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Laut und bunt ...
... und sehr, sehr lang
Mit zwölf Umzügen durch die Wolfacher Fasent

von Wilfried Schuler

Dass die Wolfacher Narren die Fasnachtszeit nicht optimal nutzen, kann niemand behaupten. Sie bringen es innerhalb von sechs Tagen auf zwölf Umzüge – mehr Straßenfasnet geht nicht! Dabei haben die Wolfacher zu Beginn der närrischen Tage, beim Fasnetsausrufen, schon einiges hinter sich. Denn sie feiern bereits die Vorfasnet ausgiebig.

Der fastnächtliche Überschwang scheint in Wolfach Tradition zu haben – immer wieder im Laufe der Jahrhunderte versuchte die strenge Obrigkeit die Bewohner der Schwarzwaldstadt von ihren Narrenspäßen abzuhalten: 1543 wurde die Fasnet „als eine heidnische Onsinnigkeit“ untersagt, doch immer wieder schlugen die Wolfacher über die Stränge und überschritten das Verbot. Erst 1785 hatte man ein Einsehen – weniger die Narren als die Obrigkeit: Diese gestattete einigen Bürgersöhnen, sich an zwei Fasnetstagen zu maskieren. Heute müssen sich die Wolfacher Närrinnen und Narren nicht mehr zurückhalten. Die Fasnet ist im kulturellen Leben der Stadt fest verankert.


Schnurren und tanzen „wie de Lumbe am Schdecke“
Zwischen Dreikönig und der Fasnetswoche treffen sich die Narren zu ihren Versammlungen, besuchen Narrentreffen, freuen sich über die Orgelmänner und -frauen, die durch die Straßen ziehend das Narrenblättle verkaufen, und durchtanzen auf den Bällen die Nächte „wie de Lumbe am Schdecke“. Höhepunkte der Vorfasnet sind der Zunftabend in der Festhalle und das große Schnurren. Am Sonntag vor dem Schmutzigen werden die gas-tronomischen Betriebe zu Schnurrlokalen ernannt; sie können den Ansturm der Schaulustigen und Neugierigen kaum bewältigen. Schadenfreude und bange Erwartung halten sich die Waage, denn wie heißt ein Wahlspruch der Schnurranten: „Wer immer Dreck am Stecken hot, der fürchte heute unser’n Spott.“ Und wer weiß schon, wen es erwischt? Vor den Schnurranten bleibt nichts geheim und niemand wird verschont: „In Vers und Melodie und Reim suchen sie die Sünder heim.“ Mit dem Schnurren endet die Vorfasnet.


Wolfach im Umzugsstress
Wenn am Abend vor dem Schmutzigen Dunnschdig die Landsknechte ihre Fackeln entzünden, dann beginnt mit dem Fasnetsausrufen die heiße Phase der Fasnet, in der die Wolfacher und ihre Gäste zwölf Umzüge erleben werden.
Mit Pfeifern und Trommlern ziehen die Landsknechte durch das Schlosstor in die Stadt ein. Sie begleiten die „Burg“, von der der Herold des Guts- und Landesherrn Graf Konrad zu Wolfach die Erlaubnis zur Fasnet verkündet. Kaum hat der Herold seine Aufgabe erfüllt, strömen die Hansel und Rungunkeln, begleitet von Kapellen und Narrenrat, hinter der „Burg“ her, als könnten sie es nicht erwarten. Nur an diesem Umzug nehmen ausschließlich Hästräger teil.

Der Büttel führt den bunten Zug der Hansel an. Fotos: Ralf Siegele

Der Kaffeetantenumzug am Schmutzigen Dunnschdig ist wohl aus dem Nachmittagskaffee entstanden, der früher bei den Floßherren üblich war. Vor ihrer gemütlichen Kaffeestunde ziehen die Kaffeetanten hinter einem Trommlercorps durch die Stadt. Dabei verkünden sie, wo sie ihren Kaffee einzunehmen gedenken. An drei Tagen zieht der Kaffeetantenumzug so durch Wolfach – doch am Schmutzigen vib-rieren die Scheiben das Rathauses: Die liebreizenden Damen statten dem Schultes einen Besuch ab.

Z ahlreiche Hansel und Musikgruppen führen die drei Elfemessen an, bei denen auf närrische Weise lokale und persönliche Begebenheiten szenisch dargestellt werden. Welche Themen die Gruppen aufgreifen, bleibt ihnen überlassen. An diesem Rügebrauch können sich alle betätigen; bei der ersten Elfemess machen auch die Kindergärten und Schulen mit. Früh übt sich ...


