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Fasnacht zu Beginn des 21. Jahrhunderts
Peter Haller

Hüfinger Fasnacht
Die schwäbisch-alemannische Fas(t)nacht oder Fasnet, wie sie im südlichen Baden-Württemberg zwischen Oberrhein und Allgäu gefeiert wird, hat bis in unsere Zeit ihre ganz eigenen, zum Teil auf jahrhundertealte Traditionen zurückgehende Brauchformen bewahrt, obgleich diese nicht immer statisch geblieben sind und durchaus Wandlungen erfahren haben. Dem Einfluß des rheinischen Karnevals großstädtischer Prägung mit seiner deutlich anderen Wesensart hat man sich heute trotz wiederholter Verlockungen weitgehend widersetzt, auch wenn es nicht immer danach aussah und dieser ab Mitte des 19. Jahrhunderts und oft bis weit ins 20. Jahrhundert hinein übermächtig zu werden drohte. Gesellschaftsbälle, Kostümumzüge sowie Schauspielaufführungen ("Altweibermühle", "Die Weibertreu von Weinsberg" etc.), die das herkömmliche Narrenlaufen verdrängten, sprachen zunächst vor allem die bürgerliche Oberschicht, dann aber zunehmend auch die einfacheren Leute an. Mit der Rückbesinnung auf das überkommenene, bodenständige Brauchtum, das zeitweise als "wüstes und sittenloses Treiben" im Gegensatz zum "feineren, kultivierteren" Karneval angeprangert worden war, konnte die urwüchsige, kleinstädtisch-dörfliche Fasnet jedoch wieder zunehmend Fuß fassen und ihr verlorenes Terrain größtenteils zurückerobern.

So wurden in vielen alten Narrenorten seit Anfang des 20. Jahrhunderts, vor allem aber ab den 1920er Jahren "Narrenzünfte" gegründet, die teilweise aus bereits im 19. Jahrhundert entstandenen, oft karnevalistisch ausgerichteten Narrengesellschaften hervorgingen und den Erhalt des alten Fasnachtsbrauchtums auf ihre Fahnen schrieben, nachdem beispielsweise am Narrensprung 1903 in Rottweil gerade noch neun Narren teilgenommen hatten (heute über 3000 Teilnehmer). Zum selben Zweck und um gegen amtliche Fasnachtsverbote anzugehen, schlossen sich 1924 die ersten 13 Zünfte zu einem Narrenverband zusammen. Mit der Bezeichnung "Zunft" wollte man dem Ganzen einen historischen Anstrich geben.

Seitdem hat die Entwicklung des "närrische Zunftwesens" - lediglich unterbrochen durch den 2. Weltkrieg - ungeahnte Ausmaße angenommen. Gerade in jüngster Zeit erlebt die Fasnacht hierzulande eine wahre Inflation von neuen Narrenzünften und Maskengruppen und breitet sich dabei auch zusehends in nördlicher Richtung aus, wo es dann allerdings oft auch wieder zu einer verstärkten Vermischung mit karnevalistischen Elementen kommt. Der Zustrom von neuen Mitgliedern zu den Zünften ist ungedrosselt und wird von vielen Zünften durch Aufnahmebeschränkungen oder -stopps reglementiert. Parallel dazu läßt sich eine ständige Zunahme der sogenannten "Narrentreffen" und auch der Nachtumzüge während der "fünften Jahreszeit" feststellen, die in der Mehrzahl schon Wochen vor der eigentlichen Fasnacht stattfinden. Diese Treffen werden von Kritikern als "Narrentourismus" bezeichnet, der dazu führe, dass der Fasnacht zu Hause die Kraft genommen werde, weil die Narren an den "tollen Tagen" selbst schon müde seien. Wenn man bedenkt, welchen Umzugs-Marathon so manche Zunft bis zum Höhepunkt der Fasnacht bereits hinter sich gebracht hat, so darf man sich über die oben angesprochenen Konsequenzen nicht wundern. Andererseits gibt es  viele (insbesondere kleinere) Orte, in denen die Straßenfasnacht und das Interesse an der Fasnacht überhaupt aus unterschiedlichen Gründen stark rückläufig sind oder aber noch nie von Bedeutung waren, so dass es nur verständlich ist, wenn diejenigen, die trotzdem Fasnacht feiern möchten, sich Zünften anschließen oder neue Zünfte gründen, um sich mit Gleichgesinnten zu treffen. Und schließlich möchte man sein oft teuer erstandenes "Häs" (Kostüm, Gewand)1) oder die kunstvoll geschnitzte Holzmaske (auch "Larve" oder "Scheme" genannt) auch andernorts gerne zur Schau tragen - nicht umsonst sagt man dem Narr Eitelkeit nach.

