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Fasnetstage in Schömberg
Jetzt kommt die längst gewünschte Stunde...

Für die Bewohner des kleinen Städtchens Schömberg am Südrand der Schwäbischen Alb beginnt jedes Jahr am Fastnachtssonntag "die längst gewünschte Stunde". Gegen Ende der langen Winterzeit schlüpfen sie dann endlich wieder in ihre bunten "Narrenkleidle", um das höchste Fest der Stadt zu feiern: Fasnet!

Da, wo die Schwäbische Alb in ihrem südwestlichen Verlauf abrupt abbricht und in eine kontrastreiche, hügelige Bauernlandschaft übergeht, genau am Fuß des 1003 Meter hohen Plettenbergs, liegt Schömberg. Es tut sich nicht viel in dem Nest mit seinen rund 2000 Einwohnern. Nur die stark befahrene B 27, die den Ort mitten durchtrennt, sorgt für ein bisschen Unruhe, Und die Schömberger Fastnacht, die es an wenigen Tagen im Jahr fertig bringt, das ganze Städtchen auf den Kopf zu stellen. Der erste Ton des Schömberger Narrenmarsches wirkt wie der Kuß der Königstochter im Märchen vom Froschkönig - schlagartig findet eine wunderbare Mutation statt, jeder wird zu Prinz oder Prinzessin, und wenn sich am Fastnachtssonntag die Narren zum ersten Mal in überwältigend bunter Schar über den Marktplatz ergießen, haben wieder einmal die Lichtgeister über die Dämonen der Finsternis gesiegt, die Tage des Winters sind gezählt.

Schon Monate zuvor, eigentlich das ganze Jahr über, sehnen die Schömberger ihr irdisches Paradies herbei, in dem sich stilles Glück mit fröhlicher Ausgelassenheit paart. "Fasnet" haben sie diesen schönen Traum getauft. 

Sobald die Schömberger in ihr Narrengewand schlüpfen, sich die schweren Schellen umgürten und als letztes schließlich die "Larve" aus Lindenholz aufsetzen, ist das wie ein Schutzwall gegen Alltägliches und Genormtes, jedenfalls weit mehr als nur eine Kostümierung. Unter der Larve passiert etwas Geheimnisvolles, eine neue Identität wird angenommen, eine, mit der man sich freier und besser fühlt. 

"Ein Bild von nie dagewesener Schönheit"

Schön sehen sie aus, die "Fransenkleidle", majestätisch in Samt gekleidet, mit Hahnfedern und einer lieblichenFransenkleidle Maske; die "Fuchswadel" mit schwerem Geschell, Jacke und Hose aus Leinen, bemalt mit phantasievollen Figuren aus der Märchenwelt. Wer sich so ein "Kleidle", komplett inklusive Holzmaske, fertigen läßt, muß heute gut und gern 4000 Mark hinblättern. Alle Kleidle sind in Familienbesitz und werden von Generation zu Generation weitervererbt. Am Dreikönigstag wird der "Narr" schon einmal behutsam aus der Truhe geholt und kurz angelegt. Es ist ein Ritual von geheimem Zauber, Fasnet ist nichts Oberflächliches, sehr viel Ursprüngliches und Elementares schwingt mit.

Mit ihrer Narrenzunft gehören die Schömberger zur alemannisch-schwäbischen Fasnet, die so wenig mit dem rheinischen Karneval gemein hat. Einem Schömberger Narren seine Fasnet zu verbieten, sagt Narrenvater Emil Riedlinger, hieße ihm einen Teil seiner Seele rauben. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben dies die französischen Besatzungstruppen versucht. Dem jungen Emil Riedlinger, der beim Kommandanten Anfang 1946 zwecks Fasnet-Erlaubnis nachfragte, wurde beschieden, er möge doch lieber Blumen auf die Gräber des nahegelegenen KZ-Friedhofs legen, statt Fastnacht zu feiern - eine Entscheidung, gegen die nur schwer anzukommen war.

