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Fasnacht und Fernsehen
Peter Haller

Nach der wegen des Golfkrieges ausgefallenen Fasnacht 1991 nahm sich 1992 das Fernsehen erstmals auch der schwäbisch-alemannischen Fasnacht an, erstmals zumindest in diesem Umfang. Auf "SWR3" werden seitdem alljährlich an mehreren Sonntagen vor Fasnacht zur besten Kaffeezeit stundenlang Narrentreffen live in die Wohnzimmer übertragen. Aus Sicht der Fernsehmacher hat sich die Sache bisher gelohnt, wie die Einschaltquoten belegen. Und nicht zuletzt haben gerade auch diese Fernsehübertragungen zum Fasnachtsboom der letzten Jahre beigetragen. Doch wie wirkt sich die Präsenz des Fernsehens auf Narren und Zuschauer aus?

Was die Zuschauer anbelangt, so hat die Kunde von der Fernsehübertragung auf die einen geradezu Magnetwirkung, und so mancher steht bereits Stunden vor Umzugsbeginn in Sichtweite einer Kamera am Straßenrand, um wenigstens einmal im Fernsehen zu sehen zu sein. Andere dagegen sehen nun keine Notwendigkeit mehr, sich kalte Füße und Nasen zu holen, da hat man's in der guten Stube doch wesentlich wärmer und gemütlicher, wenngleich das Fernsehen die närrische Stimmung vor Ort nur bedingt rüberbringen kann. Doch diese Einschränkung nehmen viele für die dafür gewonnene Bequemlichkeit im heimischen Fernsehsessel gerne in Kauf.

Positiv zu bewerten ist, daß die schwäbisch-alemannische Fasnacht durch das Medium Fernsehen nun auch in teils weit entfernte Gegenden übertragen wird, wo diese in der präsentierten Form ansonsten nicht zu sehen und meist auch nicht bekannt wäre, und der eine oder andere mag sich dadurch durchaus animiert fühlen, auch während der Fasnacht mal gen Süden in den Schwarzwald oder an den Bodensee zu reisen. Auch haben die Fernsehzuschauer in den vergangenen Jahren insbesondere bei den Umzügen mit dem Fasnachts-forscher Dr. Werner Mezger als Kommentator viel Wissenswertes über Ursprung, Bräuche und Symbole der Fasnacht auf dem neuesten Stand der Forschung erfahren können. Und doch scheinen Bedenken angebracht zu sein, denn dem Vernehmen nach hat dieses Überangebot an Fasnachts-Liveübertragungen bei so manchem Zuschauer bereits zu einer gewissen Übersättigung geführt, und es ist damit zu rechnen, daß die Sache sich irgendwann totläuft, wenn das Zuschauerinteresse nachläßt und das Fernsehen sich aufgrund sinkender Quoten wieder ausklinkt.

Des weiteren wird hierbei eine Konsumhaltung gefördert, wie wir sie auch aus anderen Bereichen bereits kennen. Per Knopfdruck können wir uns fast jedes beliebige Ereignis und fast jede beliebige Abwechslung nach Hause holen, sei es am Fernseher, sei es am PC, und das "Erleben aus der Konserve" wird leicht zum Maß aller Dinge. Fasnacht im Fernsehen sollte nur für denjenigen erste Wahl sein, der sehen möchte, wie Fasnacht überhaupt ist, wie Fasnacht anderswo ist, und eine Alternative für denjenigen, der zu weit weg wohnt, sich nur als "halber Fasnachtsmensch" fühlt oder aus irgendwelchen Gründen ans Haus gebunden ist. Wirklich in der ersten Reihe "sitzt" allerdings nur, wer selbst dabei ist und mit dazu beiträgt, den entsprechenden Rahmen für das närrische Spektakel zu bilden. Denn man stelle sich vor, tausende von Hästrägern ziehen durch gespenstisch leere Gassen, und alle Zuschauer sitzen zu Hause vor dem Fernseher.

Ein weiterer Aspekt, der zu denken gibt, ist die Tatsache, daß sich zumindest manche Narren vor den Kameras extrem in Szene setzen und danach eher lustlos an den übrigen Zuschauern vorüberziehen. Von manchen Umzugsteilnehmern selbst wird ferner beklagt, daß die Fernsehaufnahmen zu sehr in den Umzugsablauf eingreifen und immer wieder zu Staus und Lücken führen.

Bei allem Für und Wider kann man im Interesse der Fasnacht nur hoffen, daß es künftig zu keiner weiteren Kommerzialisierung der Fernsehfasnacht z.B. in Form von Werbeeinblendungen während Umzügen oder dergleichen kommen wird und die Narren nicht zu reinen Statisten degradiert werden. Auch hier wäre weniger mehr.  (2000)

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