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Narrone zu sein, das ist eine Lebensentscheidung
In Laufenburg am Hochrhein fallen zur Fasnacht die Grenzbalken der Schweiz und Deutschlands

von Martin Geier

Von „Faissen“ zu „Faissen“, von Donnerstag zu Donnerstag, steigt die Stimmung der alemannischen Fasnachter in Laufenburg am Hochrhein. Die überschaubare Gruppe der Narronen aus dem alten, vorderösterreichischen Städtchen zählt sich zum Uradel der Fasnacht.
„Es gibt heimwehkranke Laufenburger, die rufen jeden Faissen an und wollen die Tschättermusik hören“, erzählt Georg Gerteis, „dann halte ich den Hörer aus dem Fenster und der Anrufer am anderen Ende der Leitung ist glücklich.“ Ob das Heimweh des Anrufers gelindert wird oder mit den heimatlichen Klängen im Ohr exponential ansteigt, vermag der Ehren-Zunftmeister der Narro-Altfischerzunft 1386 von Laufenburg nicht zu sagen. Eines ist jedenfalls klar: Einen Verstärker für die drahtlose Übertragung der Laufenburger Narrenmusik braucht man nicht, selbst wenn der Anruf aus Japan oder von den Fidschi-Inseln käme. Die Gassen, eigentlich ist es nur eine 400 Meter lange, ansteigende Hauptstraße, im rechtsrheinischen deutschen Laufenburg sind so schmal, dass die Töne in der mittelalterlichen Häuserflucht wie durch einen Grammofontrichter verstärkt werden.


Es hocke drei Narre uf’s
Hanselis Charre.
Wie lache die Narre.
Narri-Narro

Laufenburger Fasnetssprüchli



Denn die Laufenburger Tschättermusik ist so archaisch, dass sie an die Entstehung der Fasnacht, an heidnische Bräuche, an Winteraustreibung und Fruchtbarkeitsriten erinnert. In Laufenburg, so hat man den Eindruck, gibt es noch den unverfälschten Mummenschanz, gänzlich unberührt von modernistischen Entwicklungen. Der Betrachter sieht sie durch die Hauptstraße ziehen, die vergleichsweise überschaubare Zahl von Narronen mit ihren teils Furcht erregenden bemalten Holzmasken und ihren bunten Gwändli. Alles ist dunkel, die Straßenlaternen sind ausgeschaltet, Fackelträger begleiten den Umzug, und der Widerschein des flackernden Lichts, der an Masken und Hauswänden entlanghuscht, verleiht dem Spektakel dämonische Urwüchsigkeit. Die Instrumente sind Deckel, Kochtöpfe, Dosen, Kanister, Sägeblätter, Trillerpfeifen – sie produzieren Ohren betäubenden Lärm, zum Davonlaufen.

Narrolaufen in Laufenburg. Foto: Archiv Narrozunft Laufenburg/Baden


Marsch oder langsamer Walzer
Georg Gerteis, der seit 45 Jahren Beamter im Rathaus ist, sieht das anders: „Das ist wie langsamer Walzer“, schwärmt er und trommelt den Rhythmus mit den Fingern auf die Tischplatte in der Zunftstube. Zunftarchivar Hubert Mutter widerspricht zaghaft „Marschtempo 112“, murmelt er.

„Mülleri hätt si hätt, Mülleri hätt in d’ Juppe g’schisse und ihr’m Maa ins Fütle g’bisse, Mülleri hätt sie hätt“ – dieser Text, in dem eine Müllerin ihren Mann malträtiert, zumindest aber in den Allerwertesten beißt, wird zwar nicht laut gesungen, liege aber dem Trommlerlied zu Grunde, erklärt Gerteis. Am Fuße der Hauptstraße angekommen, passiert der Zug die deutsche Grenze und trifft sich mitten auf der Brücke mit den Narronen aus dem schweizerischen Laufenburg. Die beiden Gruppen wünschen sich eine glückselige Fasnacht und marschieren anschließend gemeinsam durch die eidgenössische Zwillingsstadt.



Luschtig isch de
Fricker Seppli,
suuft alli Stund es Schöppli!

Laufenburger Fasnetssprüchli



„Wir Narren sind somit die Einzigen“, sagt Hubert Mutter strahlend, „die politische Vernunft behalten haben und sich von Napoleon nicht entzweien ließen.“ Denn tatsächlich wurde Laufenburg 1801 im Frieden von Lunéville geteilt, die Landesgrenze verlief fortan mitten durch die Rheinschnellen (früher Laufen). Doch nur während der närrischen Zeit werden beidseits der Brücke die nationalen Fahnen eingeholt und durchs Narrentuch ersetzt. Die Laufenburger Narronen glauben fest daran, dass ihr Geburtsdatum der 4. Juni 1386 ist, als sie ihrem neuen Herrn Leopold III. mit Rheinsalm huldigten und sich von ihm ein Kleid wünschten, in dem man sie vor aller Welt erkennen möge – heraus kam ein bunter Fleckenteppich.

Alte Narronenlarve, zu sehen im Bad Dürrheimer Narrenschopf. Fotos: Peter Haller

Überhaupt, so erzählt man sich im Städtli augenzwinkernd, sei das Jahr 1386 fulminant gewesen: Die Universität in Heidelberg wurde gegründet, die Schlacht von Sembach (Schweiz) geschlagen und die einheimische Narrenzunft gegründet. Bis zur Teilung lag der Hauptort auf der links vom Rhein, das niedere Laufenburg rechts davon.

