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Umgekehrte Welt

Narren des Mittelalters
Wer war ein Narr, wer definierte diesen Begriff im Mittelalter als die Fastnachtsbräuche entstanden? Die Kirche oder das "gesunde Volksempfinden"? Wohl beide.
Ein Narr im religiösen Sinn war Teil der Gegenwelt , er hatte sich von Gott abgewandt, war unbußfertig. Er diente der "Frau Welt", deren Antlitz und Gestalt verlockend waren, deren Körper aber von Fäulnis gezeichnet war, wie mittelalterliche Darstellungen verraten. Der Narr lief den Engeln des Bösen nach, den "Scheinboten". Sie wurden mit den sieben Todsünden gleichgesetzt: Geiz, Neid, Hoffart, Völlerei, Wollust, Zorn, Trägheit. Natürlich mußte ein Sünder für derlei Laster im Jenseits drakonische Strafen erwarten. Fresken und Skulpturen in den Kathedralen des Mittelalters illustrierten den leseunkundigen Gläubigen diese Höllenqualen geradezu mit Lust am Entsetzlichen. In einer Zeit der Wundergläubigkeit, der Mystik, der Prophetie und des Aberglaubens war es leicht, Naturkatastrophen, Mißernten, Kriege und Seuchen bereits als irdische Strafen für die Sündhaftigkeit der Menschen darzustellen. Kein Wunder, daß dieselben Menschen eifrig nach den Verursachern solcher Heimsuchungen Ausschau hielten.

" Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn."

In der Mißdeutung dieses Pauluszitats wurde Sünde mit Tod gleichgesetzt . War es für das "gesunde Volksempfinden" da nicht naheliegend, daß lasterhafte Menschen bereits zu Lebzeiten ein Todeszeichen trugen? So konnten Menschen mit körperlichen oder geistigen Gebrechen schnell zu den Sündern, den von Gott abgewandten Narren gerechnet werden. Besonders gut paßten Andersgläubige in dieses Feindbild, vor allem die Juden. Sie galten in ihrer "Verstocktheit" als Narren die sich nicht bekehren ließen. Über Narren durfte man doch lachen! Wenn Volk und Obrigkeit das Bedürfnis nach derber Unterhaltung verspürten, so auch in der Fastnacht, mußten oft genug Juden dazu herhalten. Aus dem römischen Karneval ist ein Brauch überliefert, der das deutlich macht: Im 15. Jahrhundert ordnete Papst Paul II. Wettläufe der Juden an, was dem Pöbel Gelegenheit bot, sie mit Steinen oder Kot zu bewerfen. Erst etwa hundert Jahre später schaffte Papst Klemens IX. diesen entwürdigenden Brauch wieder ab. Zu den Narren zählten auch Menschen, die in Aussehen oder Kleidung nicht der Norm entsprachen, z. B. Schwarze, Muslime oder Asiaten sowie Außenseiter der Gesellschaft ohne festen Wohnsitz: Zigeuner, Gaukler, Schausteller, Komödianten.