Die Schömberger riskierten trotzdem ihren Narrensprung, am Fasnachts-Montag zunächst noch ohne "Kleidle", am Dienstag dann mutig in voller Montur. Die Franzosen haben damals ein Auge zugedrückt, vielleicht weil sie die Schömberger Polonaise so beeindruckt hat. Dreimal während der närrischen Tage, immer wenn die Polonaise getanzt wird, verwandelt sich der Marktplatz zum Epizentrum der Fasnet. In strenger Formation treffen die Fransenkleidle, Fuchswadel und die Einzelfiguren der Schömberger Fasnet, der Harzer, der Blätz und der Halbschwarze, auf dem Marktplatz ein und tanzen - dirigiert von den beiden Husaren - eine leibhaftige Polonaise, so wie es früher an französischen Höfen üblich war. Annähernd 800 Larventräger sind es, die bei diesem Höhepunkt der Fasnet dabei sind und in eigenartig anmutenden Schrittfolgen fast eine Stunde lang zu den Klängen des Narrenmarsches tanzen - ein überwältigendes Bild "von nie dagewesener Schönheit", so beschreiben es die Schömberger selbst.

"Da Bolanes " von der Walz mitgebracht

Was in aller Welt ist denn in die Schömberger gefahren, eine französische Polonaise als Herzstück in ihre Fasnet einzubauen? Einiges ist wunderlich an dieser Fasnet, vieles wunderbar, aber alles, was geschieht, ist auf historische Wurzeln zurückzuführen. im Fall der Polonaise ist es die Person des Wandergesellen Johann Wuhrer, der im letzten Jahrhundert in Frankreich auf der Walz war und von dort die Polonaise mitbrachte, "der" Polonaise, wie die Narren le auf ihre Weise eingedeutscht haben.

Hierzulande sind die Narren diszipliniert. Schulter an Schulter, meist in Viererformation, geht's rein ins Städtchen, alle springen zum Takt der Blechmusik und der gewaltigen Pauke - da, daaa - Tausende von Schellen klingen dazu. Es sieht fast schon genialisch leicht aus, wie die Narren trotz schwerem Geschell jeweils mit einer leichten rhythmischen Verzögerung ihre Schritte setzen (jucken, wie man hier sagt). Keiner möchte beim Narrensprung und schon gar nicht bei der anschließenden Polonaise aus der Reihe tanzen. Der Zug geht vorbei an einigen Besuchern und den wenigen Schömbergern, die an der Fasnet lieber Frosch als Prinz spielen. Unter der Larve ist es stickig, die Außenwelt, reduziert auf zwei Sehschlitze, verliert an Realität, läuft filmähnlich ab. Jeder Beobachter spürt das Ursprüngliche, hier ist nichts aufgesetzt: Was die Bewegungen eines Narren im Takt des Narrenmarsches zu dessen selbstverständlichem Habitus werden läßt, erscheint bei einem rheinischen Jecken als gekünstelte Pose.

Mit Ausnahme von Husar und Harzer, von denen es insgesamt nur ein halbes Dutzend Kleidle gibt, sind die Larven der Narren geschlechtslos - was beileibe nicht heißen soll, dass an der Fasnet der kleine Unterschied in Vergessenheit gerät. Ausgelassene Narrenfeste waren schon an den mittelalterlichen Höfen des Adels üblich. Später wurde dieser Brauch von den Bürgern übernommen mit der Absicht, sich vor der Fastenzeit noch einmal kräftig auszuleben. Es ist auch kein Zufall, dass alle Larven ein Doppelkinn haben: man wollte so wohlgenährt aussehen wie der Fürst. Und ganz nebenbei hatte man früher an der Fasnet auch Gelegenheit, einem beliebigen Oberen gehörig die Meinung zu sagen, ohne gleich Kopf und Kragen zu riskieren. Auch heute noch wird an der Fasnet viel gefrotzelt und die Meinung gesagt, in Schömberg im breitesten Schwäbisch. Zuweilen fällt ein Spaß auch einmal recht derb aus, aber wen stört's: Schwäbische Narren sind tolerant, in Schömberg kennt jeder jeden, und zum Glück kann man hier genauso kräftig einstecken wie austeilen, und so geht alles immer gut aus.

Beim Betzeitläuten muss das Gschell zu Hause sein

Um 18 Uhr ist die offizielle Zeit der Narren vorbei. Das heißt aber nur, dass sie ihr schweres Geschell ablegen müssen, um nicht der Kirche, die in dieser katholischen Gegend mit Glockengeläut zur Andacht ruft, ins Gehege zu kommen - offenbar das Relikt einer früheren Absprache zwischen Klerus und Narrenzunft. Sicherlich gut gedacht, aber letztlich ohne Chance für die Kirche, denn an Fasnetsonntag und -montag gelten hier die Schömberger Freinächte. Das heißt nichts anderes, als dass alle feiern, solange sie können und wollen, ohne Rücksicht auf Polizeistunde.