Es ist also nicht abzustreiten, dass lokal durchaus die Gefahr besteht, dass man in einen Teufelskreis gerät: da vor Ort nicht viel los ist, sind die organisierten Narren so oft unterwegs, dass sie damit vollends zum Einschlafen der örtlichen Fasnacht beitragen. Oder die Narren verausgaben sich vor der Fasnacht schon dermaßen, dass sie zu Hause den Groll der Zuschauer ob ihres müden Auftritts auf sich ziehen. Man sollte Narrentreffen also nicht grundsätzlich verdammen, schließlich können sie für die Veranstaltungsorte auch eine Bereicherung der Fasnacht sowie eine Werbung für die Fasnacht allgemein sein, doch manche Zünfte täten gut daran, ihre Teilnahme an solchen Treffen wieder auf ein "gesundes" Maß zu reduzieren und ihr Hauptaugenmerk auf die heimische Fasnacht zu richten, schaden sie doch letztlich auch ihrer eigenen "Sehenswürdigkeit" durch allzu häufige auswärtige Auftritte gemäß dem alten Spruch: "Willst du was gelten, mach dich selten".

Fasnet in FridingenInfolge der oben beschriebenen Entwicklung haben sich in den vergangenen Jahrzehnten die meisten Narrenzünfte und -vereine einem Verband, einer sogenannten Narrenvereinigung, angeschlossen. Dies sichert den Besuch und Gegenbesuch bei Narrentreffen und fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl, man weiß, wo man hingehört. Das hat in der Regel aber auch den Vorteil, dass neue Masken und Häser sich vor der Aufnahme erst einer fachkundigen Prüfung unterziehen müssen. Auf diese Weise ist es leichter möglich, das überkommene Brauchtum zu wahren und negativen Entwicklungen rechtzeitig entgegenzuwirken, wenngleich sich nicht alle Vereinigungen in jeder Hinsicht daran halten, so dass auch Hexen mit Turnschuhen oder ähnliche Kuriositäten in der schwäbisch-alemannischen Fasnacht ihr Unwesen treiben. Doch Narren zu reglementieren war schon immer ein schwieriges, ja oft müßiges Unterfangen, wie schriftliche Zeugnisse aus früheren Jahrhunderten belegen.

Mittlerweile gibt es im Südwesten weit mehr als 200.000 aktive Narren, die in geschätzten mehr als 1700 Narrenzünften und -vereinen  organisiert sind (1924: 40), von denen ein Großteil  einer der in der Rubrik "Vereinigungen" genannten Narrenvereinigungen angehört. Angesichts der unzähligen Neugründungen der letzten Jahre - über 1000 wurden alleine seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts gegründet - gibt es jedoch inzwischen immer mehr Vereine, die keinem Verband angeschlossen sind.

Viele Narrenzünfte und -vereinigungen wurden erst in den 1960er Jahren gegründet, als vielerorts die unorganisierte "wilde Fasnet" aufgrund von unschönen Auswüchsen zu einem Problem geworden war. Auch die Fasnacht in früheren Jahrhunderten darf man sich keineswegs so überwiegend gesittet und friedlich wie heutzutage vorstellen: Grobheiten, Beleidigungen und sexuelle Ausschweifungen waren keine Seltenheit, weshalb es auch immer wieder zu Verboten und Strafen seitens der Obrigkeit kam. 

