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Welt verkehrt, von innen

Mit der Fastnacht habe ich es bisher so gehalten. Entweder bin ich auf sie gegangen oder ich habe über sie geschrieben. (Es heißt "auf die Fasnet gehen". "Goscht au uff d´Fasnet?" "Freili, wa monscht!")

Entweder habe ich wissenschaftliche Texte über die Fastnacht geschrieben oder literarische. Beiden Arten von Texten ist etwas gemeinsam, das dem vorliegenden abgeht. Wissenschaft und Literatur fordern dem Autor Objektivität und Distanz zum Gegenstand ab. Vorgabe der Redaktion hier aber ist: "Schreib über das typische Gefühl des Fastnächtlers an Fastnacht, gerade in den wilden Formen der Fastnacht, so wie du sie betreibst!“ Damit zwingt sie mich aus der Distanz. Und das ist gut so.

Über sich selber schreiben ist schwer. Über allem muss das Bekenntnis prangen, dass nichts an den beschriebenen Aktionen und Aussagen der Weisheit letzter Schluss ist. Jede Wertung ist nicht mehr wert als 'von mir im Moment so gesehen'. Es geht um wenig Raum und wenig Zeit. Es kann in meinem Fall nur um die Fastnacht in Mühlheim a. d. Donau (Geburtsort) und, am Rande, um die in Fridingen a. d. Donau (Wohnort) gehen. Andere erlebe ich nicht. Ausdrücklich: Nicht Einzigartigkeit interessiert uns; wir wollen den Narren in die Herzen schauen. – Um dem so persönlichen Text mit ein wenig Objektivität impfen zu können, habe ich Leute mit komischen Fragen gepiesackt. Leute, die um mich herum sind, sonst und an Fastnacht erst recht, das ist Bedingung. Es sind 'meine Leute'.


Was ist das Fastnachtsgefühl für ein Gefühl?
Wie bei allem Vertrauten ist es einem klar, solange man damit in Ruhe gelassen wird. Fragt jemand, verflüchtigt sich das Gewusste. Beschreiben lässt sich die Stimmung jedenfalls nicht. Vielleicht erleben. Das Erlebnis lässt sich niemandem beibringen. Viele wollten schon mitgenommen werden und es geboten bekommen. Sich dem aussetzen, sich einfach dazusetzen reicht nicht. Es gehört mehr zum Tanz, als rothe Schuh, meint ein altes Sprichwort (nach Johann Michael Sailer). Der Funke springt oder nicht, in einem drin, und zwar jedes Mal, jedes Mal neu. Mehr lässt sich nicht sagen. Ab jetzt sind wir darauf angewiesen, das Thema zu umzingeln und die Assoziationen brezeln zu lassen.

An Fastnacht bin ich ein anderer. Wer mich als Narr nicht kennt, den möchte ich an Fastnacht nicht sehen. Wer mich als Narr nicht will, kann mich s.v. in die Schuhe blasen. Ich müsste mich enttäuschen; oder ihn oder sie. Zugezogene blieben schon verstört zurück, wenn sie von unterm Jahr Verstockten allzu vertraut angegangen wurden.

Wenn das Fernsehen Fastnacht überträgt, Saalfastnacht zumeist, wittere ich schnell, ob da der richtige Geist den Raum durchzieht. Die Musik, die im Saal kocht, sagt es mir eindringlich; ich kann es aus den Wortwitzen herauslesen, die einschlagen.

Wie ein Gas, das darauf wartet, gezündet zu werden. Manchmal fehlt der Brennstoff, bisweilen der Funke. Wenn aber das Gemisch stimmt, jagt sich der Saal in die Luft.


Was löst das Gefühl aus?
Überlandfahrten führen einem schon mal durch Städte oder Dörfer, die aussehen, als wohne da eine Fastnacht. "Da wäre es schön, an Fastnacht zu sein", denke ich dann. Fastnacht in Neubausiedlungen ist für mich nicht denkbar. Orte, die Gewächse sind und nicht Gebilde, lösen in mir die Stimmung aus. Das ist der Beweis, Fastnacht ist überregional und international.

An Fastnachtsorten und unter den Leuten an Fastnachtsorten hängt die Stimmung potentiell immer in der Luft. Unterm Jahr ist jedes Aufeinandertreffen dazu geeignet, umzukippen. Ein "Kappenabend im Sommer" ist allzeit drin. Kein Geburtstag, kein Grill-, kein Stadt-, kein Dorffest ist sicher. (Nebenbei, die Redewendung "das ganz Jahr närrsch sein" bezieht sich nicht auf fastnächtliche, sondern die echte Narretei eines Menschen.)

