Geschichte Bräuche Orte Figuren Hintergrund Glossar Termine Herstellung Gedanken Zeitschrift Forum Links

Narrenutensilien und Narrenattribute
Peter Haller

Vielerlei Utensilien tragen die Narren so mit sich herum. Dem Einfallsreichtum sind hier kaum Grenzen gesetzt, doch sollen hier nur die gängigsten, meist traditionellen aufgeführt werden. Arm ist jedoch der Narr, dem nichts in die Hand gegeben ist.

Wolfacher Hansel mit SaubloterDa gibt es zunächst einmal als Schlaginstrument die Schweinsblase "Saubloder", die an einem Holzstecken oder Farrenschwanz (Penis eines jungen Stiers) befestigt ist. Die vor der Fastenzeit reichlich anfallenden Schweinsblasen boten sich für diese Zweckentfremdung geradezu an. Mit ihnen schlägt der Narr (z.B. der Elzacher Schuttig) nach den am Rande stehenden Zuschauern, vorzugsweise natürlich den Mädchen, ohne diesen allerdings wirklich weh zu tun. Dabei wird er sich in erster Linie am Gekreische der Be(Ge)troffenen erfreuen und wohl kaum an die Interpretationen denken, die es natürlich auch für die Schweinsblase gibt: sie gilt als Symbol für die Fleischlichkeit, das Schlagen als symbolischer Akt der Fruchtbarmachung oder die "leere Hülle" als Sinnbild für die Vergänglichkeit alles Irdischen bzw. als Abbild des Narren selbst (franz. "fou" und engl. "fool" = "Narr" abgeleitet von lat. "follis" = "leerer Sack").

Ein weiteres, heute eher seltenes Schlaginstrument ist die "Narrenpritsche" als scherzhaftes Züchtigungsgerät, bestehend aus vier bis fünf dünnen Brettern mit einem Handgriff, das sich möglicherweise aus dem mittelalterlichen Narrensymbol des "Kolbens", dem Vorläufer der "Marotte" (s.u.), entwickelt hat.

Die sogenannte "Narrenwurst", ein 40 bis 50 cm langer, gefüllter Lederschlauch, der z.B. noch von den Weißnarren in Rottweil in der Hand getragen wird, kennzeichnet den Narren als jemand, der am Fleisch orientiert ist, was sich sowohl auf seine Verfressenheit als auch seine sexuelle Begierde (die Narrenwurst als Phallussysmbol) beziehen läßt. Mit der Narrenwurst wird dem am Rande stehenden Zuschauer vom Narren angezeigt, daß er ihn für eine Gabe wie Brezel, Gutsle (Bonbon), Orange aus seinem "Auswerfkorb" oder seiner "Schnupfdose" auserkoren hat, ihn also "schnupfen" (Lokalsprache u.a. in Rottweil, Oberndorf, Villingen = etwas Süßes, die "Schnupfede", zu sich nehmen) lassen will oder ihm etwas "aufsagen" möchte. Der Narr kann auch durch einen leichten Schlag mit der Narrenwurst auf die Schulter seines Gegenüber in seinen Bann ziehen.

Bis zu 30 Brezeln können von sehr gebefreudigen Narren auf Brezelstangen1) getragen werden. Hier ist insbesondere der Oberndorfer Narro zu nennen. Der Oberndorfer Schantle hängt manchmal eine Wurst an einen Stecken mit Schnur, um den auserwählten Zuschauer danach schnappen zu lassen (Wurstschnappen), während der Rottweiler Schantle und der Oberndorfer Hansel Zierschirm und Auswerfkorb tragen.

Rottweiler "Gschell" mit Schellen, Fuchsschwänzen, Aufsagebuch, Schnupfdose und AuswurfkorbGroße Bedeutung kommt in der Fasnacht der Schelle oder Glocke (die genau genommen meist "Rollen" sind) zu. Mezger führt die Narrenschelle auf folgendes Pauluswort (1 Korinther 13,1) zurück: "Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich wie ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle", da man dem Narren Selbstverliebtheit und von daher fehlende Nächstenliebe nachsagte. Die Erklärung für die maßlos übersteigerten Formen der Schellenausstattung findet man wohl darin, dass nach der alten Leseordnung der katholischen Kirche, die bis zum 2. Vatikanischen Konzil galt, fast ein Jahrtausend lang stets für die Messe des Fastnachtssonntags exakt die zitierte Paulus-Stelle aus dem Korintherbrief als Epistel (Bezeichnung der Apostelbriefe im NT) vorgeschrieben war. Insbesondere beim Weißnarren bilden meist mehrere Schellenriemen, die auf Brust und Rücken über Kreuz getragen werden und 30 bis 60 Pfund wiegen können, das sogenannte "Gschell". Besonders beeindruckend ist es, wenn die Schellen im Rhythmus des Narrenmarsches alle gleichzeitig erklingen.

