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Hänselejuck in Überlingen
Peter Haller

Eines will ich vorwegnehmen: jeder Versuch, die grandiose Stimmung und die Faszination des Überlinger Hänselejucks (Juck = alemannisch für Sprung) gebührend in Worte zu fassen, ist schon von vornherein dazu verurteilt, nur ein unzulängliches Ergebnis hervorzubringen, da der Sprache Grenzen auferlegt sind, die wir mit unseren Gefühlen mit Leichtigkeit überspringen können. Die folgende Beschreibung kann daher nicht mehr sein, als ein kleiner Vorgeschmack. Kommen Sie selbst und staunen Sie. 

Es ist Fasnetssamstagmorgen – "Hänseletag" in Überlingen. Noch deutet in den engen Straßen und Gassen der historischen Innenstadt wenig darauf hin, dass hier in wenigen Stunden der Höhepunkt der Überlinger Fasnet über die Bühne gehen wird. Die Spuren vom Fasnetsauftakt am "Schmotzigen Dunschtig" sind weitgehend beseitigt und die Stadt ist für das närrische Spektakel am Abend gerüstet, nachdem die meisten Narren am Freitag einen Ruhetag eingelegt haben. Noch scheint jedoch alles seinen gewohnten Gang zu gehen in der kleinen Stadt am Bodensee. Hier und da an den Häusern eine Fahne in den badischen Farben mit dem Adler und Löwen der ehemals freien Reichsstadt oder eine Fahne mit dem "Hänsele", der Überlinger Traditionsfigur. Auf dem Markt auf der zentral gelegenen Hofstatt herrscht reges Treiben, so wie an jedem Samstag. Doch kaum haben die letzten Händler am Nachmittag ihre Stände abgebaut, tauchen auch schon die ersten Hänsele in ihrem Flecklehäs, das traditionsgemäß nur von männlichen Überlinger Bürgern getragen werden darf, dort auf, um sich vor den Augen der strengen Jury im Karbatschenschnellen zu messen. Den kurzstieligen Peitschen, die je nach Alter und Körpergröße des Hänsele eine Länge zwischen etwa 2,00 m und 4,50 m haben, einen so kräftigen Knall zu entlocken, wie es beim Preiskarbatschenschnellen nun mal gefordert ist, ist keineswegs so einfach, wie es dem unbedarften Zuschauer auf den ersten Blick erscheinen mag, sondern, wenn zur Perfektion getrieben, eine Kunst für sich. Schon Wochen vor der Fasnet hört und sieht man daher in Überlingen Kinder und Jugendliche in den Gassen und auf den Plätzen beim Üben mit ihren Karbatschen. Auch beim Karbatschenschnellen ist schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Nachdem die Sieger in den verschiedenen Altersklassen ermittelt und die Preise verteilt sind, finden sich die Hänsele bald in immer größerer Zahl zum Dämmerschoppen im Feuerwehrhaus ein. Dort hat man nochmals Gelegenheit, sich vor dem großen Auftritt zu stärken oder die Kehle für die späteren Strapazen zu "ölen", und, was mindestens genauso wichtig ist, nur dort erhält jeder Hänsele den begehrten Jahresbändel für sein Häs oder die heimische Sammlung. Schon eine Stunde bevor der Hänselejuck um 19 Uhr beginnt, haben sich die Hallen dermaßen gefüllt, dass es kaum mehr ein Durchkommen gibt, und eine Guggenmusik tut das ihrige, um die Hänsele weiter in Stimmung zu bringen. Gegen 18.30 Uhr ruft der Hänselevater dann zum allgemeinen Aufbruch und zur Aufstellung vor dem Feuerwehrhaus. Mehr als 1000 Hänsele sammeln sich hinter bzw. vor der Stadtkapelle, der Jugendkapelle, dem Spielmanns- und Fanfarenzug sowie weiteren Kapellen aus der Nachbarschaft, um sich gemeinsam Richtung Hänselebrunnen im Überlinger Stadtteil "Dorf" zu begeben. Kurz vor dem Hänselebrunnen kommt die Kolonne zum Stehen. Beim Blick zum Himmel dürfte nun auch der letzte Zuschauer die Gewissheit haben, dass es Petrus auch in diesem Jahr wieder gut mit den Überlinger Hänsele meint. Denn es scheint seit Jahrzehnten ein ungeschriebenes Naturgesetz zu sein, dass es in Überlingen während des Hänselejucks einfach nicht regnet, selbst wenn es eine Stunde zuvor noch in Strömen gegossen hat. Warum Petrus gerade dem Überlinger Hänsele mit seiner dämonischen Herkunft so wohlgesonnen ist, konnte bisher noch nicht in Erfahrung gebracht werden. Allerdings dürften die Beziehungen in dieser Hinsicht in den letzten Jahren sogar eher noch besser geworden sein, seitdem nun auch noch ein Elzacher die Pfarrstelle am Überlinger Münster übernommen hat. (Anm.: 1. Überlingen ist mit Elzach, Rottweil und Oberndorf im Viererbund zusammengeschlossen. 2. Der Verfasser übernimmt keine Garantie für anhaltendes Schönwetter bei künftigen Hänselejucks.)