Erstauslöser für mich sind die Gedanken im Sommer. Beim Auto waschen, Holzspalten, im Reißschlag, später im Jahr beim Schoren kommen mir die besten Einfälle. Die stupiden Jobs halten mir den Kopf frei. Meine Leute halten mich für überjagt, wenn ich ihnen außer der Zeit mit der Fastnacht komme. Aber die Eisen sind heiß. Ich schreibe am "Latschi-Boten", einer Art Narrenblättle für meine Leute (Jahresauflage 9 – 10 Stück), und am Fastnachtstheaterstück. Denken und Schreiben lassen mich Flügel schlagen, innerlich. 

Ich schöpfe aus Erinnerungen. Das sind Keimlinge für mich, die ich tränke.

Wir nehmen Fastnachtsworte in den Mund, kauen sie und posaunen sie herum. Das kitzelt das Gefühl. Als ich meiner Frau vom Vorhaben dieses Aufsatzes erzählte und dass ich sie deshalb zur Fastnacht befragen wolle, konterte sie, mit einem Millemer schwätze sie nicht über die Fridinger Fasnet. So ein Satz trieft von dem Gefühl an Fastnacht; der Ball wurde mir zugeschlagen, das Spiel beginnt. (Nebenbei wissen wir nun alles über das Verhältnis Mühlheim – Fridingen ebenso, wie über die schweren Bedingungen, unter denen Texte wie dieser entstehen.)

Soviel ist klar: Irgendwann kurz nach die Cowboyphase muss ich es gespannt haben. Fastnacht kommt aus dem Gefühl. Das Gefühl ist eine Droge, die zu Herzen geht.


Was darf nicht fehlen?
Wenn die Zeit dann da ist, mehren sich die Auslöser. Wir betreten das Feld der Frage: Was gehört dazu?

Narrentreffen nicht. Das Geschell des Schellennarrs, der Narrenmarsch, ortseigene Narrensprüche nicht. Ich habe nichts gegen all das. Die offiziellen Identitätsstifter haben mir halt nie etwas gegeben. Das wäre zu billig. Zu abgespult.

Genauso geht es mir mit Monumentalsätzen wie, "einen rechten Mühlheimer juckt es, wenn die Fastnacht naht". Als Erklärung gehören sie in den Musikantenstadl.

Eine ganze, ganz andere Welt ummantelt uns. Wir ziehen uns eine andere Wahrnehmung über. Der Sinn für so etwas wie Natur, Kunst, der Sinn für den Beruf, für's Wetter, für das Tagesgeschehen der Nachrichten und Zeitungen ... alles weg. Nichts ist ernst. Nichts darf ernst genommen werden. Dafür gelten nun eigene Regeln mit eigenem Sinn. Die Haut unserer durchtrainierten Seelen wird weich und durchdringlich.

Farben. Die Dörfer und Städte ziehen sich um. Mühlheim überzieht seinen Himmel mit rauschenden, brennenden Farben. Fähnele werden im Meterabstand gehängt.

Gerüche. Da bediene ich das Klischee. Fettgebackenes. Häuser, in denen Fasnetskiachli gebacken werden, verströmen Fastnachtsatmosphäre. Ansonsten stinkt die Fastnacht, siehe unten.

Geräusche. Ich bin in Mühlheim im Städtle groß geworden. Ergo im Bauch der Fastnacht. In der beharrlichen Geräuschkulisse aus Geschrei, Geschepper, Gejuzge, Gemusiziere scheint sich ein nimmer müdes Riesentier zu räkeln. Lebenszeichen weder in Dur noch in Moll. Jetzt in Fridingen höre ich das Viech auch von außen gurgeln und brodeln. Der Eindruck ist derselbe.

Als wir in Fridingen noch städtlenah gewohnt haben, juzgete ein Narr am Schmotzigen in aller Früh auf seinem Weg ins Geschäft alle Schritt lang. Den ganzen Weg. Seit meiner ersten Fasnet in Fridingen gehörte das für mich zur Einstimmung. Nach diesem Privatumzug konnte ich nicht mehr schlafen, die Lunte an der inneren Unruhe stand in Flammen.

An den Haupttagen schwappen Wellen von Schall aus riesigen Boxen durch die Gassen Mühlheims. Die Kulturgeschichte des Stimmungsliedes lückenlos rauf und runter. Eigentlich bin ich gegen eine solche Massivbedröhnung, allein weil sie Straßentheater und Straßenmusik den Boden entzieht (und wir waren schon gezwungen, die Anlage zu sabotieren, um spielen zu können). Meine Kindheitserinnerungen jedoch weben das Gedudel tief das Fastnachtsgefühl hinein. Auch wenn ich mich wehre, es gehört dazu.