Gasthäuser gibt's genug

Und ob sie wollen, im Goaße-Himmel, in Hehl's Besenwirtschaft, im Plettenberg, in der Traube und im Café Baier geht's hoch her, und wenn's knüppeldick voll ist, gehen immer noch einmal zwanzig rein; sogenannte Jahrgangsgruppen, phantasievoll kostümiert, ziehen von Kneipe zu Kneipe und treiben ihre Späße; und immer da, wo gerade die Schömberger Stadtkapelle auftaucht, schwappt die Stimmung über.

Fremde sind in Schömberg willkommen, werden aber zunächst einmal abwartend beäugelt. "Erst sehen, ob es ein Rechter ist, sagt man hier, was nichts mit der politischen Richtung zu tun hat. Und wer ein Rechter ist, wird auch als Fremder schon nach kurzer Zeit akzeptiert, wobei gerade junge Leute überraschend offen und herzlich auf einen zugehen.

"Jetzt kommt die längst gewünschte Stunde... "

Zu einem weiteren Höhepunkt zählt der Reigen, den die Narren nur einmal an der Fasnet, am Montagvormittag, auf der Alten Hauptstraße zum Narrenlied tanzen: "Jetzt kommt die längst gewünschte Stunde...". Die meisten haben sich zuvor mit dem Narrenfrühstück "Saure Kuttla mit Bier" für den anstrengenden Tag gerüstet, was nicht unwichtig ist, denn Stehvermögen brauchen die Narren allemal. Das Kleidle mit den Schellen, gehämmert aus alten Waldsägen, wiegt schwer, und bei den Umzügen und vor allem während der Polonaise rinnt der Schweiß in Strömen. Am besten geht es da noch dem verschmitzt dreinschauenden Harzer, der als Einzelfigur immer ziemlich unbeteiligt nebenher marschiert, mit seinem Besen bevorzugt weiblichen Zuschauern die Füße kehrt und ansonsten permanent Bonbons verteilt. Kein Wunder, dass ihm ständig rattenfängerähnlich eine Horde Kinder hinterherläuft, die ab Dienstag wenig ehrerbietend skandiert: "Die Fasnet ist bald aus, der Harzer hat ein Rausch." Es sind eben nicht nur Narren, die die Wahrheit sagen...

Am Schluss rollen die Tränen

Schlagartig, am Dienstag um 24 Uhr, ist alles vorbei. Kurz zuvor bei der Mitternachtspolonaise schwappt die Fasnet noch einmal über, alle sind mit Fackeln und letzten Temperamentsausbrüchen dabei; an Disziplin denkt keiner mehr, jeder tanzt ein bisschen so, wie er möchte, und den Husaren als Ordnungshütern ist's jetzt auch egal. Danach gehen alle still auseinander, ein Abtauchen in die Kneipen gibt es jetzt nicht mehr, die Fasnet ist zu Ende, das Prinzsein auch. Für alle Beteiligten sind es Minuten von Melancholie und Traurigkeit, und ein paar Tränchen sind auch dabei.

Am Aschermittwoch beim Katerfrühstück fragt sich dann so mancher Schömberger, warum denn noch so viel Monat am Ende des Geldes übrig ist. Besser haben es da die "Zwanzger", das sind die jungen Mädchen und Burschen, die im laufenden Jahr zwanzig Jahre alt werden und die traditionell eine wichtige Rolle im Narrenleben der Stadt spielen. Sie sammeln sich bereits am Aschermittwoch wieder und erbitten in allen Geschäften eine milde Gabe, um ihre Kneipenschulden begleichen zu können.

"Es ist das Höchste irn Leben, ein Narr zu sein", sagt ein engagierter Zwanziger, und das ist wortwörtlich so gemeint. Die Aschermittwochstimmung wird in Schörnberg deshalb auch nicht allzulange anhalten. Schon in wenigen Monaten geht es wieder "dagege", was soviel heißt wie "die nächste Fasnet kommt bestimmt", und je näher sie rückt, um so öfter wird man eine Melodie vernehmen, bei der es den Schömbergern leicht und angenehm den Rücken herunterrieselt: "Jetzt kommt die längst gewünschte Stunde..."

Von Gerhard Seifried, veröffentlicht in "Narri-Narro" 1/2001
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