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Reinhold Schäle
Mit Leidenschaft dabei

von Peter Haller

Reinhold Schäle an der Werkbank
Der renommierte Maskenschnitzer Reinhold Schäle aus dem oberschwäbischen Gornhofen (Stadt Ravensburg) wird 1930 in Diepolz im Allgäu geboren. Die Vorliebe für den Umgang mit Holz erbt er wohl von der Mutter, die alle Spielsachen für ihre Kinder selbst bastelt. Schon als Schulbub schnitzt er gern mit seinem Taschenmesser Pfeifle oder kleine Figuren. 1944 hat er eine Holzbildhauer-Lehrstelle in Waldsee sicher, doch zwei Wochen bevor er sie antreten kann, muss der Meister in den Krieg. Dann wird ihm eine Lehrstelle als Kunstschmied angeboten, doch wieder passiert dasselbe. Beim dritten Anlauf klappt es schließlich: Schäle bekommt eine Lehrstelle bei Drechslermeister Treuer in Ravensburg. Nach der Gesellenprüfung möchte er sich eigentlich in Oberammergau zum Holzbildhauer ausbilden lassen, doch er bekommt keine Zuzugsberechtigung für die amerikanische Zone und arbeitet für ein Jahr bei dem freischaffenden Bildhauer Bentele in Oberstaufen. Dort kann er erstmals modellieren und plastisch arbeiten. Danach zieht es Schäle in den Schwarzwald. In Schonach verdient er mit dem Schnitzen von Kuckucksuhrenteilen wie Hirschköpfen, Schwalben usw. das nötige Geld, um 1950 an die Münchner Akademie zu gehen und bei Professor Josef Henselmann zu studieren – bis das Ersparte nach zwei Semestern aufgebraucht ist. Er kehrt in die Heimat zurück und schlägt sich mit verschiedenen Arbeiten durch, bis ihm sein alter Lehrmeister in Ravensburg überraschend das Angebot unterbreitet, seine Werkstatt und sein Geschäft zu übernehmen. Eigentlich wollte Schäle nicht zurück in den Drechslerberuf, doch die Holzbildhauerei ist zu jener Zeit eine brotlose Kunst. Die Leute haben schlichtweg kein Geld dafür. Schäle macht also 1956 den Meister, heiratet und übernimmt 1957 die Drechslerei. Erst peu à peu wird er wieder auf dem Bildhauersektor tätig, schnitzt Kruzifixe, Madonnen, Wappen und übernimmt Restaurierungen in Kirchen.


Weinbauerngesicht als Maske
„Die Geschichte mit der Maskenschnitzerei fing halt an, als in Ravensburg 1970 die Schwarze-Veri-Zunft gegründet wurde und man die ersten Masken gebraucht hat.“ So erzählt Reinhold Schäle in seiner Werkstatt rückblickend. Damals kommt Zunftmeister Otto Lutz mit Entwürfen für die Zunftgestalten zu ihm. Künftig schnitzt er etwa 20 bis 30 Masken pro Jahr für die Ravensburger und wird zugleich deren Maskenmeister. Aber auch zahlreiche weitere, oft neu gegründete Narrenzünfte im näheren und weiteren Umkreis werden in der Folgezeit auf ihn aufmerksam. Durch Mund-zu-Mundpropaganda kommt Schäle zu immer neuen Auftraggebern, denn, so betont er, Werbung habe er nie gemacht. Narrenzünfte wie Lindau, Nonnenhorn, Stockach, Hefigkofen, Salem, Weingarten, Rottenburg, Ergenzingen, Ostrach, Sigmaringen, um nur einige zu nennen, liefern ihm Modelle oder seitenlange Beschreibungen bis hin zur kleinsten Falte, nach denen er arbeitet oder entwirft. Oder sie lassen von ihm ganz neue Masken kreieren. Für Hagnau hat er nach Fotos die Gesichter verstorbener und lebender Weinbauern, meist Originale, porträthaft in die Masken eingearbeitet.


Masken von Reinhold Schäle

Kreativteam Schäle & Hohl
Im Laufe der Jahre wird so das Maskenschnitzen immer dominierender, während er die Drechslerei zunehmend vernachlässigt. Viele seiner Kunden kommen jedoch nicht direkt zu ihm, sondern werden ihm durch Jürgen Hohl aus Eggmannsried bei Bad Wurzach, heute Sprecher des kulturellen Beirats der VSAN, vermittelt. Hohls Rat ist nicht nur bei der Änderung oder Wiederbelebung historischer Narrenfiguren gefragt, sondern er entwirft auch neue Narrenkleider und –figuren und widmet sich zudem seit langem mit besonderer Leidenschaft der Trachtenpflege. Deshalb wird er als anerkannter Fachmann auch gern als „Trachtenpapst“ tituliert. So manche Narrenfigur aus dem schwäbisch-alemannischen Raum, wie etwa der Weingartner „Schösslesnarr“ oder der „Heckaschlupfer“ aus Waldhausen, ist ein Gemeinschaftswerk von Reinhold Schäle und Jürgen Hohl, die seit vielen Jahren ein bewährtes Team voll künstlerischer Kreativität bilden.