Ich wiederhole, wir nehmen anders wahr. Fastnacht mag sich in ihr ureigenste Atmosphäre tauchen. Darin unterscheidet sie sich nicht von Weihnachten, Ostern oder Urlaubstagen. Aber erst die Sicht, die wir auf die Dinge werfen, verkehrt die Welt. Wir haben Erscheinungen, die sich sonst keinem zeigen.

Natürlich sind es die festen Formen, die das Gefühl garantieren. Holzmächer beim Narrenbaum-setzen, die Lieder nach dem Vesper dann, der Sagt er, der Nach-Sagt er im Rössle, der Fasnetsmäntig, der Umzug, dessen Einsickern in die Häuser, Gassen, Wirtshäuser – das sind Kernerlebnisse. Allerdings transportieren sie das Gefühl nicht per se. Es wühlt uns erst auf, wenn in diesen Rahmen Unvorhergesehenes, nicht Planbares geschieht. Im Blick zurück hattest du eine schöne Fasnet (es heißt, 'eine Fastnacht haben'), wenn du recht oft, recht heftig so durchgewirbelt wurdest. Verzwingen kann keiner etwas, im Gegenteil, jede Anstrengung biegt in die Sackgasse. Die vollkommene Offenheit ist Ausgangslage: Wo und wie komme ich am anderen Morgen an?

Das volle innerste Fasnetsgefühl greift eigentlich nur am eigenen Ort um sich. Wer die Fastnacht nur im Eigenen zu spüren bekommt, ist weder blind noch stolz. Der fastnächtliche Gefühlserguss ist so sehr schieres Erlebnis, dass er aus dem Innersten (und vice versa) nur aufwallt, wenn wir den Weg wieder abschreiten, auf dem wir hineingewachsen sind.

Freilich ist es ohne weiteres an fremden Orten, mit anderen Leuten erfahrbar. Für mich ist es in Fridingen genauso da, aber graduell anders. Ich behaupte, Narren – an Narrentreffen etwa – haben ein Gespür für sich. Die Manier, sich anzusprechen, aufeinander loszugehen, den anderen zu locken. Narren kennen sich am Gefühl.

Essentiell sind für mich meine Leute. Die Spannung, wie skurril die anderen wohl diesmal daherkommen. Wer mit welcher Nummer antritt. Wie die eigenen Nummer ankommt. Solche Fragen zittern in der Luft. Es ist eine Art Lampenfieber. Sobald wir uns am Kopf sehen, packt es uns.

Das Miteinander ist so grundlegend wie das Gegenüber. Vom Publikum hängt viel ab für das Fasnetsgefühl. Das Geschwätz, das Aufsagen, mit und ohne Larve, steht ziemlich im Zentrum des Gefühl. Es ist der Stil, wie man beim Aufsagen mit den Leuten umgeht, der eine eigene Dynamik entwickelt. Wer agiert, will ankommen. Erfolg äußert sich nicht in Beifall, sondern "Agie"; wenn der Andere dir hinausgibt, nichts schuldig bleibt, dich weiter treibt. Fasnet ist die absolute Frechheit.

Eine bedeutsame Rolle spielen die Alten. Die Alten Narren. Ihre Anwesenheit polarisiert jede Situation. Ihnen aufsagen ist am schönsten. Hier fühlt man sich im Herzen der Fasnet.

Das bittere Ende ruht immer schon in der Stimmung und rundet sie ab. Schlaflos, verkatert, unrasiert, stinkend, ausgebrannt. Viele sind krank. Wer nicht als absolute Null endet, hat nicht alles gegeben. Es kommt einem vor, als habe sich viel Schmutz in den Kleidern, vor allem auf und erst recht unter der Haut angesammelt. Der Mund stinkt wie ein Güllenloch. Die geballte Unvernunft zeigt Körper und Geist, wohin sie führt.

Unter Narren aber gibt es weder Schuld noch Sühne noch Reue. Das Gefühl an der Fastnacht lacht, nicht immer schallend, ist aberwitzig und irrational sinnlich. Der Aschermittwoch ist grau. Katharsis, insgesamt.


Wann ist es nimma schä?
Eindeutig: Ich gehe zu weit. Ich gehe über die Grenzen. Immer gibt es welche, die gehen beim Zu-weit-gehen zu weit. Die gehen nicht über die Grenzen, sie kennen keine. Das verleidet es mir. Ich gehe dann halt, aber nicht nach Hause.