Die Narrenzünfte spielen also sowohl in der Organisation und Reglementierung der Fasnacht als auch in der Brauchtumspflege eine entscheidende Rolle, bewahren sie doch in einer Zeit, in der immer mehr an Brauchtum, Tradition und Werten verloren zu gehen droht, Überliefertes aus vergangenen Zeiten auch für künftige Generationen und retten damit zugleich ein Stück heimatlicher Identität und Selbstverständnis vieler Zeitgenossen, die im Strudel einer sich immer schneller wandelnden Welt Geborgenheit und Kontinuität suchen. Dass bei der Reglementierung der Fasnacht allerdings manchmal auch über das Ziel hinaus geschossen wird, ist bedauerlich, schadet man damit doch letztlich dem, was man eigentlich bewahren wollte, indem man ihm die Lebendigkeit nimmt. Doch auch in dieser Situation weiß sich dann so mancher Narr wieder auf neue Art "Narrenfreiheit" zu verschaffen.

Während früher die Vermummung an Fasnacht in erster Linie Männersache war 2), findet man heute besonders viele, meist jüngere Frauen unter der Maske. In einigen älteren Zünften wie z.B. in Überlingen ist es Frauen "unter Androhung von Strafe" bis auf den heutigen Tag verboten, in das betreffende Zunfthäs zu schlüpfen. Hierbei handelt es sich um ein Relikt aus dem späten Mittelalter, als das "Weib" als "Inbegriff aller Laster, Schlechtigkeiten und Sünden" galt und nur Männer sich vermummen durften, kam doch nach der christlichen Lehre der irdische Tod erst durch die Narrheit Evas, den Sündenfall (die Erbsünde), in die Welt, da sie sich im Paradies vom Teufel in Form der Schlange mit der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis verführen ließ. Die Erlösung des Menschen liegt einzig in der Überwindung der Narrheit und der Sünde, die nach dem Tod die Auferstehung zum ewigen Leben ermöglicht. Doch ist in diesem Verbot heutzutage weniger eine Art von Frauendiskriminierung als vielmehr ein Festhalten an einer alten, nicht unumstrittenen Tradition zu sehen. Als Reaktion darauf wurde in Überlingen zur Fasnacht 1996 der neue Narrenverein der "Überlinger Löwen" ins Leben gerufen, in den nur Frauen und Mädchen aufgenommen werden.


Fasnachtsboom und Fasnachtsflucht
Wie kommt es nun zu diesen entgegengesetzten Entwicklungen, dem nachlassenden Interesse an der Fasnacht insbesondere auf dem Dorf einerseits und dem enormen Zuwachs vieler Zünfte bis hin zu unzähligen Neugründungen andererseits? Hierfür gibt es vielerlei Ursachen. So bot die Fasnachtszeit früher Jung und Alt eine willkommenene Abwechslung zum meist beschwerlichen Alltagsleben, man fühlte sich der Dorfgemeinschaft zugehörig und machte selbstverständlich mit, so wie es auch bei allen anderen dörflichen Anlässen der Fall war. Zu einer Zeit, als es noch keine Disco, keine "Blind Dates" und keine Internet-Chats gab, waren vor allem in der bäuerlichen Lebenswelt die Möglichkeiten, dem andern Geschlecht näher zu kommen, vergleichsweise rar. Neben so genannten "Licht-", "Spinn-" oder "Kunkelstuben" (in denen die ländliche Jugend im Winter zu gemeinschaftlichen Arbeiten zusammenkam; Kunkel = Spindel), wo "auch ledige Burschen sich dabei einfinden und manche Unsittlichkeit dadurch entsteht, dass die nächtlichen Zusammenkünfte der ledigen Leute zur Winterszeit in den Kunkelstuben sehr viele Gelegenheiten geben, das Feuer der unreinen Liebe anzufachen"3), dem zentral gelegenen "Milchhäusle" als Kommunikationspunkt und dem jährlichen Schützen- oder Musikfest spielte gerade auch die Fasnet hierbei eine wichtige Rolle. Gerne nutzte man aber auch die Gelegenheit, mehr oder weniger unliebsamen Mitmenschen unter der Maske mal die Meinung zu sagen, wobei es allerdings nicht immer gerade zimperlich zuging. Dem Zeitgeist entsprechend tragen die Menschen ihre Meinungsverschiedenheiten heutzutage vorzugsweise vor Gerichten aus, was sicher auch damit zu tun hat, dass man sich auch auf dem Dorf oft fremd geworden ist, nicht mehr jeder jeden kennt, was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, wie stark in vielen Dörfern (und Städten) in den vergangenen Jahrzehnten die Bevölkerung angewachsen ist. Dieser kräftige Zuzug hat den Dörfern und Städten aber auch viele Neubürger ("Reingeschmeckte") beschert, die oft schon allein aufgrund ihrer Herkunft mit der Fasnacht  nicht allzu viel anzufangen wissen. Und tatsächlich scheint auch nicht jeder für den Mummenschanz geschaffen zu sein, denn, so die landläufige Meinung unter Narren, "man muß es einfach im Blut haben", um alle Jahre wieder vom Fasnachtsfieber befallen zu werden. In einer Schrift des Freilichtmuseums Neuhausen ob Eck heißt es hierzu: "Daneben pflegte jedes Dorf ein Brauchtum, das ganz in ihm und in seinen Bewohnern verwurzelt war... Die Fasnet zeigt besonders, wie sehr ein Brauch mit einer Ortschaft verwachsen sein kann. Ein Außenstehender bleibt zumeist Zuschauer. Um mitmachen zu können, muß man "mittendrin" sein. Wer auf die Fasnet will, dem muß die besondere Art zu sprechen, zu attackieren und "närrisch" zu sein, die es so nur in dem Ort gibt, in Fleisch und Blut übergegangen sein. Nur so kann er voll und ganz im Brauch aufgehen."