Die sechs "fetten" Tage
Die Fastnacht als christliches Fest zu verstehen, fällt in einer weitgehend säkularisierten Zeit schwer. Im Mittelalter jedoch bildete die Fastnacht zunächst als Einzeltermin, die scharfe Trennungslinie zum Beginn der Fastenzeit, in der Enthaltsamkeit in allen Bereichen geboten war. So wurden an diesem Tag noch Rechtsgeschäfte abgeschlossen, was während der Fastenzeit nicht zulässig war. Die Fastnacht war somit auch Termin für Steuern oder Gesindewechsel.
Für den kalendarischen Termin der Fastnacht waren die vierzig Tage der Fastenzeit, von Ostern rückwärts- und die Sonntage mitgerechnet, zunächst maßgeblich. Damit begann die Fastenzeit am Dienstag nach Invocavit, dem heutigen ersten Fastensonntag. Als nach dem Konzil von Benevent 1091 die Sonntage wegen des Gedenkens der Auferstehung Jesu vom Fastengebot ausgenommen wurden, zählte man die vierzig Tage also ohne Sonntag zurück, wodurch der Beginn der Fastenzeit auf einen entsprechend früheren Termin rückte, und zwar auf den (Ascher-)Mittwoch vor dem heutigen ersten Fastensonntag. Jahrhunderte lang bestanden beide Termine nebeneinander, so daß an manchen Orten noch Fastnachtstrubel herrschte, während anderswo schon die Fastenzeit begonnen hatte. Die Baseler Fastnacht zum Beispiel hält noch heute am alten Termin fest.
Für die Ausdehnung der Fastnacht auf sechs volle Tage werden von der Wissenschaft theologische Gründe angenommen, zum Beispiel das Verständnis der Fastnacht als närrisches Gegenstück zu den sechs Schöpfungstagen.
Die närrische Zeit beginnt mit dem Donnerstag, an dem früher vor allem fette Speisen gegessen wurden. Daher rühren die regional unterschiedlichen
Bezeichnungen "fetter", "feister" oder "schmutziger" (schwäbisch-alemannisch: "Schmotz" = Fett) Donnerstag, den man mancherorts auch mit einem Schlachtfest feiert. In Oberbayern heißt er unsinniger, im Schwäbischen auch gumpiger Donnerstag ("gumpen" bedeutet soviel wie hüpfen oder springen), denn nun wird die Welt auf den Kopf gestellt: Frauen übernehmen die Herrschaft in der Weiberfastnacht, Rathäuser werden gestürmt oder Narrenbäume aufgestellt.
Für den Freitag ist wenig Brauchtum überliefert, denn als ständiger Gedenktag an das Leiden Christi war er vom Narrentreiben ausgenommen. "Rußiger Freitag" heißt er nur dort, wo man versucht, anderen Leuten das Gesicht zu schwärzen.

"Ich hab zur Fasnacht Euch hierher geladen, daß Ihr Euch Krapfen holt und Fladen, und heut mit mir wollt Fasnacht halten, dem Brauche nach, dem guten alten."

So dichtete der Nürnberger Poet Hans Sachs im Jahr 1540.

Weil am Faschingssamstag die Küachl und Krapfen im schwimmenden Fett gebacken werden, heißt er im Schwäbischen "schmalziger" Samstag.
Der Name "Küchlessonntag" deutet wiederum auf das übliche Schmalzgebäck, früher nannte man den Tag auch Herren-, Pfaffen- oder Priesterfastnacht.

Der große Tag der Umzüge war der Montag. Die Bezeichnung "Rosenmontag" bürgerte sich erst um 1830 vor allem im Rheinland ein. Dietz Rüdiger Moser, der Verfasser eines umfangreichen Werks über Ursprünge und Ausformungen der Fastnacht, leitet den Namen nicht von dem Wort "rasen" in der Bedeutung von "herumtoben" ab, wie vielfach gedeutet wurde, sondern von folgendem Zusammenhang:
Der Fastensonntag Laetare, der 3. Sonntag vor Ostern, hieß einem päpstlichen Brauch zufolge seit dem 11. Jahrhundert allgemein Rosensonntag.

Am Montag darauf pflegte Anfang des vorigen Jahrhunderts das Kölner Karnevalskomitee seine Generalversammlung als "Rosenmontagsgesellschaft" abzuhalten. Da das Komitee auch die Karnevalsumzüge organisierte, übertrug sich der Begriff "Rosenmontag" auf den Tag des Umzugs, der nun mit dem Montag nach Laetare nur noch indirekt zu tun hatte.

Der Dienstag, früher "Narrenfastnacht" oder "Laienfastnacht" genannt, wurde auch als "rechte" Fastnacht zur Unterscheidung von der "falschen" nach der alten Berechnung bezeichnet. Der Tag diente zum Ausklang der Fastnacht. Noch heute werden an vielen Orten entsprechende Rituale vollzogen: durch Verbrennen von Stoff- und Strohpuppen, die die Fastnacht verkörpern, oder die Beisetzung des Popanz oder seiner Überreste mit lautem Gejammer. Doch um Mitternacht ist der Spuk vorüber. Anderntags empfangen viele Menschen das Aschenkreuz als Zeichen der Buße und der Vergänglichkeit.