Streit, im Stress und Suff, Schlägereien, schlechte Aktionen (auch schlechte Erinnerungen haben ihren Platz in dem Gefühl) verderben mir viel. Aber auch in solchen Fällen ziehe ich einfach weiter, bis es besser wird.

Tödlich, absolut tödlich für die Fastnachtsstimmung ist es, wenn einer ein vernünftiges Gespräch mit dir anfangen will. Da hilft auch dem Narr nichts mehr. Sofortflucht.


Die Alten Latschi
Bald sind es zwanzig Jahre her, da hatte sich die Fasnet für uns leergelaufen. Sie hatte ihr Besonderes eingebüßt. Alles zu starr und selbstgefällig. Von "Hästrägern", von durchbluteten Schaufensterpuppen dominiert und nicht von Narren. Um dem verlorenen Fasnetsgefühl wieder auf die Spur zu kommen, haben wir keinen radikalen Schnitt vollzogen. Wir sind ausgestiegen, um einzusteigen. Das war keinem bewusst. Ab irgendeinem Jahr haben wir, neben allem anderen, am Kinderumzug mitgemacht (was den Namen "Alte Latschi" einbrachte), meist mit Märchenparodien (so entstehen Traditionen). Das klingt so läppisch, wie es ist. Das Entscheidende ist der Ausgangspunkt: Wir brauchen nur uns. Wir sind unser eigenes Publikum, unsere eigenen Opfer. Wir sagen uns selbst auf. In dieser Kleinstfasnet brach das Gefühl mit seiner ursprünglichen Wucht wieder auf. Das war nur ohne Plan möglich.

Auch wenn wir uns quer zur Ordnung in den Umzug drängen, zum jährlichen Leidwesen der Ordner, auch wenn wir dem Narrenverein die Wurst abtrutzen, die jedes Kind (sic!) für die Umzugteilnahme kriegt, auch wenn wir dieser wilden Zone unserer Fasnet mehr Wert beimessen als den offiziellen – es ist keine Anti-Veranstaltung. Nicht groß vorbereit, ungebunden, frei erfunden, wild verkleidet, völlig unsicher, ob es klappt – so äußert sich für mich das Fastnachtsgefühl an sich.

In vieles andere kann ich mich an Fastnacht mühelos einfühlen. - Jene Maschkera, die vom Wirtshaustisch weg heimlaufen, aufspannen mit dem was grad da ist, um am gerade verlassenen Platz unerkannt aufzusagen. - Der Fridinger Pflugumzug am Schmotzigen mit den einzigartigen Figuren. - Meine Tante Emma (Jahrgang 1912): Bei uns haben sich die Leute im Verborgenen vorbereitet, Kostüme genäht, alles geheim. An Fastnacht hat man dann alle anderen überrascht. Jeder wollte der Originellste sein. Man war gespannt. - Fasnet 2000: Zufällig hat es mich zu einer Truppe "Alter Schachteln" geschlagen, alle unabgesprochen, wild verkleidet, alle wesentlich älter als. Das war wie ein Lehrgang.

Die Kette ließe sich beliebig verlängern. Alles frisst mich unmittelbar an; ich lecke das Blut, das darin fließt. Aber so richtig umhüllt mich die fastnachtsmäßige Befindlichkeit bei dem wildesten aller Treiben, bei den Alten Latschi.

Doch auch die Latschi-Aktionen begannen mir nach und nach zur Hülse zu verkommen. Das hieß, Vogel friss (die Veränderung) oder stirb. Seit ein paar Jahren spielen wir Theater im Wirtshaus (oder auf der Strasse). Es gibt keine Bühne. Es gibt kaum Text, kaum einen Ablauf. Was es gibt sind Charaktere, die sich lautstark mit sich selbst beschäftigen, und dem Publikum. Niemand weiß von Moment zu Moment, wohin das führt. Natürlich denke ich, während ich die Stücke entwerfe, an die Tradition der Fastnachtsspiele. Aber erstens muss – Hans Sachs hin, Hans Rosenplüt her - das Theater hier und heute am Ort funktionieren. Zweitens, und darauf kommt es an: Beim Theaterspielen rauben die alten Flammen wieder.

Das neueste Produkt aus den Latschi-Werkstätten ist ein Kappenabend, an dem teilnehmen darf, wer auftritt. Wer das nicht will, zahlt den Akteuren ein Getränk. Wieder alles im Wirtshaus und ohne Technik. Auch das keine Anti-Aktion. Nichts gegen Großsaalfastnachten und auch nichts gegen Techno. Aber die kleinen, wortgewaltigen, von Angesicht zu Angesicht versprühten Auftritte bleiben da unerhört. Darum machen wir sie irgendwo anders. Hier spüre ich das Fastnachtsgefühl am engsten. Das ist mein Ding.


