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Der Narren Kirchweih
Die sündige "Faßnacht" vor 500 Jahren

"Von einem Haus zum anderen laufen, viel Völlerei ohn' Geld sich kaufen, das Ding währt oft bis Mitternacht: Der Teufel hat solch Spiel erdacht!" Diese barschen Worte finden sich im Kapitel "Von Faßnachtsnarren" der vor 500 Jahren von Sebastian Brant geschriebenen Sittenkritik "Das Narrenschiff". Hätte es schon Besteller-Listen gegeben, das "Narrenschiff" des 1458 in Straßburg als Sohn eines Gastwirts geborenen Sebastian Brant wäre über 150 Jahre lang auf dem Spitzenrang dieser Verkaufs-Skalen zu finden gewesen. Gutenbergs epochale Erfindung, der Buchdruck mit beweglichen Lettern, war erst seit knapp 50 Jahren praxiserprobt, als der an der Universität zu Basel lehrende Doktor Sebastian Brant "als frühester deutscher Publizist" mit dem "Narrenschiff" einen schriftstellerischen "Coup" landete, dessen publikumswirksame Breitenwirkung erst wieder einige Jahrhunderte später mit Goethes "Werther" ähnliche Dimensionen erreichte. Die technischen Möglichkeiten der "Neuen Zeit" und den entsprechenden "Literaturhunger" nutzte Sebastian Brant, um alte Werte weiträumig und volksnah wieder in Erinnerung zu rufen. Im 1494 zu Basel erstmals gedruckten und in wenigen Jahren über Europa verbreiteten "Narrenschiff" beschäftigt sich der Autor mit der Vielfältigkeit der menschlichen Laster, Unzulänglichkeiten und Gebrechen.

Brant wollte mit diesem Buch den ernsthaften Versuch unternehmen, "das aus den Fugen gehende Volksleben durch die Satire wieder ins Lot zu bringen und in den christlichen Glauben zurückzuführen". Der Mensch als geistig blinder Narr im Sumpf der Hauptsünden jener Zeit - Wollust, Geiz, Hochmut, Völlerei, Neid, Zorn, Trägheit. Mit dem Ernst des "christlichen Sittenrichters" und dem "Spott des gebildeten Humanisten" beschäftigte sich Sebastian Braut in 113 Kapiteln mit den drastischen Folgen für jene Menschen, die den sieben Hauptsünden und deren zahlreichen "Tochtersünden" nicht auswichen. Auf die der Moral besonders abträgliche Zeit der "Faßnacht" hat der Autor - verdeutlicht schon durch den Aufbau und die Titelgebung des Buches -ein besonders kritisches Augenmerk gelegt:

"Der Narren Kirchweih ist bekannt. Jawohl, Fast-Nacht wird sie genannt! Man läuft mit Lärmen auf den Gassen im Schmutz als sollt man Immen (Bienen) fassen, und wer dann ist unsinnig ganz, der meint, ihm schulde man den Kranz. Mancher vergißt sich so im Fressen, als sollt er ein ganzes Jahr nichts essen, und sein Verlangen ist nicht gestillt, wenn bis zur Meßzeit er sich füllt. Verbotne Speis schafft ihm Behagen, man ißt sie, bis man sieht es tagen. Ich kann in Wahrheit das wohl sagen, daß weder Juden, Heiden und Tataren im Glauben schändlich so verfahren wie wir, die wir uns Christen nennen und wenige mit Werken dazu bekennen."

Wo getanzt, gespielt, gesungen und geliebt wurde, war auch der Teufel nicht weit. Im Verständnis der Menschen vor 500 Jahren war es also naheliegend, daß gerade die "Faß(t)nacht" für Luzifer und seine teuflischen Mitarbeiter als Hochsaison der "Seelenfängerei" galt. Für den tiefgläubigen und ernsten Sebastian Brant war klar, "daß der Teufel solch Spiel hat erdacht!"

Das Christentum hatte seit jeher ein schwieriges Verhältnis zu diesen "tollen Tagen" vor der Fastenzeit.... In der närrischen Zeit, der "Zeit zwischen der Zeit", tat und sagte man Dinge, worüber man sich im Alltag geschämt hätte. In den beliebten Faßnachtspielen wurde zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert um das Thema Erotik kein Bogen gemacht. In volkstümlichen Schwänken spielte man oft und gerne auf die Unzucht an. Spottverse in der folgenden Art fanden den ungeteilten Beifall des Publikums: "Das junge Weib hat einen alten Mann, der kann ir des nachts kain genug than, wenn sie ist gail, so ist er faul und ist ein alter, abgerittener Gaul, der weder traben mag, noch zelten, es muß ihr stolzer Leib entgelten, wenn sie hat großen Mangel an Mannen, ain Junger trieb ihr die Krankheit all von dannen."

