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Manfred Merz, Villingen
Peter Haller

Manfred MerzManfred Merz, dieser Name steht in der südwestdeutschen Fasnacht für Maskenschnitzkunst in höchster Vollendung. 1928 in Villingen als Sprößling einer Künstlerfamilie geboren, wurde ihm das Talent in die Wiege gelegt. 1942 - 44 absolvierte er seine Lehre als Holzbildhauer und trat damit in die Fußstapfen seines Vaters Eugen Merz, aus dessen Bildhauerwerkstatt eine Vielzahl sakraler und profaner Kunstwerke stammen, so auch die Brunnenfiguren, die bis heute das Villinger Stadtbild zieren, darunter die Narrofigur, die am Brunnen in der Oberen Straße alljährlich zum Fasnetsauftakt am 6. Januar aufgestellt wird. Sein Onkel Karl Merz, der "Baarmaler", förderte und beeinflusste den Neffen in gestalterischer und zeichnerischer Hinsicht. Doch erst Schaffensdrang, Leidenschaft und Detailversessenheit haben Merz zu dem werden lassen, was er ist.

Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft vervollkommnete Manfred Merz in der väterlichen Werkstatt seine Fertigkeiten in der sakralen und profanen Kunst. Zu jener Zeit kam er auch erstmals so richtig mit der Villinger Fasnet in Berührung. Noch bevor er einen Wintermantel sein Eigen nennen konnte, hatte er jeden Pfennig für seinen sehnlichsten Wunsch, ein Narro-Häs, zusammengespart: "Da war ich ein verrückter Kerl", erinnert sich Merz schmunzelnd. Damals, 1948, lieh er sich eine alte Maske und ging erstmals ins Häs. Kurz darauf schnitzte er seine erste eigene Maske. Dies war der Grundstein für eine große Karriere als Maskenschnitzer, denn in der Folge erweiterte er das Schaffensgebiet seines Vaters, indem er sich sich zunehmend auf das Schnitzen von Villinger Masken (dort "Schemen" bzw. "Schemmen" genannt) verlegte, wo er heute in eine Reihe mit den großen Schnitzern vergangener Jahrhunderte gestellt wird. Die Villinger Maskentypen sind zwar festgelegt und bieten auf den ersten Blick eher wenig Raum für Variationen. Doch dieser Eindruck täuscht. Ein Kenner wie Manfred Merz vermag selbst in den glatten Narroschemen die Handschriften und Formensprache der alten Meister zu sehen, allen voran der legendäre Ölmüller Dominikus Ackermann (1779 - 1836), den sich Merz zum künstlerischen Vorbild genommen hat und mit dem er heute oft in einem Atemzug genannt wird. Noch weit mehr Gestaltungsmöglichkeiten als die vornehm-aristokratisch wirkenden Narroschemen bieten allerdings die "Murbili"- und "Surhebel"-Schemen. "Da steckt viel Individualität drin", so Merz, denn bei Letzteren handelt es sich oft um Originale, um Porträtmasken, die früher vorwiegend einen griesgrämigen oder drohend-dämonischen Gesichtsausdruck hatten, dem Merz den nicht weniger ausdrucksvollen pfiffig-schelmischen, allefänzigen oder spöttischen Surhebel mit versöhnlichen, manchmal fast gütigen Zügen zur Seite stellte. Diese entstehen aus der Erinnerung, gepaart mit künstlerischer Phantasie, oder aber Manfred Merz setzt sich an den Stammtisch und skizziert still und unbemerkt charakteristische Köpfe, meist ohne dass die dann trefflich dargestellten und karikierten Zeitgenossen etwas davon ahnen. "Vor mir kann keiner sicher sein, dass er nicht irgendwo verewigt wird", so Merz. Das weibliche Pendant zum Surhebel, das Altweibergesicht des Murbili oder Morbili, ist eine verschmitzte und doch charmant-freundliche, eine gewisse Altersweisheit ausstrahlende Scheme. Auch ihr hat Manfred Merz seinen eigenen künstlerischen Stempel aufgedrückt. 