Aber auch dem weniger fasnachtsbegeisterten, freizeitverwöhnten "Ureinwohner" bietet sich heutzutage so vielerlei Abwechslung anderer Art, dass auch er es häufig vorzieht, z.B. zu Hause eines seiner 30 TV-Programme zu konsumieren oder skifahren zu gehen, ja so mancher flüchtet ganz bewußt vor der Narretei in den Urlaub. So konnte man im "Südkurier" vom 11.2.1999 (Schmotziger Dunschtig) folgendes lesen: "Die "fünfte Jahreszeit" ist offenbar nicht jedermanns Sache. Viele wollen dem närrischen Treiben entgehen... und die Fasnachtstage andernorts verbringen... Die Kanarischen Inseln sind das gefragteste Urlaubsziel", aber auch "Skianzug statt Häs heißt es für viele Wintersportler". "Gut fürs Geschäft, aber schade für die heimische Fasnacht", so wird ein Reisebürobesitzer zitiert. Die Mobilität des Autos tut oft ein übriges dazu, dass man sich, sofern man sich überhaupt hinter dem Ofen oder PC hervorlocken läßt, dann schon eher in die nächste Stadt begibt, wo meistens "doch noch mehr geboten ist". Aber auch dort steht dann so mancher übersättigte Zeitgenosse teilnahmslos am Straßenrand, schaut dem närrischen Treiben eher verständnislos zu, um sich anschließend wieder in seine eigenen vier Wände zurückzuziehen. Man kann es als ein Zeichen unserer Zeit ansehen, dass viele Menschen offensichtlich gar nicht mehr in der Lage bzw. willens sind, auch nur einmal im Jahr über ihren eigenen Schatten zu springen, zu sehr hängen sie doch an ihrer alltäglich gespielten Rolle, am mehr oder weniger anonymen Nebeneinanderherleben in einer Gemeinschaft, die oft keine mehr ist, da der einzelne meist nur noch auf sein eigenes Wohl, seinen eigenen Vorteil bedacht ist.