Da das "Unwesen" der Fastnacht durch die Kirche nicht abzustellen war (immerhin vergnügten sich auch viele Geistliche exzessiv in diesen Tagen), akzeptierte man diese zeitlich befristete besondere Ausgelassenheit schließlich zähneknirschend als notwendiges "Ventil" für aufgestaute und ansonsten vielfach unterdrückte Lebenslust. Damit die Freude für die Menschen aber nicht ungetrübt blieb, wurde als jederzeit drohendes Menetekel der Teufel inflationär oft in Erinnerung gerufen. Jede lustvolle Handlung - und war es auch nur ein hitziges Tänzchen - konnte vom Teufel manipuliert sein, dadurch war das Seelenheil beständig auf das gröbste gefährdet. Kein Wunder, wenn der Fürst der Finsternis immer und überall gesichtet wurde, so z.B. während des Faschings im Tiroler Igls, als zwölf Teufelsmaskenträger beobachteten, wie plötzlich ein Dreizehnter unter ihnen tanzte und wie rasend über die Dorfbrunnensäule hinwegsprang, was kein Sterblicher jemals hätte schaffen können. In den Augen der Sittenwächter vor einem halben Jahrtausend war insbesondere das weibliche Geschlecht anfällig für die unmoralischen Einflüsterungen des Teufels. Immerhin galt "das Weib" im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit als "Inbegriff aller Laster, Schlechtigkeiten und Sünden, als der Fluch und das Verderben des Mannes, als der teuflische Fallstrick auf dem Pfade der Tugend und Heiligkeit."

Kein Wunder also, wenn Sebastian Brant in seinem "Faßnachtnarren" beanstandete: "Die Frauen sich nicht gern bedecken. Sie reizen damit Mann und Knaben: Die Narrenkapp sie lieber haben, daß man die Ohren daraus strecke, als daß man sie mit Tüchern decke."

Als die beiden Gesellschaftskritiker (Brant und Muruer) gegen die freizügigen "Mode-Unsitten" der Weiblichkeit wetterten, gefiel sich die modebewußte Männerwelt schon seit geraumer Zeit in der "Bruch", der zweiteiligen und meist zwei-oder mehrfärbigen kurzen Hose und in den hautengen, muskelbetonenden Strümpfen. Der markanteste Teil dieser Kleiderpartie war der separate, enge und formzeigende Hosenlatz. Hier erforderte die Modelaune, daß durch besondere Farben die Aufmerksamkeit der Mitmenschen auf diesen Körperteil gelenkt wurde.

Hinsichtlich einer entsprechenden Signalwirkung wurde der Latz von seinem Träger auch gerne ausgestopft. Ein Mönch rügte in seiner Predigt: "Die Buhler in unserer Stadt, die strecken ihre Lätz, so weit aus den Hosen herfür, verwickelns auch und verstopfen mit so viel Tüchlein, daß, so die Metzen wähnen, es seind Zumpen, so sind es Lumpen." Ein Chronist kommentierte diese "kühne Form des modischen Exhibitionisrnus" wie folgt: "Es geschieht den Jungfrauen nur zu Dank, weil sie die Männer soviel vom Busen sehen lassen."

Sebastian Brant murrte unwillig: "Pfui Schande, deutscher Nation, daß man entblößt, der Zucht zum Hohn, und zeigt was die Natur verhehlt!".

Daß der Teufel und seine Werber vor allem während der Fastnachtszeit Jagd auf die menschlichen Seelen machen, betonte der Kapuzinerprediger Dionysius von Lutzenburg im Jahre 1688: "Der Satan hat keine Zeit lieber als die Faßnacht, und hoffet nirgends einen größeren Gewinn, als beim Tantzen. Sobald als durch seine Anstiftung ein Tantz anfanget, wo wirfft er auch sein Netz auß die Seelen zu fangen, umb wann sie davon den Schwindel bekommen sie in sein Garn zu verwickeln. Das Netz oder Garn seynd die Spielleut, das Fressen, das Sauffen, das Hüpfen, das Springen, das unzüchtige Küssen, und geyle Tasten."

Peter Rohregger, aus dem "Südkurier" vom 20.2.1993

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