Der Salm oder Lachs spielt in der Fasnacht nach wie vor eine tragende Rolle. Er hat sich zwar lange nicht mehr in Laufenburg sehen lassen, was auch nicht mehr möglich ist, seit der Fluss unterhalb der Stadt aufgestaut wurde, aber am dritten Faissen wird ein Riesenexemplar, das das Jahr über in der Zunftstube hängt, in einem Fischernachen in Laufenburg angelandet. Der dritte Faissen ist woanders der schmotzige Donschdig, in beiden Wortstämmen steckt der Ausdruck für Fett, Schmalzgebackenes. Auftakt der Laufenburger Fasnet ist der erste Faissen am 4. Februar. Da beginnt in der Schweiz bereits um fünf Uhr in der Früh, auf deutscher Seite um sechs Uhr die Tschättermusik. Viermal spielt sie am Tag; zwischendurch geht man zur Arbeit. Am dritten Faissen macht der Elferrat mit (das sind die Narren fürs Grobe, also für Bonbons und Orangen), der vermummte Gemeinderat, im Grunde alles, was Beine hat. Bis Fasnetsdienstag („das ist unser großer Tag“) ist Städtlefasnet, finden Bälle und Schnitzelbänke statt.



Lustig isch dr Metzger Meier,
frisst am Fritig Speck statt Eier!

Laufenburger Fasnetssprüchli


Wie bei den Rotariern
Mitglied in der Laufenburger Fischerzunft zu sein, ist wie anderswo bei den Rotariern aufgenommen zu werden. „Erstens sind die Narronen die einzige Klammer zwischen beiden Städten, zweitens haben sie gesellschaftlich den höchsten Stellenwert“, sagt Ehrenpräsident Gerteis. Er jedenfalls wusste schon mit zehn, dass er einmal in die Zunft wollte. Das ist gar nicht so einfach, denn man muss volljährig sein, einen guten Leumund haben – und vorgeschlagen werden. Dann aber sei man auf immer und ewig Mitglied. „Narrone“, meint Hubert Mutter, „das ist eine Lebensentscheidung.“ 65 Mann stark ist die deutsche Fischerzunft, nur sie trägt Larve und Gwändli, Frauen sind nicht zugelassen – aber sie dürfen das Flickenkostüm in hunderten von Arbeitsstunden schneidern. „Unsere Frauen tun das gern“, sagt der Ehrenhäuptling im Brustton der Überzeugung. Nur nach dem Zweiten Weltkrieg wurde einmal eine Frau bei den Zunftbrüdern aufgenommen, „aber das war ein Betriebsunfall“. Die hochbetagte Dame wird liebevoll „Zunftbruder ohne“ genannt.

Narrolaufen in Laufenburg. Foto: Peter Haller


Zunft- und Bürgermeister
Roland Wasmer, Zunft- und Bürgermeister der Stadt Laufenburg/Baden. Foto Karl Oberle

Narri-Narro sprach mit Roland Wasmer, 51. Er ist Zunftmeister der Narro-Altfischerszunft 1386 und neu gewählter parteiloser Bürgermeister von Laufenburg/Baden.
Das Interview führte Wulf Wager.

Narri-Narro:
Die Personalunion von Zunft- und Bürgermeister ist einmalig in Baden-Württemberg. Sind Sie der mächtigste Mann von Laufenburg?

Roland Wasmer:
Macht ist für mich negativ behaftet. Insofern möchte ich gar nicht der mächtigste Mann sein. Was ich allerdings möchte, ist, den Menschen Freude bereiten. Dazu ist die Fasnet sehr gut geeignet.

Narri-Narro:
Hat Ihr Engagement in der Narro-Altfischerzunft zu Ihrem Wahlsieg beigetragen?

Roland Wasmer:
Das denke ich schon. Meine Zunftbrüder und ich haben in den letzten fünfzehn Jahren viel für die Laufenburger Fasnacht getan. So ist es uns gelungen, moderne Formen wie die Guggenmusik und die traditionellen Formen, wie Tschättermusik und Narrolaufen zu einer schönen Städtlefasnacht zu vereinen. Jedes an seinem Platz. Sicher haben die Bürger das honoriert.

Narri-Narro:
Wie haben Sie die Guggenmusik integriert?

Roland Wasmer:
Am Freitagabend findet ein Guggenmusik-Openair statt, bei dem mit 15.000 Besuchern fast die Kapazitätsgrenze erreicht ist.

Narri-Narro:
Führen solche Massenveranstaltungen nicht auch zu Alkoholexzessen und Schlägereien unter Jugendlichen?

Roland Wasmer:
Wir haben die Probleme einigermaßen im Griff. Fasnacht soll ja fröhlich sein, da passt Gewalt nicht hinein. Wir verhindern größere Ausschreitungen, indem wir keine scharfen Getränke ausschenken. Das funktioniert ganz ordentlich.

Narri-Narro:
Wie wird man Mitglied der Narrozunft?

Roland Wasmer:
Wir sind eine kleine Zunft von der Personenzahl her. Wer Mitglied werden will, muss einen guten Leumund haben und muss sich an den Bräuchen der Fasnacht beteiligen. Dann lote ich als Zunftmeister aus, ob er eine Chance hat, aufgenommen zu werden. Wenn das passt, stellt er einen schriftlichen Antrag, der bei der Zunftversammlung vorgelesen wird. Nun haben die Zunftbrüder sechs bis acht Wochen Zeit, darüber nachzudenken, und dann wird geheim abgestimmt. Zur Mitgliedschaft, die lebenslang ist, braucht ein Neuer eine 2/3-Mehrheit der Stimmen. Es ist dann schon eine Ehre, Zunftbruder der Narro-Altfischerzunft zu sein.

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