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Der "Sagt-er" in Mühlheim a.d. Donau
Die letzte Mehlung

Eine Schar Hemdglonker taucht an beliebten Ecken auf und belebt sie. Ein Rügebrauch, singenderweise. Das wundert niemand. Nicht an der Fastnacht. - Warum aber gilt gerade dieser Sagt-er aus Mühlheim an der Donau als so außergewöhnlich, als so sehr "Mühlheim"? Spürbar für Fremde und Forscher, geliebt von den Vertrauten, euphorisierend für die Eingefleischten?


Berlin 1890: Ein Mühlheimer in Berlin
So steht es geschrieben: „Weilens eines Aufenthalts in Berlin bei seiner Schwester kam der Mühlheimer Bürger Balthasar Leibinger 1890 in den Genuss eines Vaudevilles mit Namen Die Wiener in Berlin. Ein Titel daraus muss es ihm besonders angetan haben. In Berlin, sagt er ...“
Mühlheim 1892: Das erste Mal

1892 wird der Sagt-er uraufgeführt. Federführend ist der Berlinreisende Balthasar Leibinger. Er verwendet die Melodie von In Berlin, sagt er. Dessen textliches Grundgerüst sowieso.
Machen wir es uns klar: Der Sagt-er ist mit seinen grob über 100 Jahren ein Jungspund unter den Bräuchen (an einem Ort, dessen erster Fastnachtsbeleg in jene Jahre fällt, in denen andere irrten und meinten, einen Seeweg nach Indien gefunden zu haben). Er sitzt einem Gassenhauer auf, einem "Schlager", importiert aus der urbanen Metropole Berlin. Hat das etwas mit Fastnacht zu tun?
Auf was Leibinger angesprungen ist, das sind die Elastizität und die Vielseitigkeit des Vierzeilers. Leibinger tat, was wir alle tun. Und vor uns und ihm auch andere. Schon das Erfolgsduo des deutschen Vaudevilles Carl von Holtei (Text) und Karl Ludwig Blum (Musik), aus deren Federn Die Wiener in Berlin wohl vor 1830 flossen, setzten auf ein vorgefundenes In Schönbrunn, sagt er; In Berlin wird auf die Melodie von In Schönbrunn intoniert. Ihre Version schwang sich zum Hit und Evergreen auf, und als solchem lesen wir von ihr in Theodor Fontanes Unterm Birnbaum (1885). Nicht anders verfuhr jener Anonymus, der uns eine politische Umdichtung aus den 1848er Revolutionsjahren hinterließ. Überhaupt: Ohne Zahl sind die Vierzeiler, die sich das sperrige "Sagt-er" einverleiben (oba gestan sogd a hob is gschbiad / jo wiari hoam bi sogd a vo dem wiad / jo grenzenlos sogd a hods mi drahd / jo no da seitn sogd a akkurat).


Zeitlos: Der Sagt-er-Vers ist eine Gussform
Balthasar Leibinger tat, was alle tun. Allein, Umsingen ist eine hohe Kunst. Vierzeiler dichten und singen erst recht. Leibinger, der Virtuose, schuf ein Modell, in das sich alljährlich Fastnachtsgeschehen gießen lässt, und dies über Jahre, ja mittlerweile Jahrhunderte weg, weil es sich nicht abnutzt. Der Sagt-er von Mühlheim zeigt, wie Neues am alten Ort entstehen und zum Brauch gerinnen kann. Das Neue wuchs aus der Fastnacht heraus, wuchs in sie zurück und ist, es darf nicht übersehen werden, gezeichnet von der Zeit seiner Entstehung.
Die Idee: Leibinger überträgt die Verse einem Vorsänger, während er das wiederkehrende "Sagt-er" von einem Chor respondieren lässt. Der Vorsänger im (heute karierten) Frack, mit Zylinder und Dirigierstab karikiert den typischen Honoratior von damals. Der Chor kleidet sich einheitlich (historische Minimalvarianten übergehend) heute so: schwarze (Zipfel-)Mütze, rotes „Fasnets“-Halstuch, langes weißes Hemd, schwarze Hose, schwarze Schuhe. So steht er vor uns, „Mühlheims bester Männerchor“, nach eigenem gesungenem Bekunden. Er besingt, was andere gern vertuschen. Missgeschicke, Possen, Curiosa, die das Leben schreibt. Jeder Merkwürdigkeit, jedem Protagonisten ist ein Vers reserviert. So muss jedes Jahr neue Verse zeitigen. Das gelingt.
Fasnetsmontag, Haupttag, 8 Uhr 30: Die letzte Mehlung

