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Hinter der Maske
Peter Haller

Die Welt aus der Sicht des Maskenträgers ist zwar rein optischHooriger Bär Singen  eingeschränkt, doch gefühlsmäßig tun sich ihm völlig neue Welten auf, in die er sich ohne Maske kaum vorwagen würde. Er kann sehen, ohne selbst gesehen zu werden, zumindest nicht als die Person, die er in Wirklichkeit ist. Als Narr unter Narren ist die Wirklichkeit für Stunden eine andere, die Welt nicht so, wie sie eigentlich ist. Er ist da und doch nicht da. Er juckt und tanzt und neckt und schreit, doch wer ist er? Dies bleibt allein sein Geheimnis. Er offenbart sein Wesen, aber nicht seine Person. So kann er nach dem Ende der Narretei als unerkannter Narr in den festgefügten Rahmen der gewohnten Ordnung zurückkehren und seine normale Rolle wieder spielen, so, als wenn er niemals etwas anderes gewesen wäre ...

Der Blick des Maskenträgers schweift in die Runde. Wen hat er bloß im Visier? Ob er mich kennt? So denkt der Zuschauer, der bei diesem Narrenspiel stets im Nachteil ist und meistens nie erfährt, wer ihn denn da in den Arm genommen, wer ihm da mit verstellter Stimme etwas ins Ohr "gehechelt" hat. Angestrengt versucht der Angesprochene anhand irgendeines verräterischen Details denjenigen zu "entlarven", der hinter der Maske steckt. Ob er ihn kennt? Die Schuhe kommen ihm bekannt vor, oder doch nicht? Er grübelt, nein, er weiß es wirklich nicht, er hat sich wohl getäuscht ... Unversehens wird der Spieß umgedreht, der bisher unbeteiligte Zuschauer urplötzlich in das närrische Geschehen einbezogen, "zum Narren gehalten", mitunter gar selbst zum Gegenstand des Spotts der Zuschauer gemacht, wenn er seinem entführten Hut hinterherrennt oder vergebens nach einer Wurst schnappt. Aber auch Komplimente werden unter der Maske offen ausgesprochen, die sonst nur schwer oder nie über die Lippen kämen, und Berührungsängste sind ganz plötzlich verschwunden: der Vorgesetzte wird geduzt, die hübsche Unbekannte entführt, der Kollege "gerügt" - Narr sein befreit, entrückt in eine andere, weniger komplizierte, ehrlichere, schönere Welt, die nur den einen Makel hat, daß sie nicht von Dauer ist, doch der Narr weiß darum und kostet daher jede Minute dieses anderen Daseins aus...

So sollte man meinen, und doch muß man sich immer wieder über das Verhalten so mancher Maskenträger wundern. Da wartet man also ein ganzes Jahr, bis man seine Maske oder Larve wieder tragen darf, endlich ist der so sehnsüchtig erwartete Tag da, und dann gibt es doch allzu viele sogenannte "Narren", die ihrer "geliebten" Maske vielleicht gerade mal 1 Stunde gönnen, und schon wird sie wieder aus dem Gesicht gerissen und lieblos in irgendein Eck geschmissen, so als habe man bereits wieder genug von ihr. Entweder nehmen solche Narren den italienischen Ursprung des Wortes Maske, nämlich "maschera" (sprich "maskera"), zu wörtlich oder viele lieben ihre ganzjährig aufgesetzte Maske eben doch mehr als ihr närrisches zweites Ich. Während also einerseits die Zahl der maskentragenden Zünfte von Jahr zu Jahr größer wird, verstärkt sich andererseits unter den Hästrägern der Trend, sich unverlarvt in der Öffentlichkeit zu zeigen, obwohl sie den Mummenschanz in dem Moment seiner  ganzen Faszination berauben, wo sie ihre Larve abnehmen. Eigentlich schade! (2000)

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