Gerade aber die Entwicklung hin zu einer Entfremdung und Vereinsamung der Menschen in einer hochtechnisierten, reizüberfluteten Welt, die von Konsum- und Statusdenken beherrscht wird, wirkt allerdings auch bei vielen Menschen in die andere Richtung, erzeugt ein starkes Bedürfnis nach Gemeinschaftserlebnissen, nach Ritualen, einen Trend hin zur Fasnacht mit ihrem jahrhundertealten Brauchtum, mit ihrer mystischen Ausstrahlung, mit ihren heidnischen Wurzeln - wie gemeinhin angenommen wird. Ja, wer einmal in ihren Bann geraten ist, den läßt sie nicht mehr los! Und dann scheut man auch weder Mühe noch Kosten, um in den Besitz von Häs und Larve zu kommen, muss man dafür doch heute im Einzelfall bis über 2500 Euro investieren - also nicht gerade immer ein billiges Vergnügen, das bisweilen sogar absurde Züge annehmen kann, wenn wie in Rottweil aufgrund der begrenzten Zulassung Narrenkleider für bis zu über 14000 Euro zum Verkauf angeboten werden. Hier wird das Häs leicht zum "Luxusgut", dem der Hauch des Exklusiven anhaftet, was sicher nicht im Sinne der "Erfinder" der Beschränkungen ist. Verschweigen sollte man in diesem Zusammenhang andererseits nicht, dass unter all den Neuaufnahmen in die Zünfte so mancher "Narr" nur ins Zunfthäs schlüpft, weil es eben gerade "chic" ist und nicht, weil ihm die Fasnacht besonders am Herzen liegt.

Die Folge davon sind zahlreiche neue Maskengruppen und Zünfte, die nun selbst in bislang fasnachtsabstinenten protestantischen Gemeinden wie Pilze aus dem Boden schießen und immer öfter die Brauchtumshüter aus den alten Zünften auf den Plan rufen. Diese befürchten nämlich, dass mit jeder neuen Maske, mit jedem neuen Häs die Fasnacht zunehmend verwässert werde; sie kritisieren "Plagiate", Neuschöpfungen, die oft keine Augenweide seien, das ungebührliche Verhalten von Hästrägern aus Orten, in denen das Fasnachtsbrauchtum nicht gewachsen sei, und die immer stärkere Präsenz von Guggenmusiken, die eigentlich in der Schweiz zu Hause sind. Die zunehmende Eigendynamik der Fasnacht bietet also reichlich Zündstoff. Und in der Tat prallen hierbei oft völlig gegensätzliche Ansichten aufeinander, denn auch von seiten der jungen Zünfte wird Kritik an den "Traditionszünften" laut: zum einen will man sich nicht das Recht absprechen lassen, ebenfalls in Häs und Maske Fasnacht nach eigenem Gusto zu feiern, zum andern provozieren die langen Wartelisten und Aufnahmebeschränkungen mancher Zünfte geradezu die Gründung neuer Zünfte, und schließlich gibt es auch in den Reihen der älteren Zünfte viele Fasnachtsfiguren, die erst wenige Jahrzehnte alt sind und keineswegs den Stempel "historisch" verdienen. Festzustellen ist in diesem Zusammenhang, dass für jüngere Zünfte die Verbundenheit mit dem Herkunftsort oft nur noch eine nachrangige Rolle spielt, der Verein selbst wirkt identitäts-, gemeinschaftsstiftend, Fun und Gaudi mit andern wird zur Triebfeder der organisierten Narretei.

Doch während das "närrische Zunftwesen", im wesentlichen also eine Erscheinung des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, eine Blüte ohnegleichen erlebt, bleibt eines zunehmend auf der Strecke: die unorganisierte, nicht uniformierte Straßenfasnet der "wilden" Masken, der phantasievoll kostümierten Laufgruppen, die mit Narrenwitz und schöpferischem Ulk zum "Schnurren" von Gasthaus zu Gasthaus ziehen oder durch musikalische Einlagen für Hochstimmung sorgen, wo immer sie auftauchen. Aber auch die Zahl der Saalveranstaltungen und der früher so beliebten "Hausbälle" in den Gasthäusern ist seit Jahren rückläufig. Hier sind vor allem die örtlichen Narrenzünfte gefordert, die Initiative zu ergreifen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Es wäre bedauerlich, wenn die Fasnacht eines Tages vielerorts nur noch in Form von gelegentlichen, perfekt inszenierten Narrentreffen und Umzügen weiterleben würde, während das traditionelle, unreglementierte Fasnachtstreiben im Ort völlig zum Erliegen kommt. Zitat aus dem "Südkurier" vom 29.3.2000: "Es stimmt einen schon nachdenklich, dass die fünf örtlichen Vereine zusammen ein tolles Programm auf die Beine stellen und damit anscheinend keinen Einheimischen hinter dem Ofen vorlocken".