Wir treffen uns in der Nähe der ersten unserer fünf Stationen. Es erweist sich jedes Jahr als trefflich, dass hier der „Sternen“, d’Stiarna, liegt und offen hat. Also rein. Die Brille beschlägt. Mann an Mann. Sagt’rmanne. Es heißt nicht Hemdglonker oder sonst wie, sondern, egal wie alt, Sagt’rma. Es heißt auch nicht Sagt-er, sondern Saggt’r. Wollte jemand „sagt er“ auf Millemerisch sagen, er würde niemals saggt’r sagen. Aber der Saggt’r heißt Saggt’r. Und gesungen wird Sagddär (mit Betonung auf der ersten Silbe). Im Stiarna ist es überlaut. Die Saggt’r-Kappa beißt, als wären tausend Krebse darunter. Die Gespräche beginnen so: "Und?" - "Etzt?" - "We?" und beziehen sich auf den Abend gestern und das werte Befinden heute. Im Gang hinter der Wirtsstube stehen eine Schale Öl und eine Schüssel Mehl. Damit werden archaisch anmutende Maskierungen hergestellt. Das Gesicht mit Öl beschmiert, bläst man explosionsartig ins Mehl. „Mehlen“ heißt das. Miala. Innerlich wird geölt. Das erste Glas Bier. Wenn des hebbt, isch guat. Kurz vor neun: "Sind emol ruhig!" "He, a Ruh etzt!" Der Vorsänger gibt, exklusiv für uns, ein, zwei Verse noch im Wirtshaus zum Besten, so zum Vorglühen. Dann raus. 
Rathaus, circa 9 Uhr 5: 

Was sagt er wann, wo, wie und warum?
Im Dauerlauf hintereinander her zum ersten Stand am Rathaus. In den letzten Jahren sind wir anhaltend rund 200 Mann. Wenn d’Fernsäh do ischt, regelmäßig mehr.

Hiermit stell’ ich / sagt er / 
Ihnen vor / sagt er / 
Mühlheims besten / sagt er / 
Männerchor. / sagt er /
Dieser wird / sagt er /
vor allen Dingen, / sagt er /
Was hier geschah / sagt er /
in Versen singen. / sagt er /

Der Einleitungsvers. Er läutet den Sagt-er an allen fünf Haltepunkten, am Rathaus, im Tor, vor dem Tor, am Narrenbrunnen und in der Kirchengasse ein. Es folgen vierzehn aktuelle Verse und ein immergleicher Schlussvers.
Natürlich spielt es eine Rolle, was besungen wird. Der Vorfall muss sagt-er-würdig sein. Ich spreche nicht aus Erfahrung, aber es wird, glaube ich, schon ein wenig als Ehre empfunden, im Sagt-er vorgekommen zu sein. Offen gerügt wird niemand, nur erzählt wird, was hier geschah. Jeder kann dra kumme. Originale haben es leichter. Schon die Weise, einen Übernamen so in einen Sagt-er-Vers hineinzuformulieren, dass es aussieht, als ließe sich das Gesagte unmöglich anders ausdrücken, kann dem Vers einiges an Esprit einhauchen. Das zeigt: Der Weg ist das Ziel. Allentscheidend ist die Frage, wie er es denn sagt. Wie werden die magischen vier Zeilen aufgeladen, dass wir jedes Mal aufs Neue überrascht sind?

Im Tor, so um halb 10 Uhr: 
Die ganze Welt in vier Zeilen

Die Melodie bildet den Fixpunkt, sie gibt uns Halt. Sie eröffnet, zutiefst dem Thema der klassischen Sonatenhauptsatzform verwandt, das Spiel, bei dem der Spannungsbogen angezogen und auf unerhörte Weise schnellen gelassen wird. Der Text spielt mit. Manchmal unisono mit der Melodie, manchmal, und nun das Spiel überhöhend, gegen ihren Lauf. Bis jetzt flanieren wir rein über das Papier. Soll heißen, die Rede war von des Dichters Kunst. Seine Vorarbeit legt den Grundstein. Die Verse aber drängen auf die Straße. Erst dem Vorsänger bleibt es vorbehalten, dem Sagt-er Leben einzuhauchen. Ihm allein. Unterm Jahr gehört der Sagt-er nicht zum alltäglichen Liedrepertoire der Mühlheimer. Das schreibt uns kein Gesetz vor, das gibt eher das Gespür ein.

