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Schnupftuch, Schweißtuch, Sacktuch, Foulard

Das Ziertuch als Standesnachweis
Begonnen hat die Sache mit dem Ziertuch, wie so vieles, im alten Rom. Dort benützte man ein kleines Tuch zum Abwischen des Gesichtes. Es  hieß "sudarium", also Schweißtuch. Sich darin die Nase zu putzen, hätte gegen grundlegende Benimmregeln verstoßen. Cäsar, so wird berichtet, entfremdete mitunter seine Toga ihres ursprünglichen Zweckes.

Im Mittelalter übernahm das Ziertuch eine neue Rolle. Es wurde zum Pfand der Liebe, Treue oder Tapferkeit. Nicht jede Geschichte rund um  das Tuchpfand steuerte gleich auf eine Tragödie antiken Ausmaßes zu. Dennoch ist vorstellbar, dass manch Tuch, das eine höfische Jungfer an  die Turnierlanze ihres Favoriten band, einen recht unhöfischen Minnestreit entfachte.

Das Fazzoletto der Renaissance und des Barockzeitalters machte auch im übrigen Europa Furore. Ein prunkvolles Modezubehör, ein Standesnachweis. Eine Kleiderordnung aus dem Jahre 1595 untersagte den unteren Ständen dezi-diert das Tragen solcher Ziertücher. Bald schmückte man sich in Deutschland mit einem "Facelet" oder "Facilettlein", in Spanien mit einem "Pañuelo", und in  Frankreich mit einer  "Pochette" (von poche, Tasche). Vielleicht hielt man es auch vornehm vor die Nase, als Abwehr gegen das strenge  Aroma der damaligen Städte. Primär aber hatte das Ziertuch Signalcharakter. Man stickte Monogramme oder ganze Namen ein. Auch als  Neujahrs- oder Taufgeschenk war es beliebt.In weiterer Folge kam das Ziertuch auch als Werbeträger zu Ehren. Man druckte Porträts oder  Landkarten auf, auch Karikaturen bekannter Persönlichkeiten. Bei der Weltausstellung von 1904 in Saint Louis, USA, präsentierte man ein Exemplar mit dem Porträt des populären Präsidenten Theodore Roosevelt. Eine darunter abgebildete Schrifttafel erinnerte an das  hundertjährige Jubiläum des Ankaufs des Mississippi-Tales. Und Walter Benjamin vermerkte: "Ich habe mir den Plan von Paris gekauft,  abgedruckt auf einem Taschentuch." Das modische Kultobjekt sollte fortan auch als Souvenir Verbreitung finden.

Stecktuch im Paletot
Das Taschentuch bewahrte bis ins 19. Jahrhundert seine Funktion als Ziertuch und Statussymbol. Seine Farben und Formen wechselten, zur Empire-Mode schien Weiß die einzig denkbare Variante. Als modisches Zubehör lebt das Ziertuch im Stecktuch fort. Dieses hat seinen Platz  in der Brusttasche des Gehrocks oder Paletots. Es kam im Jahr 1867 in Mode, gemeinsam mit dem Sakko, welches an der linken Seite eine  Brusttasche hatte. Am Frack trug man das Stecktuch erst ab den 1930er Jahren. Das Tuch in der richtigen Farbe zu wählen und richtig zu  stecken, war – und ist – ein Ausweis des Stils. Es ist entweder weiß oder greift die Grundfarbe von Hemd oder Krawatte auf, nicht aber deren Muster.

Sacktuch – Schnupftuch
Durch die industrielle Revolution, die maschinelle Herstellung von Textilien und den massiven Preisverfall von Baumwolle hatte das Taschentuch massenhafte Verbreitung gefunden. Bürger und Bauer kauften es, im halben oder ganzen Dutzend, weiß oder bunt getupft. Erst diese "Sacktücher" wurden auch als Schnupftuch verwendet. Wohl gab es zuvor schon das "snuveldök" (holl.: Schnupftuch) und das französische mouchoir (das Wort leitet sich von lat. "muscus" = Nasenschleim ab, und nicht von "mouche" = Fliege; es diente also nicht der  Fliegenabwehr.) Diese Art von Gebrauchstuch aber stellte im vorindustriellen Europa noch eine Randerscheinung dar. Über Jahrhunderte hatte  man sich die Nase geputzt, indem man sich mit Daumen und Zeigefinger an die Nase fasste, oder ein Ende des Tischtuchs zu Hilfe nahm.

Quelle: Ingeborg Waldinger - Das Taschentuch,  in: "Wiener Journal" Nr. 27, 6. November 2004
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