Vom Einbruch der Reformation bis zum Ende des 18. Jahrhunderts
Mit dem Einbruch der Reformation wurden die Fastnachtsbräuche in den betroffenen Gebieten zurückgedrängt und schließlich systematisch ausgerottet. In Nürnberg hatten sich die Reformatoren 1525 durchgesetzt und den Schembartlauf im selben Jahr zum Erliegen gebracht. Eine konfessionspolitisch begründete Neuinszenierung versetzte 1539 sogar Martin Luther in Wittenberg in heftigen Zorn. Er hat den Schembartlauf als höchst unfrommes Schauspiel scharf verurteilt. Die ablehnende Haltung der Reformatoren gegenüber den überlieferten Fastnachtsbräuchen resultierte aus der Aufhebung des Fastengebots. Das Fasten wurde den Werken zugerechnet, deren Notwendigkeit zur Heilserlangung Luther bestritt.

Sola fide - allein durch den Glauben sollten die Christen der Gnade Gottes teilhaftig werden. Damit entfiel aber die Voraussetzung für die Abhaltung fastnächtlicher Narreteien - sie wurden grundlos und schädlich. Einzelne Elemente der Brauchkultur gingen in der Folge zwar in die Gestaltung öffentlicher Feiern ein - Turnier- und Tanzveranstaltungen, deren Wurzeln in die spätmittelalterliche Fastnacht reichten, wurden auch weiterhin geübt. Doch eigene Vorfasten- oder Fastnachtsfeiern sind in den reformierten Landesteilen untergegangen. Bis heute begegnet die evangelische Bevölkerung solchen Bräuchen höchst distanziert.

Neuerlichen Aufschwung erfuhr die Fastnachtskultur mit der Ausbreitung der Gegenreformation. In der zweiten Hälfte des 16. und im 17. Jahrhundert war es in vielen Klöstern und katholischen Gymnasien gebräuchlich, Fastnachtsessen auszurichten und besondere Theaterspiele zu inszenieren. Überlieferte Titel wie "König Nebukadnezar" oder "Kampf der Fastnacht mit der Fastenzeit", von denen ungezählte Varianten belegt sind, erweisen die Kontinuität der gedanklichen Struktur dieser Festzeit.

Ende des 16. Jahrhunderts waren Fastnachts-Königreiche besonders beliebt. In dieser Zeit kamen in vielen Universitätsstädten, insbesondere des bayerisch-österreichischen Raums, sogenannte Faschings-Schlittenfahrten auf. Da zogen die Studenten der theologischen und philosophischen Fakultäten mit Schlittengespannen durch die Städte. Auf diesen Schlitten waren, etwa dem Nürnberger Beispiel vergleichbar, bestimmte Szenen und Motive errichtet, die nach damaligem Verständnis die "verkehrte Welt" charakterisierten. Die Stoffe gingen zwar weit über das Niveau spätmittelalterlicher Allegorien hinaus und betrafen auch antike Figuren und Vorstellungen, Zeitkritisches und Satiren, aber sie spiegelten in jedem Fall solche Themen, die sich mit den gedanklichen Prinzipien der Fastnacht vereinbaren ließen. Solche Schlittenumzüge umfaßten oft mehr als 100 Gespanne. Mit den Brauchverboten der Aufklärerfürsten wurden die Fastnachtsfeiern dann erneut zurückgedrängt.

Vielerorts nahmen sich aber die Klosterinsassen der Franziskaner und Benediktiner des überlieferten Brauchs an und organisierten eigene Umzüge, die etwa die "Torheit des Fleisches" demonstrierten. Im 18. Jahrhundert waren unter den Ordensangehörigen besondere Festessen und gegenseitige Fastnachtsbesuche, aber auch Bewirtungen der Bevölkerung gebräuchlich.

© Bayerischer Rundfunk 1998

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