Und noch eins: Von Fasnachtsgegnern wird immer wieder gern ins Feld geführt, die Fasnacht diene nur dem "Saufen". Doch dass es dazu keiner Fasnacht bedarf, zeigt schon ein Blick auf die einschlägigen Statistiken bzw. Veranstaltungskalender: die Deutschen trinken und feiern ganzjährig gern und viel getreu dem Motto: "Was du heute kannst entkorken, das verschiebe nicht auf morgen". Dass es dabei auch in der Fasnacht in geselliger Runde mitunter feucht-fröhlich zugehen kann, liegt in der Natur der Sache. Sturzbetrunkene Hästräger, die sich im Dreck wälzen, sind allerdings auch jedem echten Fasnachtsfreund ein Greuel.


1) Das Wort "Häs", heute vor allem als Bezeichnung für 'Narrenkleid' gebraucht (Narren-, Flecklehäs), bedeutet ursprünglich 'Kleidung allgemein'. In dieser Verwendung ist es nach dem Südwestdeutschen Sprachatlas, Karte IV 3/01 noch im östlichen Baden, in Schwaben und in Teilen der Schweiz gebräuchlich. Auch in alten Texten aus diesem Raum taucht das Wort immer wieder auf, z. B. Überlingen um 1450: "von ainem schlechten anligenden knoepfloten haeß". Das Wort geht zurück auf mittelhochdeutsch "haeze" 'Kleidung' was eine Kollektivbildung zu althochdeutsch, mittelhochdeutsch "hâz" 'Kleid' darstellt. Parallelen finden sich in altenglisch "haeteru" 'Kleider'. Diese Formen führen zurück auf eine erschlossene indogermanische Wurzel *sked-  'bedecken', zu der es auch altindische, avestische und afghanische Fortsetzungen gibt (Pokorny, Idg. etym. Wörterbuch, S. 919).
Wissenschaftlich nicht haltbar ist die Herleitung, die Werner Mezger in seinem "Das große Buch der schwäbisch-alemannischen Fasnet", Stuttgart 1999, S. 64 gibt. Dort leitet er das Wort von einem Stamm *wes- 'kleiden' ab, zu dem auch lat. vestis 'Kleid' gehört. Diese Herleitung bereitet aber lautgesetzliche Probleme und ist daher nicht plausibel. Auf jeden Fall steckt in dem Wort "Häs" eine jahrtausendealte Geschichte, es ist im Deutschen ein indogermanisches Erbwort und es ist zu begrüßen, dass dieses alte Wort, zumindest im Gebrauch der Fasnet weiter verwendet und damit späteren Generationen überliefert wird. (Auskunft von Dr. Rudolf Post, Albert-Ludwigs-Unversität Freiburg, Deutsches Seminar 1, Arbeitsbereich Badisches Wörterbuch, 29.1.2004)

2) Papst Klemens XI. erlaubte 1701 entgegen damaliger Sitte auch den Frauen, sich maskiert in das bunte Fasnachtstreiben zu mischen, allerdings nur zu Fuß.
3) Bernardin Schellenberger - So lebten unsere Vorfahren. Die Geschichte von Winzingen und Umgebung II, Winzingen 1995


© 2000 NarrenSpiegel, zuletzt aktualisiert 1/2004
© Bild "Hüfinger Fasnacht" aus "Badisches Hausbuch", Bibliothek Rombach, Freiburg 1982 (von Lucian Reich, 1818-1900, Heimatmaler und Schriftsteller)
© Bild "Fasnet um die Jahrhundertwende in  Fridingen" von
Xaver Bucher  (+ 1959), NZ Fridingen

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