Vor dem Tor, grob 10 Uhr: 
Rasante Ausschüttung von körpereigenen Drogen

Der Vorsänger ist in seinem Element. Er zelebriert den Sagt-er. Er schmettert, flüstert, haucht. Imitiert, knödelt. Bremst, lacht. Hüpft, grinst, beschleunigt. Ausfallschritt und Dirigierstabstich. Er bringt es auf den Punkt. Er sperrt die Spannungsklammer eines jeden Verses weit auf wie ein Drachenmaul. Damit lockt er uns. Er kitzelt unser Fasnetsorgan. Wir lauern.
Wir setzen die Hände in die Hüften, singen unser namengebendes „Saggdär“ und nicken jedes Mal dazu. Gesangstechnisch bleiben wir bis an die Schmerzgrenze unterfordert; unser einziger Ton: die Quinte der Tonika. Jeder Vers wird mit einem Tirallala abgerundet, jede Station mit einem lauten Juchzer. Das Tirallala wird getanzt, zu zweit. Wulf Wager sprach von einem Dreher. Erwarte niemand eine Tarantella. Oder einen Veitstanz. Ich selbst etwa pflege ein kleinschrittiges Tänzchen mit spartanisch wenig „Dreher“. Bloß nicht „Dreher“. Genug „Dreher“ in diesen Tagen.
Am Narrenbrunnen, so gegen halb 11 Uhr: Auf der scharfen Seite des Wortes

Dabei bleibt es nicht. Wir spitzen die Ohren. Wir lassen keine Gelegenheit aus. Manchmal können wir nicht anders. Wir müssen das „Sagt-er“ ersetzen, durch einen Übernamen zum Beispiel („Schnur-ri“). Das kann jemanden treffen, der an der Station wohnt oder dem der Vers gilt oder der halt grad unsere Wege kreuzt. Hin und her geworfene Zwischenrufe, bisweilen reicht ein Zwinkern. Leichte Variationen beim Singen, Tanzen, manchmal kommt es zu Umdichtungen ad hoc. Meine schönste Erinnerung diesbezüglich: Einst reimte sich die vierte Zeile auf den Namen unseres derzeitigen Vorsängers. Schon nach dem ersten Mal übernahm sein Chor schallend diesen Reim für ihn. Der Vorsänger selbst entfernt sich bisweilen vom Text. Nimmt durch und durch fasnetsmäßig sofort Bezug auf Anwesende oder unsere Einsprengsel. 

So, nun wäre / sagt er / 
ich am Schluss, / sagt er / 
aber bitte / sagt er / 
kein Verdruss. / sagt er /
Es tue jeder, / sagt er / 
was er kann, / sagt er /
im nächsten Jahr / sagt er /
sind andere dran. / sagt er /

Der Schlussvers. Der Klassiker, was die Umdichtung aus dem Steigreif angeht: Der Vorsänger streicht "andere", nennt Namen, zeigt womöglich auf denjenigen und prophezeit ihm einen Sagt-er-Auftritt in der nächstjährigen Neuauflage. Beim Sagt-er befinden wir uns beständig auf der scharfen Seite des Wortes. Je schärfer, desto mehr lieben wir ihn - unter Einhaltung des narrenethischen Beleidigungstabus. Ein guter Sagt-er liefert noch lange Gesprächsstoff. Nie ist der Sagt-er krachig, kalauerig, pointensüchtig. Darum setzen wir die Selbstparodien mit äußerster Vorsicht ein. Wir wollen keinesfalls, dass sie sich verselbstständigen und umwerfen. Die Folie für das Wort muss immer frei sein.
Kirchengasse, gegen 11 Uhr, wer weiß: Nicht manipulierbare Fastnachtsgene

