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MaskerAde
Die Unlust am Vermummen

von Peter Haller

Fasnet ist „in“, und wie! Und die Auftragsbücher der Larvenschnitzer sind bestens gefüllt. Immer mehr Menschen erfüllen sich den lang gehegten Wunsch nach einer eigenen Holzlarve. Denn nur sie komplettiert, so offensichtlich die Meinung der allermeisten Hästräger, das Häs des Narren nach schwäbisch-alemannischer Art. Aber, oh Wunder, das gute Stück wird meist nicht, wie vermutet und vom Verwendungszweck her vorgesehen, vor dem Gesicht getragen, sondern auf dem Kopf in der Horizontalen oder auf der Schulter, dort wo auch der Fuchsschwanz baumelt, oder man legt sie in irgendeine Ecke in der Hoffnung, dass sich schon keiner daran vergreifen wird. Das zweite „Ich“ ist also nicht gerade der Narren Liebling und hat somit meist nur noch symbolischen Charakter, denn selbst vor dem Umzug wird sie möglichst spät aufgesetzt und nach dem Umzug möglichst rasch wieder abgenommen. Doch identitätsstiftend ist sie auf jeden Fall. Neben ihrer Funktion als Regenschirmersatz soll sie vor allem den Hästräger als echten Narren kennzeichnen, denn nur der zünftige Narr mit Holz- oder, seltener, Stofflarve ist auch ein richtiger Narr. Aber man soll auch sehen, wer sich darunter verbirgt, Narren sind halt eitel. Und der Mummenschanz beim Umzug ist schließlich schwere Arbeit, da kommt man leicht ins Schwitzen, was liegt also näher, als sich der Ursache des Schwitzens so schnell wie möglich wieder zu entledigen? Und wie stört sie doch beim Essen, Trinken und Rauchen ... Solche erschwerten Umstände tut man sich doch nicht freiwillig an ... Man könnte fast sagen, je mehr neue Masken entstehen, um so seltener sieht man außerhalb von Umzügen auch nur einen einzigen Narren mit Larve vor dem Gesicht. Die „Maske-ra“-Bewegung ist zu einer Massenbewegung geworden. Mit wenigen Ausnahmen, vorzugsweise in Elzach und Villingen. Was für ein Unterschied! Dort dauert der Mummenschanz nicht nur einen oder mehrere Umzüge lang, nein, einen Schuttig oder Narro wird man in der Öffentlichkeit nie unverlarvt zu sehen bekommen, die Anonymität gilt es zu wahren. Für einen Schuttig und einen Narro ist das eine Selbstverständlichkeit, denn Fasnet ist schließlich nur einmal im Jahr, da scheut man keine Strapazen, und für diese Narren sowie die zuschauenden närrischen „Zivilisten“, ist die Gesichtsvermummung genau das, was einen Gutteil des Zaubers unseres Fasnetsbrauchtums ausmacht. Aber was juckt die „modernen“ Narren das Brauchtum, wenn sie die Larve einfach nicht mehr vor dem Gesicht brauchen können. Kann ich sie nimmer brauchen, dann „Maske ra und ade“! Oh jerum, da hat die Fasnet bereits ein Loch, noch bevor ihr Ende naht. So ist das halt heutzutage, zuerst kann man es kaum erwarten, bis man etwas sein Eigen nennen darf, aber wenn man es dann erst hat, dann hat es auch schon bald wieder seinen Reiz verloren ... immer noch Konsumgesellschaft – trotz knapper Kassen und unsicherer Rente. Da steht er dann, der Narr von heute, herausgeputzt, oft wunderschön anzuschauen, aber so unverlarvt und nackt im Gesicht wie all die nicht-hästragenden zuschauenden Mitmenschen und damit fast völlig seiner närrischen Faszination beraubt. Denn während einerseits mancherorts der kleinste Knopf noch farblich vorgeschrieben ist, wurde bei aller Reglementierung eines leider nicht erreicht: dass die Maskenträger in der Öffentlichkeit ihre Maske geschlossen halten. Aber daheim an der Wand, da macht sie sich das ganze Jahr über gut, so eine Maske, als schmucke Dekoration und Blickfang.


Und dennoch: bei einer Web-Umfrage (www.narren-spiegel.de) im Jahre 2003 sprach sich eine überwältigende Mehrheit für mehr Gesichtsverlarvung aus. Hier klafft offensichtlich eine große Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Weil alle die Larve abnehmen, nimmt man sie selbst eben auch ab, man will ja nicht auffallen. Es könnte ja jemand drauf kommen, wer da die Larve nicht abgenommen hat, wie peinlich ... ein Narr vor und nach dem Umzug mit Larve vor dem Gesicht! Ha, wo gibt’s denn sowas heut’ noch? Hoffentlich in Zukunft wieder immer öfter ... denn die Hoffnung stirbt zuletzt, auch die närrischste!

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