200 Masken jährlich
1980 verlegt Schäle seine Werkstatt ins ländliche Gornhofen, einige Kilometer außerhalb Ravensburgs gelegen. Eine frühere Flaschnerei eignet sich ideal für seine Zwecke. Und er fühlt sich dort, wo man bei schönem Wetter bis runter zum Bodensee sieht, sehr wohl. Beschäftigte hat er fortan keine mehr, er arbeitet für sich, kann sich daher die Zeit nach eigenem Gutdünken einteilen und verlegt sich mehr und mehr aufs Maskenschnitzen. Heute mit seinen 72 Jahren arbeitet er immer noch für 86 Zünfte, immer noch kommen zwei bis drei neue Zünfte pro Jahr hinzu, obwohl, wie er meint, „die Landschaft bald gesättigt ist, da es überall Zünfte gibt“. Früher schnitzte er 300 bis 400 Masken pro Jahr, heute etwa 200. Sechs bis acht Stunden arbeitet er an einer Maske für gewöhnlich und manchmal, wenn es zeitlich eng wird, 12 bis 13 Stunden lang am Tag.


Lieber freundlich
Schäle verwendet für seine Masken im Gegensatz zu manch anderem Schnitzer meist kein Lindenholz, sondern vorwiegend das Holz der Weymouthskiefer, das besonders leicht ist, fast nicht arbeitet und sich folglich auch nicht verzieht, dafür aber sehr viel mehr Äste hat und somit auch mehr Verschnitt ergibt. Nach drei- bis vierjähriger Lagerung sind die etwa 6,5 Zentimeter starken Bohlen trocken und können verarbeitet werden. In der Regel werden zwei Bohlen zusammengeleimt und ein Stück Holz für die Nase noch separat angesetzt, bei der Rundummaske des Lindauer Mostkopfs jedoch sechs Lagen. Vorgearbeitet werden die Rohlinge mit der Kopierfräse, womit Schäle kein Problem hat, auch wenn mancher die Nase darüber rümpft. Denn anders, so meint er, käme eine Maske für die meisten, vor allem aber für die jungen Maskenträger viel zu teuer, erspart ihm die Fräse doch 80 Prozent der Handarbeit, und „erst was aus dem Rohling dann wird“, so Schäle, „ist das, was der Schnitzer in die Maske an Schöpferischem reinbringen und zum Ausdruck bringen kann, das eigentlich Gestalterische. Früher hat da ein Geselle drangestanden, der hat dem Meister die gleiche Arbeit abgenommen, die heute die Maschine macht.“ Ein Großteil der fertigen Masken werden von Reinhold Schäle auch gefasst (bemalt). Eigentlich schnitzt er lieber freundliche schöne Masken, doch „wenn ich an einer Maske bin, dann schnitz’ ich nicht meine Empfindung, die ich im Moment habe, hinein, das kann ich mir nicht leisten“, weshalb er es genießt, wenn er hin und wieder auch größere Freiheiten und somit die Möglichkeit hat, „ins Volle zu gehen und sich an der Maske ein bisschen zu verwirklichen“. Die fertige Maske wiegt zwischen 200 und 400 Gramm und kostet etwa 220 Euro.


Narrenspiel in der Werkstatt
Als 1993 der „Tatort“-Krimi „Bienzle und das Narrenspiel“ in Ravensburg gedreht wurde, kamen auch Schäles Werkstatt und seine Hände zu Filmehren. Der vermeintliche Mörder, ein Maskenschnitzer, gespielt von Robert Atzorn, brauchte natürlich auch eine Werkstatt. Für eine Filmsequenz von zwei Minuten hatten die Filmleute Schäles Werkstatt auserkoren. Sie kamen, bauten ihre technischen Installationen sowie Kulissen rund um die Werkstatt auf und blieben ganze drei Tage. Da Atzorn aber nicht wirklich schnitzen konnte, musste Reinhold Schäle mit seinen Schnitzerhänden vor der Kamera in die Bresche springen. Nicht gerade eine Stunt-Rolle, doch wer kann schon von sich sagen, dass seine Hände in einem „Tatort“ mitgespielt haben? Trotz seines Alters ist Schäle noch voller Schaffenskraft und will weitermachen, „solange es Spaß macht. Die Schnitzerei als solche ist mein Beruf und Hobby zugleich, ich bin also mit Leidenschaft dabei.“

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