachwuchssorgen kennt man hier nicht, 250 Urzeln treffen sich alljährlich zum Urzelntag in Sachsenheim. In Agnetheln selbst fand dagegen 1990 die letzte Urzelparade statt. Nach der großen Ausreisewelle 1989/90 leben nur noch wenige Siebenbürger Sachsen im Ort, und so ist der Urzeltag in Sachsenheim für viele Agnethler zu einem Heimattreffen geworden.

S
Der Tanz von Schneider- rösschen und Mummerl auf dem Schlossplatz in Sachsenheim. Foto: Karin Gessler
eit der Gemeindereform, in der die Weindörfer im Kirbachtal, Häfnerhaslach, Ochsenbach, Spielberg und Hohenhaslach, mit Kleinsachsenheim und Großsachsenheim zu Sachsenheim verbunden wurden, starten die Urzeln am Morgen des Fasnetsamstag in Häfnerhaslach und laufen dann durch alle Gemeinden. In einem der Teilorte und in Großsachsenheim wird statt des einfachen Urzellaufs die große Parade veranstaltet. Peitschenschwingende Urzeln kündigen den Zug an, gefolgt von der Blaskapelle und – eingerahmt und beschützt von einer Gruppe Urzeln – den Traditionsfiguren: Der Paradehauptmann und die beiden „Engelchen“, zwei Kinder in weißem Hemd und schwarzer Hose, einem schwarzen Dreispitz auf dem Kopf und goldbestickten Fähnchen in der Hand, als Vertreter der Schusterzunft, dann Männer in der alten Agnethler Bürgertracht, die die kunstvoll holzgeschnitzte Zunftlade tragen, das Schneiderrösschen mit dem Mummerl für die Schneiderzunft,
für die Kürschner der Bär und sein Treiber sowie Urzeln, die die prächtige Kürschnerkrone tragen – ein großes Rad mit vier Füchsen geschmückt, die jeweils einen Marder im Maul haben –, und zuletzt die Reifenschwinger aus der Fassbinder- und Küferzunft. Den Traditionsfiguren folgt mit Getöse der große Pulk der Urzeln, die mit den Zuschauern am Straßenrand manchen Schabernack treiben.
Vor der malerischen Kulisse des Sachsenheimer Schlosses werden die Urzeln vom Bürgermeister begrüßt und die Traditionsfiguren führen ihre Tänze auf. Dann zieht der Zug weiter zur evangelischen Kirche, wo sie vom Pfarrer im Urzelkostüm und mit launigen Versen empfangen werden. Zum Dank wird auch ihm ein Ständchen gebracht und noch einmal getanzt.

Am Nachmittag sind die Urzeln in kleinen Gruppen (Parten) unterwegs und machen Hausbesuche, bei denen es lustig zugeht, wie der traditionelle Begrüßungsvers des Partenführers zeigt:



„Wir wünschen Glück in diesem Haus,
wir treiben mit Schelle und Peitsche
die Sorgen und den Ärger aus.
Unsere Lieder und Witze kann jeder hören.
Und dass wir euch besuchen kommen
beweist, dass wir euch ehren.“


Der Urzeltag klingt am Abend mit dem großen Urzelnball aus, zu dem die Urzeln wieder „in Zivil“ erscheinen.


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