Bajass aus Waldkirch mit Klepperle und Eselsohrenkappe
Daneben gibt es eine ganze Reihe anderer Lärminstrumente wie die Karbatsche, eine bis zu 4,50 m Meter lange, aus Hanf verjüngend geflochtene, kurzstielige Peitsche, mit der z.B. der Überlinger Hänsele "schnellt" (knallt), oder die Rätsche (auch Ratsche), die - je nach Größe - mit einer oder beiden Händen so geschwungen wird, dass Holzlamellen über ein in Verlängerung des Handgriffs angebrachtes Holzzahnrad gleiten und auf diese Weise vor allem bei den größeren Ausführungen einen geradezu höllischen Lärm erzeugen, der kaum mehr zu überbieten ist, wenn dann gar eine Riesenrätsche auf zwei Rädern wie ein Schubkarren dahergeschoben wird. In anderer Funktion finden Rätschen außerhalb der Fasnacht auch heute noch beispielsweise in katholischen Gemeinden in Oberschwaben Verwendung, wenn mit ihnen von Gründonnerstag bis zur Osternacht anstelle der an diesen Tagen schweigenden Kirchenglocken zum Gottesdienst gerufen wird. In Radolfzell, Waldkirch, Gengenbach und Haslach kommen über die Fasnachtstage die "Klepperle" oder "Kläpperle", zwei Hartholzplättchen, die nach Art der spanischen Kastagnetten gegeneinandergeschlagen werden, beidhändig zum Einsatz. Es finden Kinderwettbewerbe um den Titel des "Klepperles-König" statt; gekleppert wird aber auch zu Narrensprüchen beim Heischegang. Allen närrischen Lärminstrumenten wird derselbe Hintergrund wie den Schellen zugeschrieben.

Ein weiteres bedeutendes Narrensymbol ist der Fuchsschwanz, der irrtümlicherweise meist als Zeichen der Schläue gedeutet wird, dabei belegen schon Bilder aus dem Mittelalter, dass Narren und Krüppel, also die Außenseiter der Gesellschaft, die als Heiden angesehen wurden, da sie ja aufgrund ihrer geistigen bzw. körperlichen Defekte keinesfalls ein Ebenbild Gottes sein konnten, als Kennzeichen Fuchsschwänze (und Schellen) trugen. Ferner war der Fuchs, wie bereits oben erwähnt, zu jener Zeit vielmehr ein Sinnbild für die Falschheit, Boshaftigkeit und Verschlagenheit.

Dass zu jeder Hexe ein Hexenbesen gehört, auf dem sie nach altem Volksglauben in der "Walpurgisnacht" reitet, braucht man eigentlich nicht mehr zu erwähnen. Beim Umzug treiben die neckischen Hexen damit vielerlei Unfug, wirbeln Staub auf, lassen so manches hübsche Mädchen darauf reiten oder stemmen damit gemeinsam eine "Mithexe" in die Höhe.

Villinger Stachi mit Streckschere
Mit der Streckschere, einem Neckinstrument, das einem Gitter für Rankpflanzen ähnelt und meist mehrere Meter weit ausgefahren werden kann, kann der Narr aus sicherer Entfernung nach den Beinen und Hüten der Zuschauer greifen und allerlei Schabernack machen. Sie soll auf die "Commedia dell' arte" zurückgehen.

Der Spiegel des Narren galt im Mittelalter als Zeichen der Selbstverliebtheit des Narren, seiner Eitelkeit, seines Stolzes, seiner Ignoranz gegenüber Gott, aber auch als Mittel der Selbsterkenntnis der eigenen Torheit und Hinfälligkeit, womit zugleich der Sinnzusammenhang zwischen Narrheit und Vergänglichkeit verdeutlicht wird. Der Narr hält einer Welt voller Narren den Spiegel vor, damit sie darin ihre Verkehrtheit erkenne.

