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Es wär so schön, ein Narr zu sein ... 

Ich bin am richtigen Ort und sogar zur Fasnetszeit geboren, ausserdem habe ich den "richtigen" Glauben. Trotzdem wollte mich an meinem heutigen Wohnort keine Maskengruppe als Mitglied haben. An meinem Geburtsort kann ich auch nicht an der historischen Fasnet aktiv teilnehmen.

Nun der Reihe nach: Ich bin in Rottweil am 22. 02. 1936  - dem Fasnetssamstig - im Spitäle geboren. Der Narrensprung ging am Fasnetsmentig nahezu am Spitäle vorbei. Es ist das gleiche Spital, das nach einer Schenkungsurkunde von 1310 die fünf Fasnachtshühner zu erhalten hatte. Nahezu bis zu meinem 11. Lebensjahr habe ich in Rottweil gewohnt und bin dort zur Schule gegangen. Zweimal, 1939 und 1946, habe ich den Narrensprung gesehen. 1946 konnte ich gut mit der Geißel klepfen, wie ein echter Rottweiler Narr jucken und juchzgen. Die Zeit war schlecht, aber wir Kinder waren begeistert dabei. Ich erinnere mich noch gut, wie ein Narr bei diesem Narrensprung auf einer Fleischgabel eine Boden-Kohlrübe aufgespießt trug und rief "Rottweiler Nationalspeise". In der Tat, auch wir hatten zu dieser Zeit statt Kartoffeln diese Boden-Kohlrüben im Keller. Von wegen Fleisch, heute im Überfluss schmeckt es uns wieder aus anderen Gründen nicht. Aber zurück, denn diese Kohlrüben schmeckten scheußlich, wenn sie ohne Fett nur im Wasser gargezogen wurden. Das Salz musste ich als 9- oder 10jähriger als Sole in der Milchkanne draussen in der Saline holen. Seit dieser Zeit habe ich die Fasnet im Blut. Uns Kindern aber auch zahlreichen Narren war auch die morgendliche Bußmesse am Aschermittwoch eine vertraute Pflicht. Wir sangen dann: "Weg, o Christ, vom Weltgewühle, blicke hin nach deinem Ziele, sieh das Bild des Todes hier! Kreuz und Asche sagen dir: Was geboren ist auf Erden, muss zu Erd' und Asche werden." Trotzdem würde ich gerne einmal (wirklich nur 1 mal) in Rottweil beim Narrensprung mitjucken. Solange ich das noch kann, bald bin ich 65. Ich habe vergangenes Jahr mit einem Rottweiler Fasnets-Oberen telefoniert. Der war höflich und kühl. "Es wollen viele in Rottweil Fasnet machen. In Rottweil sind viele geboren."

Meine Familie zog zur Jahreswende 1946/47 nach Balingen um. Der damals notwendige Wohnungstausch wäre ein lesenswertes Stück für heutige Wohnungssuchende. In Balingen gab es keine Fasnet, sondern sogenannte "Kappenabende". Wir fuhren deshalb so oft wie möglich mit dem Dampfzug nach Rottweil zum Narrensprung. In den späteren Jahren war ich dann nicht mehr jedes Jahr dort.

An meinem heutigen Wohnort auf den Fildern habe ich im Jahre 1978 ein Reihenhaus erworben. Zweimal versuchte ich in eine Maskengruppe zu kommen, wurde aber jedesmal nicht aufgenommen. Die Bedingungen waren und sind auch heute noch zum Teil diskriminierend. Die Einheimischen sagten zu dieser Zeit noch "Fasching" zur Fasnet. Ich konnte das adaptierte bayrische Wort "Fasching" in einem ehemals vorderösterreichischen Ort nicht begreifen. So mache ich eben heute Fasnet als freier Maskierter, denn heute möchte ich in keine örtliche Maskengruppe mehr hinein!"

Anmerkung der Redaktion: Der Wunsch ging im Jahre 2003 endlich in Erfüllung. G. L. (2001)

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