Gerade bei diesen beiden Schementypen mit ihren vielgestaltigen Formen kann Merz' kreative Gestaltungsfreude voll zur Geltung kommen. Neben diesen überkommenen Schemen kreierte Merz 1949 erstmals eine neue anmutige Frauenscheme für die historische Altvillingerin mit Radhaube, die Begleiterin des Narros, die bis dahin eine billige und ausdruckslose Wachs- oder Pappmaschémaske trug, welche nach der Fasnacht meist aufgeweicht und nicht mehr zu tragen war. Neben den Villinger Schemen schnitzte Merz früher auch für die Zünfte in Triberg, Donaueschingen und Stetten am kalten Markt.

Merz versteht es, den Schemen Leben einzuhauchen, sie bestechen durch Ausdruckskraft, jede ist anders, ein Unikat, doch eines ist allen gemeinsam: die heitere Art. Und bei aller Bewunderung für den "Ölmüller" vernachlässigt er nie seinen eigenen Stil, und man merkt, dass hier einer am Werk ist, der die Fasnet liebt. Welch persönliches Verhältnis er zu seinen Schemen hat, zeigt auch die Tatsache, dass er jede Scheme, die irgendwann seine Werkstatt verlassen hat, auf Anhieb erkennt.

Villinger Schemen sind Sprechmasken, und nur sehr dünne Schemen mit resonierender Wandung verändern die Stimme so, dass die Anonymität beim "Strählen" gewahrt bleibt. "Strählen" nennt man in Villingen den Dialog des Narro mit seinem Gegenüber, dem dieser in humorvoll-spöttischer Weise den Spiegel vorhält oder die Leviten liest. "Man muss mit einer Scheme strählen können, sonst taugt sie nichts", lautet daher ein wichtiger Qualitätsmaßstab von Manfred Merz.

Wie die meisten Maskenschnitzer verarbeitet Merz ausschließlich weiches Lindenholz. Er kauft Stammholz, läßt es sägen und lagert es selbst für mindestens fünf Jahre. Zunächst wird auf einem Holzklotz von ca. 15 cm Stärke das Oval der Gesichtsform aufgezeichnet, dann ausgesägt. Schließlich werden die äußeren Konturen herausgearbeitet, bevor die Maske innen ausgehöhlt wird, so dass nur noch 4 - 5 mm Wandstärke bei einem Gewicht von lediglich etwa 200 g übrig bleiben. Vom Verleimen zweier Schichten, wie es andere Schnitzer teilweise tun, hält er nichts: auch die früheren Schnitzer haben das nicht getan, und deren Schemen haben viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte überdauert, ohne jemals zu reißen, so argumentiert Merz. Und schließlich fasst, also bemalt er seine Schemen auch selbst, eine äußerst diffizile Arbeit, die große Erfahrung und feines Kunstempfinden erfordert. Auf drei hauchdünne Grundierungen, die jeweils geschliffen werden, folgt die Fassung, die nach der Trocknung zum Schutz mit einem dünnen farblosen Lack überzogen wird. Er signiert seine Schemen innen und versieht sie außen mit seinem Malerzeichen. Etwa 50 Stunden arbeitet Manfred Merz an einer Scheme. Ein Vielschnitzer war er noch nie, denn "Mittelmaß ist mir zuwider. Ich bin sehr selbstkritisch. Bevor eine Arbeit nicht so ist, wie ich sie mir vorstelle, verlässt sie nicht die Werkstatt. Eine schlechte Arbeit unter tausend guten verdirbt den ganzen Namen."