Die Theorie
Seit ich mich mit der neuen Fastnachtstheorie auseinandersetze, die den Brauch auf dem Hintergrund der historischen christlichen Theologie versteht, quillt sie in meinen Fastnachtsalltag ein. Freilich, da brauche ich keine Theorie. Jahrzehntelang war sie einfach nicht vorhanden (der Winteraustreibungsansatz hat mich als Narr und auch sonst immer kalt gelassen). Diese Theorie vermag mir Phänomene wie meine Niedergeschlagenheit am Aschermittwoch zu erklären. Können wir auch, rufen die Hobbypsychologen. Aber die neue Theorie erklärt mir das Fastnachtsgefühl von seinem Ende her, also in seiner Gesamtheit, aus der Kulturgeschichte. Das ergreift mich.

Die Theorie legt so manches aus, was mit dem Fastnachtsgefühl verwurzelt ist und ich mir vorher nicht klar machen konnte. Warum etwa fallen die Schranken in Sachen stinkiger Kleidung, Furzen und Rülpsen, Essmanieren? Warum kann man nach Knoblauch, Romadur, Zwiebeln, nach Alkohol und Wirtshaus, ungewaschen miefen, und es stört sich keiner dran? Gestank und Schweinereien gelten von je her als Narreninsignien wie Fuchsschwänze und Schellen. Sie besitzen ihren eigenen Sinn (den zu erläutern hier der Platz nicht reicht). Zum Beispiel.

Fastnacht ist so gesehen gelebte Theorie (nicht Praxis), die sich, je nach Ausführendem, gelinde gesagt, nicht immer punktgenau an die Vorgaben hält. Aber die Theorie liefert erlebbaren Sinn. Unser Selbstverständnis löst sich freilich streckenweise von ihr; wer der Theorie etwa als ärgster Sünder gilt, kommt bei uns als "guter", als "Obernarr" groß heraus.

Wir laufen lieber zu einer anderen Theorie über:
"In der Klassenkultur ist der Ernst offiziell und autoritär, er ist Gewalt, Verbot und Einschränkung verquickt. Ein solcher Ernst trägt immer ein Element der Furcht und der Einschüchterung in sich. In der mittelalterlichen Ernsthaftigkeit dominiert dieses Element sehr stark. Das Lachen setzte im Gegenteil die Überwindung der Furcht voraus. Das Lachen verfügt keine Verbote und Einschränkungen. Macht Gewalt, Autorität sprechen niemals die Sprache des Lachens." Ob ich mir diese Sichtweise wissenschaftlich aneignen könnte, das müsste ich prüfen. Als Narr, der ein Rebell ist, oder als kleiner Rabelaise, gefalle ich mir an Fastnacht aber.


Warum?
Warum in aller Welt? Es gibt auch gute Gründe. Mitmachen heißt erhalten. Würde man mittelalterlichen Kathedralen beim Verfallen zusehen?

Außenstehende melden Bedenken an: Wenn Sport etwas für den Körper tut, dann wirkt die Fastnacht dem entgegen. Wenn Kunst für die Ewigkeit ist, Broterwerb für den Alltag, dann ist Fastnacht rein für die Vergänglichkeit. Wenn das Fastnachtsgefühl den Kern der Fastnacht für die Fastnächtler ausmacht, müssen wir uns gestehen: Es bleibt nichts übrig. Das Gefühl ist nicht haltbar, nicht fest zu halten. Nichts von dem Sinn der Fastnachtswelt lässt sich in die wirkliche Wirklichkeit hinüberretten. Von außen gesehen muss es so wirken, als gäben wir alles für ein Nichts. Vor allem weil sich alle Investitionen an Zeit und Geld pulverisieren.

Alles Vernunftgeschwätz. Für mich sind es die brachialen Momente - haarsträubend dicht, selbstmörderisch intensiv, sich hochschraubend wie ein Sturm, jederzeit zum Eingehen bereit, um alles Erdenkliche wieder in Wirbeln hochzureißen - die kann man sonst lange suchen. Nie sonst kann ich mein Leben so zerlegen. Wer fragt, ob sich das lohnt, sitzt schon im falschen Zug. Sinn: innen.

Christof Heppeler
(veröffentlicht in "Narri-Narro" 1/2001 unter dem Titel "Innenansichten eines närrschen Narren")

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