Hänselejuck

Wenn dann vom Münster die Turmuhr siebenmal schlägt, so ist dies das Startzeichen für das Heer der Hänsele, das sich nun,  angeführt von  Narreneltern, "Narrebolle" (Narrenpolizist), Hänselevater, Kinderhänselefahnenträger und den zahlreichen Kinderhänsele, mit einem kräftigen "Juhu" - dem uralten Überlinger Narrenruf - juckend und juchzend zur Musik des Überlinger Narrenmarsches in Bewegung setzt. Schon kurz darauf erreichen die ersten Kinderhänsele "ihren" durch bengalisches Feuer beleuchteten Hänselebrunnen, wo sich zum ersten Mal Gelegenheit bietet, die Karbatschen zu schwingen und den Beifall der Zuschauer zu ernten. Nachdem es nun auch die erwachsenen Hänsele nicht mehr länger hält, setzt die Umzugsspitze den Umzugsweg durch das "Dorf", vorbei an den mit Hindenburg-Lichtern beleuchteten Fensterfronten, hinunter in Richtung Fransziskanertor fort, während der Zustrom der Hänsele am Hänselebrunnen kein Ende mehr zu nehmen scheint. Hunderte von Hänsele quellen aus der Dunkelheit hervor und werden unmittelbar, ihrem steinernen Ebenbild auf dem Brunnen gleich, in rotes Licht und Rauch gehüllt, eine geradezu gespenstisch wirkende Szenerie vor der herrlichen Kulisse der alten Fachwerkhäuser, ein Eindruck, der durch das Glitzern und Funkeln der Pailletten auf dem Hänselehäs in seiner Wirkung nur noch verstärkt wird. Der Sog in die Stadt hinunter wird nun mit jeder neuen Musikkapelle, die sich mit ihrem Hänsele-Gefolge in Bewegung setzt, immer größer. Bald ist schon die ganze Straße bis zum Franziskanertor auf ihrer gesamten Breite mit Hänsele gefüllt. Durchs Tor, wo die Zuschauerreihen immer mehr werden, 6, 7, 8, 9 hintereinander, und für den Maskenträger kaum mehr zu überschauen sind, zwängt sich der Umzug wie ein kanalisierter Strom, um kurz darauf mit den Zuschauermassen, die den Umzugsweg säumen, wieder zu verschmelzen. Ein Bild von unbeschreiblicher Faszination bietet sich dem Zuschauer von weiter unten in Richtung Franziskanertor, sobald die Straße vom wogenden Hänselemeer überflutet ist. "Hänsele, Hänsele juck mit mir" tönt es an allen Ecken, Hänsele, die schnellen, Hänsele, die Zuschauer mit ihrem Rüssel necken und Mädchen liebevoll die Haare zausen, Hänsele, die Brezele verteilen, Hänsele, die schunkelnd in die Zuschauerreihen treten, Hänsele, die Frauen zum Tanz holen – ganz Überlingen scheint für eine Stunde in närrische Glückseligkeit zu versinken. 

Doch auch der schönste Hänselejuck nimmt mal ein Ende, und zwar, wie jeder Umzug in Überlingen über die Fasnetstage, auf der Hofstatt, von der wir schon weiter oben gehört haben und wo auch der am Schmotzigen Dunschtig aufgestellte und eingeweihte Narrenbaum vom Regiment der Narren über die Fasnetstage kündet. Beim Einzug der Hänsele stehen auch dort bereits tausende Zuschauer dicht an dicht gedrängt, um sich das fulminante Finale nicht entgehen zu lassen. Der von eng sich aneinander schmiegenden Häusern umrahmte, hell erleuchtete Platz im Angesicht des prächtigen alten Rathauses vermag die ohne Unterlass hereinströmenden Hänsele und Musikkapellen kaum zu fassen. Nochmals werden alle narrenmusikalischen Register gezogen, Narrenmarsch, Narrenschunkler, Narrenwalzer, Laugelegumper und Schuttigmarsch immer und immer wieder angestimmt. Sofort springt der Funke der Begeisterung erneut auf die Zuschauer über, nochmals wird geschunkelt, gejuckt und getanzt, Narrenmutter und Narrenvater wagen ein Tänzchen unterm Narrenbaum, und so manchem Zuschauer steht ein Wunsch förmlich ins Gesicht geschrieben: Zeit bleib' steh'n, während sich der ohrenbetäubende Widerhall der knallenden Karbatschen zwischen den alten Häuserfassaden fängt, die Hänsele wieder und wieder ihre Runden drehen, bevor sie sich dann nach und nach unter die Zuschauer mischen und die Stadtkapelle ausmarschiert. 

Der Hänselejuck, der neben dem Fackelzug der Elzacher Schuttige am Fasnetssonntag zweifellos zu den beeindruckendsten nächtlichen Narrensprüngen in der schwäbisch-alemannischen Fasnet gehört und einer ihrer Höhepunkte schlechthin ist, ist bald nur noch wunderschöne Erinnerung, doch eine lange Freinacht steht ja noch bevor. 

Noch ein Wort zum Schluss: nicht jeder erliegt der Faszination des Überlinger Hänselejucks gleichermaßen. Doch jeder, der ihr erliegt, der wird immer und immer wieder kommen und ihn nie mehr missen wollen. Seien Sie also vorsichtig. Es besteht Suchtgefahr!

(Narrenspiegel 2001, veröffentlicht in "Narri-Narro" 1/2001)
Bild © Foto-Diestel Überlingen
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