Nachdenklich blickt Merz, der sich der Villinger Fasnetstradition zutiefst verpflichtet fühlt, daher auf die immer größer werdende Zahl von Hästrägern, die schließlich alle mit Schemen versorgt sein wollen. "Quantität ist nicht Qualität. Noch in den 60er Jahren waren bei den Umzügen mindestens 15 bis 20 echte "Ölmüller" dabei, heute leider kein einziger mehr." Schemen, die andere Schnitzer oder auch Amateure von Hand fertigen und die nicht unbedingt seinen eigenen Qualitätsmaßstäben entsprechen, sind für den engagierten Wächter des Brauchtums nicht das entscheidende Problem. "Schwache Schemen gab es auch früher schon, selbst von großen Schnitzern". Doch kopiergefräste, also anhand eines handgefertigten Originals nachgemachte "seelenlose" Schemen, die in großen Stückzahlen auf den Markt geworfen werden, seien nicht zu akzeptieren, da damit das geistige und künstlerische Eigentum des Herstellers des Originals schamlos gestohlen werde und dies das Ende eines jahrhundertealten Brauchtums bedeute, denn "jedes Stück muss ein Original sein, das den Respekt vor unserer Fasnet ausdrückt", so lautet Merz' Wahlspruch seit nunmehr über 50 Jahren. Und wenn Merz mal "kopiert", dann nur mit den Augen; er überträgt frei das Beste aus verschiedenen Vorlagen und kreiert daraus ein neues Original.

Und doch ist die Fasnet nach Meinung von Manfred Merz keine statische Angelegenheit, bei der nichts verändert werden könne oder dürfe, so wie auch die Schemen der historischen Villinger Narrenfiguren im Laufe der Zeit stilistische Veränderungen erfahren haben. Neue Akzente hätten in den vergangenen Jahrzehnten auch in Villingen zahlreiche junge Gruppen und Zünfte gesetzt. "Alles im Leben entwickelt sich weiter, auch die Fasnacht. Das muss man akzeptieren." Er wünscht jedoch Respekt gegenüber jenen, die sich wie er dem Erhalt des Brauchtums und damit der ursprünglichen, historischen Form der Villinger Fasnet verschrieben haben.

 Seit 1948 gehört Manfred Merz der Historischen Narrozunft Villingen an und war maßgeblich an der Entstehung des seit 1950 durchgeführten Narro- und Mäschgerle-Abends beteiligt. Ab 1954 war er 44 Jahre lang Ratsherr der Narro-Zunft mit wechselnden Funktionen und hat auch heute noch als Ehrenratsherr und einer der besten Kenner der Villinger Fasnet bei vielen Entscheidungen ein gewichtiges Wort mitzureden.

Merz erkannte schon früh, wie wertvoll die alten Villinger Schemen sind, welche Verpflichtung daraus erwächst. So widmete er sich neben seiner Arbeit zunehmend der kunstgeschichtlich-vergleichenden Forschung. Der Stilvergleich alter Schemen mit signierten und datierten Werken der Sakralkunst erlaubte die Zuweisung alter Schemen zu bestimmten Bildhauern. Dicke Aktenordner und eine riesige Zahl selbst aufgenommener Fotos dokumentieren nachdrücklich und sichtbar zugleich die immense, akribische Arbeit, die er auf diesem Gebiet geleistet hat. Aber sein Interesse gilt nicht nur den Schemen, auch mit der Häsmalerei, den Trachtenhauben und dem Rollengießen sowie einer Vielzahl weiterer fasnächtlicher Aspekte setzt er sich intensiv auseinander. So ist es nicht verwunderlich, dass profunde Kenner der schwäbisch-alemannischen Fasnet, Brauchtumsforscher und Kunsthistoriker gerne bei ihm einkehren und er immer wieder zu Vortragsveranstaltungen eingeladen wird.

Merz-Schemen sind nicht nur bei den Villingern begehrt, sie finden Beachtung und Bewunderung weit über die Region hinaus und sind sogar im Ausland, so beispielsweise im "Musée International du Carnaval et du Masque" in Binche (Belgien), anzutreffen. Neue Aufträge kann Manfred Merz heute nicht mehr annehmen, obwohl viele gerne eine "Merze-Scheme" haben wollen. Gesundheitliche Gründe zwingen ihn dazu, kurz zu treten. Er ist immer noch dabei, alte Aufträge abzuarbeiten, und stellt heute nur noch 4 - 5 Schemen pro Jahr her, die deutlich über 1000 Euro pro Stück kosten.

Veröffentlicht in "Narri-Narro" 2/2002
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