Fünf lange Stationen lang immer die gleichen 16 Verse, wird das nicht trist? Aber das ist es doch: Der Sagt-er wird keinesfalls nur aufgeführt, nur "gegeben", er ereignet sich. So wächst jeder einzelne Vers zum eigenen Drama aus, jede Station zum Schauspiel für sich. Jedes Mal. Fern dem, was auf dem Papier steht, regelt das keine Regie. Es gib keinen Plan, und wenn es ihn gäbe, er wäre per se grundfalsch. Was es gibt: ein unberechenbares Irgendwas und magische Momente. Fasnet halt.
Erstaunlich am Sagt-er ist seine Zugänglichkeit für Außenstehende. Das liegt zweifelsohne an seinem Darbietungscharakter. Der Sagt-er ist eine Mitmach-Darbietung. Auch das ausgezirkelte Textspiel, der geschichtete Vierzeilerzauber im Mischmasch aus Dialekt und Hochsprache bleibt von außen nachvollziehbar. Freilich muss der Zuhörer, der darauf aus ist, die tieferen Ebenen zu goutieren, um die getarnten Anspielungen wissen. Die tiefere Schicht ist aber nicht die eigentliche, sondern ein Paralleluniversum. Wie immer, Paradebeispiel Aufsagen, an Fasnet.
11 Uhr irgendwas: Metamorphose der Verse

So, nun wäre er am Schluss. Endgültig. Die Zuschauer laufen auseinander. Wir sammeln uns. Diesmal im Rössle. Wir gehen zum Quodlibet über. Der Sagt-er ist die Kunst des salva venia furztrockenen Witzes und dörrt unsere Kehlen aus. Das Quodlibet hat mit dem eigentlichen Sagt-er nichts zu tun. Und doch, für uns ist es elementar. Ich nehme die Kappe von der Glatze und lasse die Krebse frei.
Wieder Mann an Mann. Apropos: Es ist hier nicht der Ort zu diskutieren, ob es richtig ist, dass keine Frauen am Sagt-er mitmachen dürfen. Als der Sagt-er entstand, war das so. Und etzt isches scho so. Aus heutiger Sicht ist das ohne Frage kritisierbar. Wir heute würden es anders machen. Eines sei aber festgehalten. Fasnet hat viel mit Gefühl, mit Befindlichkeit zu tun, und es mag ein durch und durch persönlicher Eindruck sein, den ich mit dem Sagt-er und dem Nach-Sagt-er im Rössle verbinde, aber: Wenn sich sekundengenau 150 Männerkehlen spreizen, um loszulachen, wenn sie sich aufreißen, um zu singen, dass die Scheiben klingeln, so eröffnet sich eine Dimension, für die ich keine anderen Worte habe als sound und feeling. In der Erinnerung tauche ich tief in diese Empfindung ein, ihr gehört der Sagt-er.
Vereinzelt haben sich schon exkursierende Volkskundler ins Rössle gewagt. Und sich dazu anspornen lassen, so wie wir auf dem Stuhl zu stehen und einen Witz zu erzählen. Leute, die mit der Materie aufs Beste vertraut waren, theoretisch, was ihnen die Ankündigung als "Witzprofessor" einbrachte.
Warum sie heute nicht mehr kommen, weiß ich nicht. Wir aber erzählen hier die Witze nicht, wir lieben es, sie in Szene zu setzen. Im Rössle klebt uns der Geist des Sagt-ers am zu langen Hemd. Kaum ein Witz, in dem nicht ein Anwesender vorkäme. Sodann: Gegenwitz. Nun über allerhand Spitzbuben und Schlenkel, mag sein über Lehrer, vielleicht Polizisten, Große, Kleine, Hochdeutsche, Stettemer keine Frage ... Wer halt grad da ist. Niemals ohne Gegenwitz. Und zwischendurch tanzen die Lippen zum Gesang. Fasnet halt.
Rössle, womöglich halb 1 Uhr: Ja, geht´s noch?

Der Sagt-er ist vorbei, wenn man durch die Tür vom Rössle ins Freie tritt, geblendet wird, kurz aussteuern muss, wie man dran und drauf ist. Ein mancher findet nach dem Sagt-er nicht mehr in seine ursprümglichen Pläne für die laufende Kampagne zurück. Gut so

Christof Heppeler, veröffentlicht in "Narri-Narro" 2/2002
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