Das weiße oder bunte, oft überdimensionale Schnupftuch, Schweißtuch, Sacktuch  oder Foulard (= Seidentuch) wird, ebenso wie die Halskrause2), insbesondere von alten (barocken) Narrengestalten als textiler Zierat getragen, die damit ihre Putzsucht zur Schau stellen, wobei das bunte Tuch auch der Erkennung dienen kann, damit beispielsweise das Baaremer "Gretle" ihren "Hansel" leichter unter den anderen herausfindet. Das weiße Sacktuch heißt aber bezeichnenderweise auch "Unschuld" und soll auf den ursprünglichen Sinn des durch die Sünden befleckten Taufkleides, das "Flecklehäs", hinweisen.

In einigen Orten wie beispielsweise in Rottweil, in denen der Brauch des Aufsagens noch gepflegt wird, führen bestimmte Narrengestalten auch noch sogenannte Aufsagebücher oder Narrenbücher mit sich, aus denen sie ihren Mitbürgern anhand von Bildern lokale Begebenheiten aus dem vergangenen Jahr vortragen, wie z.B. vom Bürgermeister, der nächtens - vermutlich alkoholisiert - gegen einen Laternenpfahl gefahren ist und diesen dann am nächsten Morgen schnellstens reparieren ließ, damit ja keiner was merkt.

Wie bereits erwähnt, wird nur noch von einigen wenigen Fasnachtsgestalten die bereits im Mittelalter als Symbol der Narrheit und Teufelsnähe bekannte Eselsohrenkappe getragen.

Ebenfalls selten begegnet man heute der Marotte, dem Narrenzepter, an dessen oberem Ende sich das hölzerne Ebenbild des Trägers befindet, wodurch die Selbstverliebtheit des Narren und somit fehlende Liebe zu Gott und zum Nächsten versinnbildlicht wird. Sie wird heute fast nur noch vom unmaskierten Zunftmeister oder Narrenrat mit dem Abbild der Zunftmaske beim Umzug mitgeführt. Vorläufer der Marotte war der "Narrenkolben", mit dem die niedrige Entwicklungsstufe des Narren in Psalterillustrationen dargestellt werden sollte. 

Schließlich ist auch der Narrensäbel, der als Zeichen des Rügerechts angesehen wird, heute ein eher selten anzutreffendes Utensil.


1) Die ursprünglich von Mönchen kreierte Brezel ist ein Gebildbrot und symbolisiert zum Beten verschränkte Arme (von lat. 'bracellum' = Ärmchen) . Die Brezel war  ursprünglich ein Fastengebäck. So endete z.B. das Brezelbacken am Gründonnerstag und die "Brezelbuben" (Lehrlinge) wurden auf einer Reitstange durch den Markt zur Rossschwemme getragen und ins Wasser geworfen. In früheren Zeiten war der "Brezelbäck" mit seiner langen Stange voller Brezeln bzw. seinem Brezelkorb ein typischer Straßenverkäufer. Die Brezel ist auch Symbol des Bäckerhandwerks. 
2) Hiermit wird die ab Mitte des 16. Jh.durch das spanische Hofzeremoniell über ganz Europa verbreitete Halskrause, die  für "Herrschaften von Stand" als obligatorisch galt und besonders lang bei Amtstrachten gebräuchlich war, parodiert. Bis in die 1580er Jahre hinein hatte sich die Halskrause so vergrößert, dass sie zu einem selbstständigen Bestandteil der Tracht wurde und sich vollständig vom Hemdkragen löste. Zunächst wurde die Steifheit der Krausen durch den Einsatz von Brenneisen und Stärke erreicht, doch nahm ihr Umfang schließlich derart zu, daß die Unterstützung von Drahtgestellen notwendig wurde, um sie in Form zu halten. Der Kopf saß durch dieses wagenradähnliche Gebilde wie eine losgelöste Krone auf dem Körper und schien vollkommen von ihm abgetrennt. Diese Art der Präsentation sollte die Würde der Person effektvoll unterstreichen und die beständige Kontrolle über den sündenanfälligen Körper symbolisieren. In den Hansestädten Hamburg und Lübeck gehört die Halskrause bis zum heutigen Tag zur Amtstracht des Pastors / der Pastorin.

© 2000 NarrenSpiegel, zuletzt aktualisiert 2/2004
Impressum