Die Mehlwurmhansel vervollständigen das
Bild der Wolfacher Fasent. Foto: Peter Haller
Der Gullerreiter ist eine Einzelfigur.
Fotos: Ralf Siegele
Der Spättlehansel wurde erst vor wenigen
Jahren rekonstruiert. Foto: Peter Haller

Im Bett durch die Stadt
Am höchsten Wolfacher Feiertag, dem Schellenmendig, treffen sich frühmorgens Hunderte in Weiß Gekleidete vor dem Schlosstor. Sie tragen lange Nachthemden und Zipfelkappen oder Nachthauben, ihren Weg beleuchten sie mit Stalllaternen. Punkt 5.30 Uhr hebt ein infernalisches Getöse an: aus Hörnern, Pfeifen, Posaunen, mit Blechdeckeln, Stahlflaschen und Glocken, kurz: mit allem, was Krach macht. Im Zentrum der Narren im Nachtgewand liegt der Wohlaufsänger. Er ruht in seinem Bett, das auf einem Karren durch die Stadt gezogen wird. Dort, wo früher der Nachtwächter sein Lied sang, hält der Zug an. Aller Lärm und jedes Wort verstummen. Der Wohlaufsänger erhebt sich und singt:



Wohlauf! Wohlauf!
Ihr Narren hört,
Vernehmt und wisst:
Der Narrotag erstanden ist.
Der Tag fängt an zu leuchten –
Dem Narro wie dem G'scheiten.
Der Narrotag, der nie versag’.
Wünsch alle Narro
E guete Tag!



Noch ehe der letzte Ton verklungen ist, bricht der Höllenlärm erneut los und der Zug setzt sich wieder in Bewegung bis zur nächsten der zwölf Stationen. Nach einer weiteren Elfemess gibt es für die Wolfacher Narren kein Halten mehr. Alles strebt dem Höhepunkt der Fasnet zu, dem Festspiel! In einem Festumzug präsentieren sich zunächst die am Spiel beteiligten Gruppen und alles, was ein Häs trägt. Auf der Bühne vor dem Rathaus beginnt dann das Festspiel. Das älteste Stück wurde vor über 200 Jahren in Wolfach erstmals dargeboten, „Die Weibermühle von Tripstrill“, 1787 von Georg Anton Bredlin geschrieben. Inzwischen sind neue Fasnachtsspiele entstanden und über die Bühne gegangen; doch die „Altweibermühle“ ist immer noch ein Renner und wird alle fünf Jahre aufgeführt.

Der Fasnetszieschdig ist ein Stresstag – vier Umzüge bringen selbst die stärksten Fasnachtsfans an ihre Grenzen. Kaum haben die Narren die dritte Elfemess und den dritten Kaffeetantenumzug genossen, kommen die Kinder zu ihrem Recht und ihrem Umzug. Am meisten freuen sie sich auf den Brezelhans, eine meterhohe Hanselfigur, die über und über mit Brezeln behängt ist. Nach dem Umzug verteilt der Narrenrat Brezeln und Wurst an den närrischen Nachwuchs.


Mit infernalischem Lärm begleiten die Hemdglonker den Wohlaufsänger bei seinem Zug durch die Stadt.


Eine Nase schöner als die andere
Der letzte Umzug vor Aschermittwoch, der Nasenzug, beginnt vor dem Schlosstor. Kurz bevor das Tageslicht allmählich schwindet, treffen sich um die dreihundert Männer; sie tragen keine Masken, sondern setzen lediglich eine Nase auf. Selbstverständlich gleicht keine Nase der anderen. Hier erkennt man Improvisationskünstler und kreative Talente aller Stilrichtungen. Auch bei den mitgeführten Krachinstrumenten stammen die allerwenigsten aus der Musikalienhandlung.

Frauen und Mädchen ist es nicht erlaubt, an diesem Umzug teilzunehmen. Sollte dennoch eine erwischt werden, wird sie in den eiskalten Stadtbrunnen geworfen. Die Männer und Buben tragen ihre Kittel „lätz“ herum, also mit dem Futter nach außen, und am Hut einen schlichten Holzspan. Als Gürtel dient ein einfaches Seil, mit dem sich manche aneinander binden, um Verirrungen zu vermeiden. Denn jetzt bewegt sich ein langer Gänsemarsch im Zickzack und Mäander durch sämtliche Winkel, Gassen und Gaststätten der alten Stadt an der Kinzig. Nach etwa zwei Stunden ohne Halt treffen die inzwischen von einer eigenartigen Stimmung erfassten Teilnehmer am alten Lindenbaum im Schlosshof ein; in der Dunkelheit umkreisen sie ihn in einer großen Schnecke. Der Nasenzuganführer animiert sie, ihre Freude über die Fasnet hinauszujubilieren. Die alten Wolfacher Fasnetssprüche werden noch einmal inbrünstig deklamiert. Dann weist er sie allerdings darauf hin, dass die Fasnet bald „e Loch hot“. Seufzen und Wehklagen lässt das gestandenste Mannsbild durchzittern. Doch der Umzugsanführer entlässt die „Nasen“ nicht ohne Hoffnungsschimmer: Ab morgen „goht’s scho wieder degege“. Na, wenn das keine Perpektive ist.


Schwarz befrackt in tiefer Trauer
Eigentlich sollte am Dienstagabend alles vorüber sein. Doch am Aschermittwoch treten noch rund zwanzig Männer in Frack und Zylinder in Aktion: die Geldbeutelwäscher. Um 13 Uhr erscheinen sie aus dem Wäschergässle neben dem Rathaus. Jeder trägt eine lange Stange hoch aufgerichtet vor sich her, an der ein leerer Geldbeutel und eine Wurzelbürste hängen. Stumm und mit ernsten Gesichtern trotten sie hintereinander her zur Klagemauer am Finanzamt. Dort lehnen sie ihre Stecken und sich selber an die Mauer und heben zu jammern an. Im Stadtbrunnen waschen sie dann ihre leeren Geldbeutel und hängen sie zum Trocknen auf. Ein Bild des Elends, wie sie tränenüberströmt einander schluchzend um den Hals fallen, sich ihrer Liederlichkeit der vergangenen Tagen bewusst werdend! Und zu all dem macht ihnen anschließend in der „Krone“ der Oberwäscher noch ganz fürchterlich „den Rost herab“. Erst nach der Standpauke gibt’s die Stockfische. So geläutert und gestärkt sind die Herren in der Lage, beim Empfang durch den Bürgermeister die Rathauspolitik stockfischgesalzen zu kommentieren. Damit geht die Fasnacht auch in Wolfach wirklich zu Ende.


Das Oberhaupt der Narrenfamilie
Anders als in anderen Orten wacht in Wolfach nicht ein Zunftmeister über das Spektakel, sondern der Narrenvater zusammen mit dem Kleinen Narrenrat; und anders als bei anderen Zünften erhebt die „Freie Narrenzunft Wolfach“ keine Beiträge und führt keine Mitgliederlisten. Der Volkskundler Werner Mezger, der die Zunftmeister mit einer Regierung vergleicht, schreibt über die Wolfacher Verhältnisse: „Wo kein eigentlicher Verein ist, gibt es auch nichts zu regieren. Für Leute, die sich jedes Jahr nur locker wie eine große Familie zusammentun, um Fastnacht zu machen, genügt (...) ein Familienoberhaupt.“


Einzigartig in der ganzen schwäbisch-alemannischen Fasnet ist der Nasenzug, der aus-schließlich den Männern vorbehalten ist.


Der Wolfacher Fasnacht hat es nicht geschadet, im Gegenteil. Traditionen werden gepflegt, doch sie gründen sich nicht auf festgeschriebene Satzungen oder Gesetze, sondern auf ein von der Bevölkerung mitgetragenes Bestreben, die von Generation zu Generation weitervermittelten fasnächtlichen Bräuche zu erhalten. Das bedeutet nicht, dass die Fasnet vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten genauso abgelaufen wäre wie heute. Denn es bieten sich vielfältige Möglichkeiten zu gestalten und zu verändern. Gab es beispielsweise in früheren Jahren bis zu vier Schnurrsonntage, so gibt es heute noch einen; aber das Schnurren selbst blieb erhalten. Wurden beim Wohlauf 1926 noch bunte Lampions mitgetragen, so sind heute nur hölzerne Stalllaternen zu sehen. In den 1970er Jahren reagierte man auf religiöse Empfindsamkeit des evangelischen Pfarrers und änderte die zweite Zeile des Wohlfauf-Liedes, in dem es ursprünglich hieß: „Wohlauf! Wohlauf! / Im Namen des Herrn Entechrist (also Antichrist, Teufel) / Der Narrotag erstanden ist.“ So bleibt die Fasnet lebendig und erstarrt nicht in Regeln und Regularien.


Mit ernsten Mienen und leeren Geldbeuteln ziehen die Männer am Aschermittwoch zur Klagemauer beim Finanzamt. Fotos: Ralf Siegele


Vertrauen ist gut ... Kontrolle auch
Freie Narrenzunft lässt sich also auch so verstehen, dass sie sich die Freiheit nimmt, sich zu verändern. Wer aber glaubt, dies bedeute Beliebigkeit, der kennt die Wolfacher nicht. Die Narrenfamilie achtet streng auf das Aussehen der Hästräger und hört gut zu, welchen Text der Wohlaufsänger von sich gibt; eine kleine Veränderung in der Umzugsfolge kann jahrelange Debatten nach sich ziehen. Den Wolfacher Närrinnen und Narren ist ihre alterhwürdige Fasnet viel wert. Schließlich möchten sie ihr größtes Fest im Jahreslauf so feiern, wie sie es gewohnt sind: laut und bunt, vielseitig und traditionsverpflichtet, frei von Beleidigung oder Zwietracht, mit Jung und Alt und sehr, sehr lang ...


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